Haar Mobilitätsmix statt Straßenbau

Haar lässt ein umfassendes Verkehrskonzept erstellen

Von Bernhard Lohr, Haar

Die Bürger wurden befragt, Autos wurden gezählt: Jetzt machen sich im Auftrag der Gemeinde Planer daran, ein integriertes Mobilitätskonzept für die gesamte Gemeinde zu erstellen. Der Bauausschuss des Gemeinderats hat am Dienstagabend gegen Stimmen aus der CSU beschlossen, den Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum für knapp 100 000 Euro eine solche Studie erstellen zu lassen. In den bis zu eineinhalb Jahre dauernden Prozess sollen die Bürger über Versammlungen, einen Arbeitskreis und ein Internet-Portal einbezogen werden. "Jeder ist vor seiner Haustür der Spezialist", sagte Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD). Der Gemeinderat muss noch zustimmen.

An Input von Seiten der Haarer dürfte es nicht fehlen. Längst ist auf Bürgerversammlungen der Verkehr das Thema Nummer eins. Und es ist ein Gebiet, das weiter an Brisanz gewinnt. Denn die Verkehrsströme nehmen wegen neuer Wohn- und Gewerbegebiete zu. Die Entwicklung in Gronsdorf mit Schulcampus und neuen Wohnblöcken wirft Fragen auf. Ganz konkret sind derzeit die Klagen über den dichten Verkehr auf der B 304, auf der Leibstraße, wo sich die Autos an der Kreuzung zur Wasserburger Straße oft weit zurückstauen, aber auch auf der B 471 etwa in Ottendichl. Mit dem Mobilitätskonzept soll nun aber erstmals nicht an einzelnen, neuralgischen Punkten der Verkehr betrachtet werden. Stadtplanerin Birgit Kastrup sagte am Dienstag im Bauausschuss, es gehe um ein Gesamtpaket, um gute Verbindungen für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer mit Blick auf eine attraktives Wohn- und Arbeitsumfeld in einer Gemeinde. Ein "Mobilitätsmix" werde die Lösung sein.

So wird Kastrup mit ihren Mitarbeitern darauf schauen, wie bestimmte Verkehrswege in Haar genutzt werden. Wie viele Autos fahren auf einer bestimmten Straße? Handelt es sich um Durchgangsverkehr? Oder ist die Straße nicht vor allem sogar als Radverbindung und fußläufiger Schulweg wichtig? Dann könnte ein Umbau, vielleicht sogar Rückbau sinnvoll sein. Handlungskonzepte sollen erstellt werden, um eventuell Fahrradstraßen anzulegen oder an gewissen Orten sogenannte "multimodale Verknüpfungen" zu ermöglichen; also Fahrradverleihstationen in Verbindung mit Parkangeboten, um Menschen zum Umsteigen zu motivieren.

Petra Tiedemann (Grüne) begrüßte den Ansatz, der helfen könne, ganz neue Ideen reinzubringen in die Haarer Verkehrsdebatte. Bisher sei etwa noch nie über sogenannte Shared Spaces gesprochen worden, also Verkehrsflächen, auf denen sich Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gleichberechtigt begegnen. Alexander Zill (SPD) zeigte sich erfreut, dass man Verkehrsfragen endlich vorausschauend angeht statt immer nur auf Probleme zu reagieren. Es könne nicht die Lösung sein, bei Verkehrszunahme die Forderung nach neuen, breiteren Straßen zu erheben.

Dietrich Keymer (CSU) war dagegen der Ansatz zu wenig konkret. Er pochte darauf, etwa ganz speziell die Verkehrssituation an der Kreuzung von Leibstraße und B 304 zu analysieren und sich - auch handfest - daran zu machen, die Planung der Nordspange zwischen Eglfing und Gronsdorf/Trudering anzupacken. Er sei "sehr skeptisch", dass das Mobilitätskonzept Haar voranbringe. Er sprach von einer "Papierübung". "Der Rückbau von Straßen ist unser geringstes Problem."