DemenzMit den Liedern kommt die Erinnerung zurück

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Musiktherapeutin Ute Rentmeister bringt die Sängerinnen und Sänger alle paar Wochen am Isar-Amper-Klinikum zusammen.
Musiktherapeutin Ute Rentmeister bringt die Sängerinnen und Sänger alle paar Wochen am Isar-Amper-Klinikum zusammen. (Foto: Claus Schunk)

Im Isar-Amper-Klinikum in Haar treffen sich Demenzpatienten regelmäßig zum gemeinsamen Singen. Dabei erleben sie und ihre Angehörigen immer wieder überraschende und emotionale Momente.

Von Bernhard Lohr, Haar

Herbert Maier ist kurz draußen. Als er mit seiner Frau zurück in den Saal kommt, singen alle gerade sein Lied. „Ein schöner Tag“, klingt es aus 24 Kehlen. Unsicheren Schrittes bewegt sich der alte Mann, der eigentlich anders heißt, mit dem Rollator zu seinem Stuhl. Er sitzt noch gar nicht wieder im weiten Kreis, schon bewegen sich seine Lippen. „Ein schöner Tag voll Harmonie ist wie ein Edelstein“, singt er die deutsche Version von „Amazing Grace“ mit all den anderen. Sein Blick geht nach vorn, als er wieder sitzt. Das Textblatt, das seine Frau neben ihm hochhält, beachtet er nicht.

Alle paar Wochen kommt der Demenzchor am Isar-Amper-Klinikum München-Ost in Haar zusammen. Das Musikzimmer im Haus drei ist an diesem sonnigen Tag von Licht durchflutet. Musiktherapeutin Ute Rentmeister sitzt an der Gitarre, und alle haben das Buch mit dem Namen „Spiel mir eine alte Melodie“ in der Hand, das Texte von bekannten Schlagern wie „La Paloma“ und Volksliedern enthält, die viele Ältere seit ihrer Jugend kennen.

Nur das Blatt mit dem Lied „Ein schöner Tag“, das Herbert Maier singt, als wäre er ein junger Mann, hat Rentmeister eigens ausgedruckt und verteilt. Sie ist beeindruckt, was das Lied bei ihm bewirkt. So vieles verschwinde bei alten Menschen durch Demenz, sagt sie. Aber vieles bleibe auch. Musik schaffe den Zugang dazu. „Die emotionale Ebene ist nicht beeinträchtigt. Das wird total übersehen.“

Der Anstoß zu dem Demenzchor kam von Jens Benninghoff, bald nachdem er 2017 als Chefarzt das Zentrum für Altersmedizin und Entwicklungsstörungen am Klinikum übernommen hatte. Die Wissenschaft versteht die degenerativen Entwicklungen im Gehirn alternder Menschen immer besser. Und sie setzt – neben neuen Medikamenten – darauf, Betroffene möglichst in frühem Stadium schon mit allen Sinnen anzusprechen.

Mit Singen und Tanzen würden Krankheitsprozesse gebremst und man gewinne an Lebensqualität, sagt Benninghoff. Was das Singen bewirkt, ist nicht nur bei Herbert Maier zu beobachten, der fokussiert und kraftvoll singt. Eine Frau mit rosa Blume im Haar, die zur rosa Bluse passt, singt eher leise vom Textblatt ab, das ihr Begleiter neben ihr in die Höhe hält. Sie lächelt und sagt dann: „Ich bin 90 Jahre alt. Ich singe zu Hause. Musik ist die Sprache der Engel.“

Die Chorstunde ist ein Gemeinschaftserlebnis, das viele sichtlich berührt und intensiv genießen. Der Demenzchor hat sich über die Jahre etabliert. Ute Rentmeister war nach eigener Aussage selbst überrascht, wie er sich entwickelt hat. Während der Corona-Pandemie war zwei Jahre Pause. Doch das habe dem Projekt nichts anhaben können, sagt die Therapeutin. Manche Sängerinnen oder Sänger seien Patienten aus der Klinik. Auch Personal komme vorbei. Andere kämen aus der Nähe und manche von weiter her. Und die Besucher seien treu, so wie Herbert Maier und seine Frau. Eineinhalb Jahre seien sie nicht mehr dagewesen, weil es ihnen nicht so gut gegangen sei. Und heute seien beide wieder aufgetaucht. Deshalb hat Rentmeister Maiers Lied singen lassen.

