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Haar:Buchhandlung vor dem Aus

Die Buchhandlung Lesezeichen schließt voraussichtlich Ende Juli nach exakt 20 Jahren.

(Foto: Claus Schunk)

Betreiber Rudolf Forster soll während der Renovierung in kleinere Räume ziehen und dann für den bisherigen Laden am Bahnhofsplatz 70 Prozent mehr Miete zahlen. Das kann er sich nach der Corona-Krise nicht leisten

Die drohende Schließung der Buchhandlung Lesezeichen hat in Haar Betroffenheit ausgelöst. Kunden sprechen von einem "unersetzlichem Verlust für das kulturelle Leben" in der Gemeinde und darüber hinaus. Die Buchhandlung gehöre zum Ort "wie das Theater und die Kirche", heißt es. Und es werden Ideen entwickelt, wie das Geschäft an der Ecke Leibstraße und Bahnhofsplatz noch gerettet werden kann. So hofft man auf die Gemeinde, die in der Vergangenheit tatsächlich einiges an Fantasie entwickelt hat, um kulturelles Leben in Haar aufrecht zu erhalten. Ohne die Gemeinde gäbe es kein Kino mehr und auch nicht das "Kleine Theater". Doch bis dato scheint das Aus unausweichlich.

All die Widrigkeiten durch die Corona-Pandemie hätte die Buchhandlung noch überstanden. Doch nun sieht Geschäftsführer Rudolf Forster wegen einer anstehenden Sanierung des Ladens und drohender Mietsteigerung keine andere Möglichkeit, als Ende Juli auf den Tag genau 20 Jahre nach der Eröffnung zuzusperren. Der ausgedehnte, aus den Siebzigerjahren stammende Gebäudekomplex, in dem sich außer Wohnungen weitere Geschäfte befinden, gehört seit einiger Zeit der Residential Munich GmbH mit Sitz in Pöcking am Starnberger See und wird Zug um Zug umgebaut. Derzeit sind die Arbeiter in den Geschäftsräume des Tui-Reisebüros neben der Buchhandlung beschäftigt. Im Juli soll es dort weitergehen. Damit ist für Forster ein Weitermachen nicht mehr vorstellbar. In dem 40 Quadratmeter großen Laden, der für den Übergang angeboten wurde, sei das Geschäft nicht tragfähig, sagt er. Das gleiche gelte für später bei einer dann um 70 Prozent höheren Miete. Für ihn gehe es jetzt mit 55 Jahren um die "Abwicklung" des Ladens. "Was anderes ist nicht drin."

Dabei sieht Forster ein, dass das Geschäftshaus sanierungsbedürftig ist. Es wurde offenbar seit vielen Jahren nichts gemacht. "Absolut" sei das notwendig, sagt er. Das bestätigt Silvia Hüttenberger, die das Reisebüro betreibt und wegen der Arbeiten bereits seit Monaten versucht, in einem Provisorium ihr Geschäft am Leben zu erhalten. Hüttenberger spricht auch wegen der Corona-Krise von beinharten Zeiten. "Das ist wie einmal vom Panzer überrollt", sagt sie. "So fühlt es sich echt an." Doch die Sanierungsarbeiten seien auch notwendig. Die Elektrik, die Fenster - alles sei alt und marode. Das müsse erneuert werden. Hüttenberger möchte dann auch trotz Mieterhöhung an alter Stelle weitermachen. Sie glaubt an eine Zukunft für sich.

Der Buchhandlung würde Hüttenberger eine solche ebenso wünschen. Es wäre "sehr, sehr schade", wenn diese schließen müsste. Die Leute sollten sich überlegen, was sie damit anrichten, wenn sie Bücher übers Internet bestellten. Die Buchhandlung ziehe Leute in die Leibstraße und sei der "perfekte Nachbar" für sie - und umgekehrt. Wer eine Reise gebucht hatte, ging nicht selten gleich rüber und kaufte nebenan die passenden Reiseführer. Buchhändler Rudolf Forster will derweil gar nicht über fehlende Kundschaft klagen. Sein Laden sei gut eingeführt, er habe seine Kundschaft. Aber die Gewinnmarge gibt es nach seinen Worten einfach nicht her, nach der Corona-Krise einen Übergang an anderer Stelle, in kleineren Räumen zu stemmen - und die angekündigte Mieterhöhung schon gar nicht.

Vom Rathaus war zuletzt schon mal Unterstützung zugesagt worden, um die Buchhandlung zu halten. Es ging darum, eventuell neue Räume zu vermitteln. Man stand auch zuletzt in Kontakt, aber Forster hat wenig Hoffnung. Die Gemeinde biete an, was sie anbieten könne, sagt Forster. Sie habe selbst keine passenden Räume. In der Leibstraße sei sonst nichts frei. Ja, sagt Forster, die Kunden könnten es sich tatsächlich nicht vorstellen, dass Haar bald keine Buchhandlung mehr habe. "Das spiegeln mir die Leute zurück." Aber er sehe keine Alternative, auch wenn noch "ein bisschen Zeit" sei. "In diesen Räumen ist auf jeden Fall Schluss."

Bleibt die Frage, ob eine Buchhandlung in irgendeiner Form subventioniert oder unterstützt werden kann. Das Kino gibt es nur noch, weil es die Gemeinde als Verpachtungsbetrieb führt. Das Kleine Theater hat überlebt, weil die Gemeinde gemeinsam mit dem Bezirk Oberbayern Zuschüsse zahlt. Und selbst der Gasthof zur Post, der im Ortszentrum für Belebung sorgt, gehört der Kommune.

Wäre etwas Ähnliches auch für eine Buchhandlung denkbar? Kunden wie Franz Keilhofer würden sich ein kommunales Engagement wünschen. Die Möglichkeiten, findet er, sollten ausgelotet werden. Der Laden gehöre zur "Mindestinfrastruktur".

© SZ vom 04.06.2020

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