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Haar:Die nächste Zäsur

Ferdinand Ulrich machte "Euthanasie" zum Thema.

(Foto: Privat)

Ferdinand Ulrichs Werk, der das Psychiatrie-Museum mit aufgebaut hat, trägt Früchte

Als Ferdinand Ulrich im Jahr 1970 an das damalige Bezirkskrankenhaus Haar kam, ging auch dort die bleierne Zeit langsam zu Ende. Es waren die Jahre der Studentenrevolte und der kritischen Nachfragen an die Elterngeneration, die nach dem Krieg erst einmal wenig Bereitschaft gezeigt hatte, die Verbrechen der NS-Diktatur aufzuarbeiten. An der größten psychiatrischen Klinik in Bayern wurden die als "Euthanasie" beschönigten Morde noch tunlichst verschwiegen. Mit jungen Leuten wie Ulrich änderte sich das. Er leistete damals als einer der noch wenigen Kriegsdienstverweigerer in Haar seinen Zivildienst ab, später baute er mit Alma Midasch und Günter Goller das Psychiatrie-Museum auf.

Jetzt, da Ulrich nach vielen Jahrzehnten am Haarer Klinikum seinen Abschied aus dem Berufsleben genommen hat, können er und seine Mitstreiter, zu denen auch der evangelische Pfarrer Klaus Rückert gehört, sehen, dass sie wirklich viel erreicht haben: 2005, zur 100-Jahr-Feier der Psychiatrischen Klinik in Haar, wurde das Museum eröffnet. Gerade wird das in einem Nachbargebäude der Hauptverwaltung gelegene Museum neu gestaltet, auch um die NS-Zeit neu zu präsentieren. Ein eigener Raum wird laut Kliniksprecher Henner Lüttecke dafür eingerichtet. Dort werde auf die Euthanasie-Verbrechen im Deutschen Reich im Allgemeinen und auf die Verbrechen in Haar im Speziellen eingegangen. Auch würden vier Tafeln angefertigt, auf denen die Biografien von Ermordeten nachgezeichnet werden. Eine von ihnen war Edith Hecht, die am 23. Dezember 1944 in Haar mit 13 Jahren durch Nahrungsentzug und Medikamentenbeigabe umgebracht wurde. 332 Kinder und Jugendliche starben so im Kinderhaus in Haar. Gerade erst werden die Namen der Toten bekannt. 2018 wurde eine Straße nach Edith Hecht benannt, Gedenkbücher werden aufgelegt. Man geht von 4000 Opfern aus, die in Haar starben oder von dort in Tötungsanstalten gebracht wurden.

Was Ferdinand Ulrich und die anderen anstießen, als sie nachfragten und Dokumente und Gegenstände fürs Museum sammelten, ist in eine grundlegende Aufarbeitung der Historie in Haar gemündet. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, und die Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Aleida Assmann, haben sich daran beteiligt. Ferdinand Ulrich, der als Pfleger lange in leitender Funktion in Haar tätig war, stand mit seiner Erfahrung Pate. "Gerade viele Schulklassen nutzten das Museum, um sich einen Überblick über die NS-Zeit zu machen", sagt Ulrich heute. Mehr als 26 000 Menschen haben das Museum inzwischen besucht. In einigen Wochen soll laut Lüttecke der neu gestaltete Raum zur NS-Zeit eröffnen.

© SZ vom 12.06.2021 / belo
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