Passend zur Jahreszeit geht es oft um Frühling

Die Therapeutin bereitet die Chorstunde vor, überlegt sich Lieder wie an diesem Tag, an dem es passend zu Wetter und Jahreszeit oft um Frühling geht, um Aufbruch und Optimismus. Aber Rentmeister möchte niemandem etwas aufzwingen. Es kann ja auch jeder kommen und gehen, wenn er will und wann er will  – es gibt keine Anmeldung und keine Hürden. Ihr sei eine lockere Atmosphäre wichtig, sagt Rentmeister. Das merkt man, als sich jemand wünscht, gemeinsam „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ anzustimmen. Rentmeister greift das auf, begleitet an der Gitarre.

Ein Mann improvisiert und legt seine Stimme einen Tick höher drüber. „Das war sehr schön“, sagt einer hinterher. „Und wir sind so gut“, sagt der Sangesfreudige, der gerne mal ein wenig aus der Reihe singt. Rentmeister nimmt das ruhig und freudig auf. „Die Kunst ist mitzuschwingen“, sagt sie. Es seien wertvolle Minuten, ein intensives Erleben für alle.

Eine große, gemischte Runde: Ohne Anmeldung kann jeder kommen und mitsingen.
Eine große, gemischte Runde: Ohne Anmeldung kann jeder kommen und mitsingen. (Foto: Claus Schunk)

Herbert Maiers Lied trifft bei manchem einen Nerv, ob mit Demenz oder ohne. Eine Frau greift mit feuchten Augen zum Taschentuch, als die Zeile „Was immer kommen mag, es bleibt dir die Erinnerung an einen schönen Tag“ erklingt. Ein jüngerer Mann im Rollstuhl weint ergriffen. Er leidet wegen eines Aneurysmas an mentalen Beeinträchtigungen.  „Wir sind das erste Mal hier“, sagt die Tochter einer modisch gekleideten 80-Jährigen, die teils kräftig mitsingt, teils mit strahlendem Lächeln das Geschehen verfolgt. Es sei wunderbar, auch die Örtlichkeit mache Lust darauf, dabei zu sein, der helle, weite Musikraum mit den vielen Instrumenten: „Nicht nur irgendeine Mehrzweckhalle.“ Ihre Mutter lächelt und sagt: „Ich hab' auch Demenz. Ist nicht so cool.“

Nach der Singstunde ist die 80-Jährige regelrecht beschwingt. Sie erzählt von ihrer Jugend, als sie an der St.-Anna-Oberschule in München im Chor gesungen hat, und erinnert sich hörbar stolz an Momente, in denen sie die erste Stimme sang. „Ich habe immer viel gesungen“, erzählt sie. Die Tochter nickt und bestätigt, dass ihre Mutter viele Liedtexte auswendig könne und an Weihnachten zu ihrer eigenen Überraschung auf Lateinisch Lieder gesungen habe.

„Das Schöne ist, dass Demente und Angehörige wieder mal auf einer Ebene sind“

Musiktherapeutin Ute Rentmeister kennt das aus jahrelanger Erfahrung. Sie hat beobachtet, dass Demenzpatienten beim Singen Gesunden in nichts nachstehen: „Die Kranken haben ein Potenzial.“  Chefarzt Benninghoff bestätigt das: „Das Schöne ist, dass Demente und Angehörige wieder mal auf einer Ebene sind.“ Der Chor ermögliche „gemeinsame Erlebnisse“.

An diesem Tag stimmen die 24 Chorsänger an dem Tag auch „My Bonnie is over the Ocean“ an. Das Lied hat sich eine Frau gewünscht, die vor vielen Jahren in England gelebt hat. „Manche Lieder haben eine Geschichte“, sagt Rentmeister. Die Musik sei der Schlüssel zu Erinnerungen an vergangene Zeiten.

Dass für Herbert Maier die deutsche Version von „Amazing Grace“ eine besondere Bedeutung hat, zeigt sein intensiver Vortrag. Aber das Lied über die Erinnerung an einen schönen Tag steht für Chorleiterin Rentmeister mittlerweile auch für all das, was den Demenzchor ausmacht. Ute Rentmeister erzählt, wie sie einst die ersten beiden Strophen mit dem Chor gesungen habe. Als Herbert Maier dann einfach weitergesungen habe, habe sie erst gemerkt, dass es weitere Strophen gebe. Mittlerweile singt der Chor das ganze Lied bis zur sechsten Strophe.

Die 80-jährige Münchnerin, die zum ersten Mal dabei ist, ist seit einiger Zeit Patientin am Zentrum für Altersmedizin in Haar. Chefarzt Benninghoff hat ihr und ihrer Tochter empfohlen, zum Demenzchor zu gehen. Und es hat der alten Dame offensichtlich gefallen: „Hier merkst du, du bist ein Mensch“, sagt sie. Mit der Chorleiterin fachsimpelt sie beim Gehen über den Unterschied von Sopran und Mezzosopran, den sie früher gesungen habe. Und verabschiedet sich mit den Worten: „Ich komme wieder.“

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