Wer wachen Auges auf die Welt blickt, hat einiges auszuhalten. Er verfolgt mit Schrecken grausame Kriege. Er verzweifelt an den Folgen des Klimawandels und fragt sich, wo das alles noch hinführen soll mit Künstlicher Intelligenz und wild gewordenen Despoten. Nicht jeder wird neurotisch. Aber: Was macht das mit den Menschen? Und wie ist die Gesellschaft auf die Herausforderungen vorbereitet? Antworten auf solche Fragen erwarten sich viele von einer Einrichtung, die am 12. Juli 1905 in Eglfing vor den Toren Münchens eröffnet worden ist.
Das Isar-Amper-Klinikum Region München mit Sitz in Haar ist heute eine der größten Fachkliniken für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie in Deutschland. An 13 Standorten sichert es die psychiatrische Grundversorgung für 2,5 Millionen Menschen in der Landeshauptstadt und den umliegenden Landkreisen. 4400 Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte versorgen 50 000 Patienten im Jahr, mit steigender Tendenz.
Die globalen Krisen waren omnipräsent, als das Klinikum am Donnerstag im Hubert-Burda-Saal der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern mit Gästen ihr 120-jähriges Bestehen feierte. Mit der Kultusgemeinde fühlt man sich freundschaftlich verbunden. Außerdem bot die Zusammenkunft mit 300 Gästen am Jakobsplatz Gelegenheit zu zeigen, dass man sich als Münchner Institution versteht.

„Wir leben in einer extrem bewegten Zeit“, sagte Gastgeberin Charlotte Knobloch mit Blick auf den blutigen Nahost-Konflikt, mit einem „Judenhass, wie wir ihn seit dem Holocaust nicht mehr erlebt haben“. Das führe zu „Verunsicherung und Angst“. Mit ihrem professionell medizinischen „Handeln“ setze die Klinik dem etwas entgegen. „Es ist auch ein Dienst an unserer demokratischen Gesellschaft, die eine menschliche sein soll und sein muss.“
Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) sagte: „Die psychischen Belastungen für die Menschen in unserem Land nehmen zu.“ Die Klinik leiste Arbeit auf hohem Niveau. Sie habe vorbildlich die Behandlung modernisiert und zur „Entstigmatisierung“ psychischer Erkrankungen beigetragen.
Als vor 120 Jahren die neue Anstalt eröffnet wurde, galt das schon als großer Schritt hin zu einer den Idealen des Humanismus verpflichteten Versorgung. Der Kontrast konnte größer nicht sein zu der unhygienischen und völlig überfüllen „Irrenanstalt“ an der Auerfeldstraße in Giesing. In Eglfing gab es geräumige, helle Gebäude in der Art von Pavillons.
Im Nationalsozialismus ein Ort der Barbarei
Architekten wie Künstler hatten das Ensemble nach Ideen des Psychiaters August Vocke in einem Guss passend zur damaligen Zeit mit floralen Ornamenten im Jugendstil gestaltet. Alles war eingebettet auf 45 Hektar in eine parkähnliche Umgebung, wo die Arbeit auf Feldern, in Gärten oder auch im Waschhaus und der Küche zur Genesung beitragen sollte. Bald war der Platz zu klein und es entstand als Erweiterung 1912 die Anstalt Haar. 1931 wurden die benachbarten Komplexe zusammengelegt.
Nur wenige Jahre später wurde die Heil- und Pflegeanstalt in der NS-Diktatur zu einem Ort der Barbarei. 4000 Patienten starben im Zuge der „Euthanasie“-Verbrechen. Am 20. September 1940 wurden 192 jüdische Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer wegen ihrer rassischen Zugehörigkeit von der Anstalt in Haar in eine Tötungsanstalt gebracht. Das Ereignis gilt als erster systematischer Massenmord und Vorstufe zur Schoa. Bezirkstagspräsident Thomas Schwarzenberger (CSU) sprach beim Festakt vom „dunkelsten Kapitel“ der Klinikgeschichte. Patienten, die Schutz gebraucht hätten, seien „hilflos den Tätern ausgeliefert“ gewesen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zitierte er Artikel eins des Grundgesetzes.

