Die Daunenjacken hängen an der Garderobe vor der Tür. Drinnen im Bürgerhaus sitzen die Haarer an diesem kühlen Januarabend Schulter an Schulter im Warmen. Viele haben Block und Stift in der Hand. Und alle warten gespannt, was der Bürgermeister, die Leute von der Energieagentur und von den Stadtwerken erzählen werden. Es geht um den Wärmeplan, also darum, wie die 25 000 Einwohnerinnen und Einwohner künftig klimaschonend ihre Wohnungen warm bekommen. Und: Was das den Einzelnen kostet.
Als in den Neunzigerjahren die Rathäuser im Münchner Umland begannen, die Versorgung ihrer Bürger in kommunale Hände zu nehmen, war Haar vorn dabei. Zunächst wurden 1998 die inzwischen in Stadtwerke umbenannten Gemeindewerke und eine Gasversorgung GmbH gegründet, 2000 eine Stromversorgung GmbH. In Eglfing entstand ein Nahwärmenetz und das Bayernwerk nahm ein mit Gas betriebenes Blockheizkraftwerk in Betrieb. So lief das lange gut. Man verkaufte Gas und Strom und die Leitungsnetze wuchsen. Doch jetzt hat man ein Problem.
Denn es gilt, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Der Wärmebereich macht in Haar mit etwa 50 Prozent den größten Anteil am Energieverbrauch aus. Und davon laufen 60 Prozent über Erdgas, während der Anteil erneuerbarer Energiequellen bei 17,8 Prozent liegt. Damit bewegt sich Haar ziemlich genau im bundesweiten Durchschnitt. Was die Stadt erlebt, gilt fürs ganze Land.
Seit Kurzem liegt in Haar der vom Gesetzgeber eingeforderte Wärmeplan auf dem Tisch. Patricia Pöllmann vom Institut für nachhaltige Energieversorgung (Inev) aus Rosenheim hat das 121 Seiten dicke Werk erstellt. Sie bereitet die Haarer an dem Abend mit knappen Worten auf die Größe der Aufgabe vor. „Es ist ein Haufen Arbeit“, sagt sie. Inev hat untersucht, was für alternative Energiequellen in Haar genutzt werden könnten und sich sogar angeschaut, ob das Abwasser ausreichend und warm genug ist, um energetisch genutzt zu werden.
Das ist verworfen worden, stattdessen ist man zu dem Schluss gekommen, dass ein Fernwärmeausbau sinnvoll ist. „Wir sehen, dass wir in Haar eine sehr, sehr dichte Bebauung haben“, sagt Pöllmann. Damit biete sich eine Erweiterung des Leitungsnetzes an. Dafür haben die Stadtwerke mit der Bayernwerk Natur bereits die Wärmeversorgung Haar GmbH gegründet.

Erschließungsgebiet für Fernwärme ist das Stadtzentrum mit Bahnhofstraße und Leibstraße, öffentliche Gebäude wie das Rathaus und das bis heute mit Gas beheizte Bürgerhaus sollen angebunden werden. Auch ein Anschluss der Schulen ist vorgesehen. Vor allem aber geht es um die Hochhaus-Siedlung im Jagdfeld jenseits der Wasserburger Straße.
Als großen Schritt bezeichnet der Geschäftsführer der Wärmeversorgung Haar, Boris Rührmeier, bei der Veranstaltung im Bürgerhaus, die Wohnungs- und Siedlungsbau Bayern Servicegesellschaft mbH aus München als wichtigen Kunden gewonnen zu haben. Der Versorgungsvertrag umfasse eine jährliche Liefermenge von etwa zehn Gigawattstunden (GWh) umweltfreundlicher Fernwärme für Bestandsgebäude im Jagdfeld. „Und auch weitere Großkunden haben bereits Interesse an einem Anschluss ans Fernwärmenetz bekundet.“
Laut Rührmeier soll im ersten Quartal 2027 mit dem Bau der Fernwärmeleitungen begonnen werden. Noch warte man auf Förderzusagen vom Bund, was ein Jahr dauern könne. Ende 2028 könnte man im Jagdfeld angelangt und die großen Wohnblöcke angeschlossen haben. Es stünden massive Arbeiten an, für die zwei Rohre müssten die Straßen auf 2,5 Meter Breite aufgegraben werden, sagt Rührmeier: „Sie werden es merken, wenn wir zu arbeiten anfangen.“

Die Anwohner werden den Baulärm erleben. Und sie fragen sich, was sonst noch kommt. Eine 34-jährige Bankangestellte, die ihren Namen nicht nennen mag, stellt an dem Abend ernüchtert fest, dass ihr Haus zwar an einer Fernwärmeleitung Richtung Jagdfeld liegt, aber knapp nicht im Erschließungsgebiet. Die Heizung in ihrem Haus sei gerade kaputt, sagt sie, und frage sich, was sie jetzt machen solle. Kurzfristig werde sie ihre Heizung natürlich reparieren lassen. Aber dann? Werde irgendwann doch ein Fernwärmeanschluss kommen?
