Baumängel:Eine Grundschule voller Gefahrenstellen

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Baumängel: Im September vergangenen Jahres wurde der Erweiterungsbau der Grundschule am Jagdfeldring eingeweiht.

Im September vergangenen Jahres wurde der Erweiterungsbau der Grundschule am Jagdfeldring eingeweiht.

(Foto: Claus Schunk)

Im Neubau am Jagdfeldring wären zweimal beinahe Fenster beim Öffnen aus den Angeln gekippt. Die Gemeinde will zur Sicherung kurzfristig Gurte anbringen und dann nach und nach die Verankerung austauschen lassen.

Von Bernhard Lohr, Haar

Das Schulgebäude ist nagelneu - und wird auch immer wieder für seine Ästhetik und Zweckmäßigkeit gelobt. Trotzdem wird Rektorin Carolin Friedl in wenigen Tagen drei Kreuze schlagen, dass das erste Schuljahr im modernen Erweiterungsbau der Grundschule im Jagdfeld ohne größeren Unfall überstanden worden ist. Denn wie sich mittlerweile herausgestellt hat, hätte bei entsprechender Beanspruchung jederzeit eines der großen, schweren Fenster aus der Verankerung kippen und auf ein Kind fallen können. Zwei Vorfälle hat es gegeben, bei denen zum Glück nichts Schlimmeres passiert ist. Die Gemeinde Haar hat dann aber genauer hingeschaut und sieht sich jetzt gezwungen, kurzfristig Sicherungsmaßnahmen zu ergreifen: Es werden Gurte angebracht. Und dann müssen etwa 100 Fenster mit neuen Beschlägen versehen werden. Der Ärger ist groß.

Als Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) am Dienstagabend im Bauausschuss des Gemeinderats auf die immer noch nicht ganz abgeschlossene Baustelle im Jagdfeld zu sprechen kam, stand schnell die Frage im Raum, ob Schüler gefährdet seien. Dietrich Keymer (CSU) hakte wiederholt nach und forderte dringend dazu auf, einen unabhängigen Sachverständigen einzuschalten und Versicherungsfragen zu klären. Erschwert wird die Aufklärung der Hintergründe des Baumangels durch die Insolvenz der Firma, die am 8. Juli vom Amtsgericht Nürnberg bekannt gemacht worden ist. So viel ist jedenfalls schon klar: Es wurden Beschläge eingebaut, die nicht dem gemäß Auftrag geforderten Standard entsprechen. Schulleiterin Carolin Friedl wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Vorgang äußern. Es gehe um technische Fragen, sagte sie, diese könnten Pädagogen nicht ausreichend beurteilen.

Aufgeflogen ist das Ganze durch die beiden Vorfälle, nach denen Fenster zumindest schief in den Angeln hingen. Bürgermeister Bukowski erläuterte, dass in einem Fall ein "Montagefehler" ursächlich gewesen sei. Das andere Mal sei es um "unsachgemäße Nutzung" gegangen. Es hängte sich offenbar beim Öffnen ein Kind an den Fensterflügel, was in einer Schule natürlich vorkommen kann. Laut Bukowski entsprechen die verwendeten Beschläge der erforderlichen Norm. Mit bloßem Auge sei kein Mangel festzustellen. Aber wegen der beiden Beinahe-Unfälle sei man der Sache nachgegangen und habe entdeckt, dass Material von minderer Qualität verbaut worden sei. Reimar Pfalz, Leiter der Abteilung Bautechnik im Bauamt, berichtete konkret von einem "Fensterbandbruch". Das Fenster "drohte aus den Angeln zu fallen".

Die Gemeinde hat ihren Anwalt eingeschaltet. Es geht um Schadenersatz und mehr

Die Gemeinde hat einen Anwalt eingeschaltet, um Schadenersatz geltend zu machen und weitere Fragen zu klären. Denn es geht auch darum, ob Schüler fahrlässig gefährdet worden sind und ob das schon früher jemandem hätte auffallen müssen. Auf eine entsprechende Frage von Peter Schießl (SPD) hin verwies Reimar Pfalz auf die externe Bauaufsicht, die man tatsächlich eigens für das Großprojekt an der Jagdfeld-Grundschule installiert habe. Auch mit der Frage, ob dieser Versäumnisse vorzuwerfen seien, werde sich der Anwalt der Gemeinde beschäftigen, sagte Pfalz. Zuletzt hatte es in der Gemeinde Ärger gegeben, weil die Bauaufsicht erst Mehrkosten beim Bau von etwa einer Million Euro gemeldet hatte, als die Schule schon monatelang in Betrieb war.

Baumängel: Gurte sollen bis auf weiteres verhindern, dass die Fenster in den Klassenzimmern zu weit gekippt werden.

Gurte sollen bis auf weiteres verhindern, dass die Fenster in den Klassenzimmern zu weit gekippt werden.

(Foto: Claus Schunk)

Was die Kosten angeht, haben sich zuletzt die Wogen etwas geglättet. Nachdem zunächst eine Sondersitzung des Gemeinderats im Raum gestanden war, beruhigte sich die Lage wieder. Die Differenzen seien weitgehend bei einem Jour-fixe ausgeräumt worden, sagte Bukowski. Auf 40,2 Millionen Euro sind die Baukosten mittlerweile taxiert. 39 Millionen Euro sind an finanziellen Mitteln im Haushalt eingeplant. Wie teuer die Gemeinde als Bauherrin der Ärger mit den Fenstern zu stehen kommen wird, ist noch unklar. Dietrich Keymer, der selbst Anwalt ist, warnte das Bauamt jedenfalls vor zu großem Optimismus, von einer insolventen Firma noch irgendetwas zu erhoffen.

Bisher gilt laut Rathaus die Vereinbarung, dass die Kinder im Schwenkkreis der Fenster nicht sitzen dürfen, wenn diese geöffnet werden. Bürgermeister Bukowski sagte zu, kurzfristig mit Gurtbändern die Fenster sichern zu lassen, damit ein gewisser Neigungswinkel nicht mehr überschritten werden kann. An diesem Samstag sollen die Sicherungsmaßnahmen beginnen. Kommende Woche wird ein TÜV-Sachverständiger die Schule besuchen. Nach den Sommerferien müssen voraussichtlich im laufenden Schulbetrieb Schritt für Schritt die Fenster an der Schule ausgebaut, die Bänder ausgetauscht, und die Fenster wieder eingebaut werden. Es sei daran gedacht, das Klassenzimmer für Klassenzimmer anzugehen, sagte Pfalz. Die jeweiligen Klassen könnten tageweise jeweils in einen temporär genutzten Raum ausweichen. Aufgrund der Kürze der Zeit werde es jedenfalls nicht gelingen, die Arbeiten in den Ferien abzuwickeln. Das Gewerk müsse ausgeschrieben werden und Handwerker seien aktuell bekanntlich schwer zu bekommen.

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