Das Hochamt der CSU hat Chrisostomos Liatsos noch in Passau gefeiert. Auf dem politischen Aschermittwoch applaudierte der 19-jährige Stadtratskandidat aus Haar mit seinen örtlichen Parteifreunden Markus Söder. Er machte Selfies mit allen Prominenten, die ihm über den Weg liefen – von Innenminister Alexander Dobrindt bis zu EU-Spitzenmann Manfred Weber – und postete diese in den sozialen Netzwerken. Zwei Tage später verließ Liatsos die CSU und noch einmal drei Tage später bekannte er sich offen zu seinem Übertritt zur AfD. Zwei Wochen vor der Kommunalwahl.
Mittlerweile häufen sich die Fragen. Wie kommt es, dass jemand so plötzlich die Seiten wechselt? Und überhaupt: Wie tickt dieser junge Mann?
Derweil treten Hinweise auf eine äußerst rechte Gesinnung des Immer-noch-CSU-Kandidaten zutage. Wer den Instagram-Kanal von Liatsos öffnet, findet unter „Kontakt“ die E-Mail-Adresse „chriso88@gmx.net“. Die Chiffre „88“ ist unter Rechtsextremen verbreitet und steht für „Heil Hitler“. Auf eine SZ-Anfrage, wie es zu dem Bruch mit der CSU gekommen ist, erklärt Liatsos, die CSU habe sich immer weiter nach links bewegt. Er finde sich dort als streng Konservativer nicht mehr wieder. Und die E-Mail-Adresse? Die habe er seit „mindestens zehn Jahren“, sagt er, 88 sei die Zahl zwischen 87 und 89, eine runde Zahl. 1988 sei der Uropa gestorben.
Mittlerweile postet der 19-jährige Deutsch-Grieche Schulter an Schulter mit dem AfD-Bürgermeisterkandidaten Christoph Rätscher Solidaritätsadressen und auch einen Film, in dem Rätscher seinen politischen Gefährten sichtlich amüsiert fragt, ob ihm seinerzeit bei der Aufnahme in die CSU jemand gefragt habe, was er politisch so denke. „Überhaupt nicht“, sagt Liatsos in dem Film. Er habe damals online den Antrag gestellt – und fertig. In Haar wurde er dann Beisitzer im Vorstand der Jungen Union und Stadtratskandidat auf Listenplatz 23. Auf SZ-Nachfrage erklärt er, seine politische Gesinnung habe sich seit Jahren nicht geändert
Nach Ansicht von SPD und Grünen bleibt die CSU „auf halbem Weg“ stehen
Zu den Hintergründen des Seitenwechsels erklärt CSU-Ortsvorsitzender Dietrich Keymer schriftlich, es habe mit Liatsos zwei Tage nach Aschermittwoch ein Gespräch gegeben, bei dem man diesen mit „von dritter Seite erhobenen Vorwürfen“ konfrontiert habe, die er „nicht ausräumen konnte oder wollte“. Daraufhin habe Liatsos eine ihm vorgelegte Erklärung unterschrieben, dass „er im Falle einer Wahl der CSU-Stadtratsfraktion nicht angehören wird“. Er sei „mit sofortiger Wirkung“ aus der CSU ausgetreten. Man distanziere sich deutlich von diesem Kandidaten, schreibt Keymer. Damit bestehe Klarheit. Liatsos erklärt dagegen auf SZ-Anfrage, er sehe „keinen Anlass“, im Fall seiner Wahl, auf sein Mandat zu verzichten. Vielmehr werde er dann „einen Antrag zur Aufnahme in die zukünftige AfD-Fraktion stellen“.
Die CSU sieht bei dem Abtrünnigen eine „Kurzschluss“-Handlung und erklärt in einer Mitteilung, „Tendenzen“ in Richtung AfD seien bei diesem vorab nicht erkennbar gewesen. Auf Nachfrage hält der CSU-Chef eine schärfere Abgrenzung nicht für notwendig. Zu der Mail-Adresse mit Nazi-Code äußere er sich nicht.
SPD und Grüne in Haar werfen der CSU indes vor, sich nicht frühzeitig mit der politischen Haltung des jungen Mannes befasst zu haben. Grünen-Bürgermeisterkandidat Ulrich Leiner erklärt, Liatsos habe im September 2025 in einem Tiktok-Video über die angebliche EU-Forderung nach Abschaffung von Bargeld „ein typisch rechtes Narrativ“ bedient. Die Werteunion und das Bündnis Deutschland habe er als zweit- und drittliebste Parteien genannt. Leiner wirft insbesondere Keymer vor, zu „defensiv und unzureichend“ zu agieren und bei der Distanzierung „auf halbem Weg“ stehenzubleiben. Nicht einmal „das Selbstverständliche“ werde gefordert: den AfDler in der Wahlkabine zu streichen. SPD-Vorsitzender Raul Würfl erklärt, er erwarte von der CSU, „dass sie ausdrücklich dazu aufruft, den Kandidaten vom Wahlzettel zu streichen“. Man nehme keine Stimmen von einem AfD-Kandidaten an.