Die Werte einer offenen Gesellschaft wurden noch lange nach 1945 nicht gelebt. Eine vom Bundestag Anfang der Siebzigerjahre beschlossene Psychiatrie-Enquete prangerte bundesweit Missstände an und veröffentlichte ein Reformpapier, das die Psychiatrie in der Republik veränderte.
Pflegedirektorin Brigitta Wermuth ist seit 1983 an der Klinik. Die größte Veränderung aus ihrer Sicht? „Dass der Patient ein Mensch ist“, sagte sie beim Festakt. Anfangs seien Gewalt und Fixierung an der Tagesordnung gewesen. Dann sei ein neuer Geist eingezogen, „sich die Zeit zu nehmen, das Schicksal des Menschen zu sehen“. Damals begannen auch Menschen wie der von 1983 bis 1995 tätige evangelische Krankenhaus-Seelsorger Klaus Rückert, das verdrängte Morden in der NS-Zeit aufzudecken. Am Rande der Feier berichtete er, wie ihn junge Assistenzärzte ermuntert hätten. „Du bist unabhängig, dir kann keiner reinreden.“
Seit 1990 erinnert ein Mahnmal an die Ermordeten
Der Widerstand unter den Alteingesessenen sei groß gewesen. Rückert erinnert sich, dass eine Oberschwester aus der Kinderfachabteilung, in der mehr als 300 Kinder durch Medikamente ermordet wurden, ihm gegenüber „verbittert“ erklärt habe, sie fühle sich ungerecht behandelt und habe „keine andere Wahl gehabt“ und „versucht, die Kinder zu schützen“. 1990 wurde am Klinikum das erste Mahnmal errichtet für die NS-Opfer. Weitere folgten.
Die Klinik richtete sich in der Folge organisatorisch neu aus. Sie wurde vom kommunalen Unternehmen zu einem Teil des heute 50 Einrichtungen umfassenden Klinikverbunds des Bezirks Oberbayern (KBO). Die stationäre Behandlung wurde reduziert, ambulante Angebote entstanden wohnortnah wie in Fürstenfeldbruck oder Berg am Laim. Eine weitere Tagesklinik in Pasing sei genehmigt, sagte der Ärztliche Direktor Peter Brieger. Die stationsäquivalente Versorgung wurde eingeführt, bei der Patienten zu Hause betreut werden. Brieger zeigte sich zuversichtlich, dass solches Arbeiten über ein Modellprojekt nach neuer Gesetzeslage deutlich erweitert werden könne.

Und wie sehen das die Patienten und deren Angehörige? Mirko Bialas, Geschäftsführer der Münchner-Psychiatrie-Erfahrenen (Müpe), beklagte, dass Klinikabteilungen alles bestimmten. Er warb für „Netzwerkgespräche“ verschiedener kompetenter Kräfte mit den Patienten selbst. „Da muss mehr Flexibilität rein.“
Rita Wüst, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (APK), sagte, die Klinik sei auf dem richtigen Weg. Aber: eine Öffnung um jeden Preis, mit Besuchen der Ärzte und Pflegekräfte vor allem zu Hause? Das sei für die Fachkräfte nicht immer leicht und es drohe Überforderung. „Es gab Zeiten, das war ich froh, die Angehörigen in der Klinik zu wissen.“ Aus Sicht von Wüst sind Angehörige von Patienten Krisenmanager, die laufend abschätzen müssten, in was für einer Situation sich der Patient zu Hause befinde und was zu machen sei. Sie seien Experten für Krisen. Die gestresste Gesellschaft könnte von ihnen lernen.
Die Zukunftsforscherin empfiehlt weniger Gaza und mehr lokale Nachrichten
Zukunftsforscherin Florence Gaub von der Nato-Militärakademie lotete in ihrem Festvortrag „Perspektiven für eine resiliente Gesellschaft“ aus. Kinder hätten keine Vorstellung von der Zukunft, sagte sie. Ihnen fehle der Resonanzboden. „Je bewusster man sich über seine Vergangenheit ist, desto besser kann man in die Zukunft schauen.“ Wichtig seien Visionen, um Wege aufzuzeigen, damit Menschen „Eigenwirksamkeit“ spürten und sich mitgenommen fühlten.
Die Fähigkeit, sich eine Zukunft auszumalen, mache den Menschen aus. Als „gefährlichen Mythos“ bezeichnete sie den Glauben an ein besseres Leben in ursprünglichen Gesellschaften. Menschen seien dort psychisch nicht weniger belastet. Die Kriegsnachrichten am Handy-Ticker würde sie aber nicht laufend konsumieren. „Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, immer live dabei zu sein.“ Sie empfahl weniger Gaza und mehr lokale Nachrichten. Und: Lesen Sie Bücher, hören Sie Podcasts.