„Wir können nicht in kurzer Zeit ganz Haar umbauen“, betont Geschäftsführer Rührmeier. Aber 2028 werde nicht Schluss sein. Man werde dann wohl angrenzende Gebiete angehen. Das Interesse ist groß. Es kommen Fragen aus der Dianastraße. Eugen Reithmann, der im Physikerviertel wohnt, ist interessiert. Ihn schreckt nicht, wenn das noch zehn Jahre dauert. „Ehrlich gesagt, ist das schnell“, sagt er. „Ich habe eine Wärmepumpe, die ist dann kaputt.“
Zuallererst hatte sich die Stadt auf die Suche nach Alternativen zum Gas gemacht. Geothermie war in Haar lange außer Acht gelassen worden. Mittlerweile ist man mit Zorneding und Grasbrunn am Aufbau des Geothermie-Kraftwerks in Vaterstetten beteiligt. Im Jahr 2027 soll gebohrt werden und 2028 könnte den vier Kommunen eine Wärmeleistung von insgesamt gut 20 Megawatt zur Verfügung stehen. Haar will von 2029 oder 2030 an von dort über eine Fernleitung Wärme beziehen. Außerdem setzen die Stadt und ihre Stadtwerke mit ihrem Partner Bayernwerk Natur auf die zwei mit Biogas laufenden Blockheizkraftwerk-Einheiten mit insgesamt vier Megawatt Leistung in Eglfing.
Zusätzlich wird der Bau von zwei mächtigen Grundwasserwärmepumpen vorbereitet. David Philipp von Bayernwerk Natur kündigt im Bürgerhaus an, dass in Kürze Probebohrungen in Eglfing abgeschlossen werden. Der Bau eines Kraftwerks-Gebäudes für die Großpumpen sei neben dem Blockheizkraftwerk vorgesehen.
Auf drei Megawatt Leistung sollen die Grundwasserpumpen ausgelegt sein. Laut Philipp ist mit diesen die notwendige Energie für den Ausbau des Fernwärmenetzes fürs Erste abgesichert. Eine Erweiterung sei möglich, die Grundwasserverhältnisse seien für den Betrieb solcher Pumpen in Haar vorteilhaft. Die reinen Gaskessel am Blockheizkraftwerk, die aktuell die Spitzenlast abdecken, sollen Philipp zufolge zumindest so lange weiter eingesetzt werden, bis die Geothermie zur Verfügung steht. Den Pfad zur CO₂-Reduzierung wolle man weiter beschreiten, auch mit zusätzlichen Anschlüssen.
Fragen nach Preisen und Anschlusskosten werden nur vage beantwortet
Von den potenziellen Kunden interessieren sich viele für die Kosten. Ein Besucher wirft in den Raum, für einen Anschluss könnten 30 000 Euro fällig werden. Eugen Reithmann fragt nach der künftigen Preisstruktur. Hermann Schmidt-Ehrenberg beklagt, dass man einem Fernwärmeanbieter ausgeliefert sei, auch wenn dieser in Schwierigkeiten gerate. Die Preisgestaltung bei der Fernwärme sei oft undurchsichtig. Und überhaupt: „Was kostet uns die CO₂-Bepreisung?“
Viele dieser Fragen bleiben offen, Antworten vage. Rührmeier sagt, der Fernwärmepreis werde identisch sein zum Preis in Eglfing, bei der aktuellen Erzeugerstruktur. Aber was heißt das? Was ist, wenn die Geothermie dazukommt? Das wisse er nicht, sagt der Geschäftsführer der Wärmeversorgung. Noch habe man in Vaterstetten nicht einmal gebohrt.
Den verstärkten Ausbau mit Wärmepumpen, die unter Einsatz von Strom etwa eine dreifache Wärmeleistung erbringen, will Haar mit einer Freiflächen-Photovoltaikanlage unterstützen und auch finanziell erleichtern. Der Bau der Anlage mit 18 Megawatt Leistung könne angegangen werden, verkündet Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU). Für die vier Feldlerchenpaare, die auf dem Areal zwischen Eglfing und Salmdorf brüteten, seien Ausgleichsflächen gefunden.
Wenn all das greift, könnte das Gasnetz in Haar tatsächlich überflüssig werden. „Eine sehr große Frage ist, was passiert mit dem Gasnetz“, sagt Patricia Pöllmann deshalb. Und Boris Rührmeier hat die nächste Baustelle vor Augen. Das Stromnetz, so wie es jetzt ausgestaltet sei, sagt er, „wird dem Ausbau nicht standhalten“.

