Süddeutsche Zeitung

Katastrophenschutz:Die Schlagzahl wird immer höher

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Corona, Flut und Ukraine-Krieg: Das Technische Hilfswerk ist in Krisenzeiten wie diesen gefragter denn je. Weil damit auch eine bessere Ausrüstung mit schwerem Gerät gefordert ist, soll nun der Standort in Haar ausgebaut werden - Wald und Naturschutz zum Trotz.

Von Bernhard Lohr, Haar

Erst kürzlich kippte wieder einmal ein Lkw auf der A 99 um, kistenweise lagen Bier, Limo und Radler auf der Fahrbahn. Zwei Tage später stürzte in Pullach ein Teil des Dachs einer Schule ein. Und dann brannte es in einem Recyclingbetrieb in Garching. Das Technische Hilfswerk (THW) im Landkreis war jeweils im Einsatz, mit zig Leuten. Alles ehrenamtliche Helfer, die vom Katastrophenschutzzentrum in Haar ausrücken, sobald sie gebraucht werden. "Wir haben schon eine hohe Schlagzahl", sagt Christian Dietrich, stellvertretender Ortsbeauftragter der Einheit, die in einer Zeit, in der sich große Katastrophen häufen, mit ihren königsblauen Fahrzeugen mehr und mehr ins Blickfeld rückt. Ob Überflutung im Ahrtal, Corona-Krise oder Krieg in der Ukraine - das THW ist immer gefordert.

Wer so oft gebraucht wird und gerade dann mit seinem Gerät dann gerufen wird, wenn es richtig kompliziert wird, der muss auch gut ausgestattet sein. Die Technik schreitet voran und die Auflagen werden strenger. Insofern hat sich in Haar jüngst keiner groß gewundert, als im Bauausschuss des Gemeinderats anstand, sich mit einem Ausbau des THW-Standorts an der Vockestraße zu beschäftigen. Das THW ist als zentrale, einzige Einheit dieser Art in einer 40 Jahre alten Halle untergebracht. Nun soll eine neue Halle mit knapp 60 Metern Länge, 25 Metern Breite und gut neun Meter hoch errichtet werden. Ganz umstritten ist das Projekt nicht, schließlich liegt es in einem unter besonderem Schutz stehenden Bannwald. Doch das zuständige Staatliche Bauamt in Freising erklärt, dass die Fragen des Wald- und Naturschutzrechts mit den höheren Behörden abgeklärt seien. Es werde etwa zum Ersatz für Rodungen am Rand des Waldareals aufgeforstet, nördlich des Isar-Amper-Klinikums.

Der Gemeinderat hat nichts dagegen. Bei Haarer Bürgern gibt es dagegen Zweifel, ob die anstehenden Fällungen wirklich nötig sind. Das THW sieht aber keine Alternative. "Wir haben einfach ein Platzproblem", sagt Christian Dietrich. Die Fahrzeuge seien heute größer als früher und stünden fast am Zugangstor. Außerdem rüstet das THW auf: Bis vor einiger Zeit hatte man zum Beispiel ein Schlauchboot für Rettungseinsätze auf der Isar. Jetzt fährt man mit einem stabilen Boot hinaus, das untergestellt werden muss wie etwa der Gabelstapler, der Bagger, der Radlader und auch der gut acht Meter Lange Mehrzweckgerätewagen mit knapp zehn Tonnen Leergewicht, den man seit 2021 im Einsatz hat. "Wir müssen das Tor aufmachen, um von einem Fahrzeug zum anderen zu kommen", sagt Dietrich. Die Halle sei viel zu beengt und auch zu niedrig.

Mehr als 10 000 Stunden sind die 50 Helfer im Jahr im Einsatz - ehrenamtlich

Der Ortsverband München-Land des THW existiert seit April 1974 und ist seit 1988 mit der Feuerwehr Haar, der Werksfeuerwehr des Isar-Amper-Klinikums und dem ABC-Zug München-Land wesentlicher Bestandteil des Katastrophenschutzzentrums in Haar. Die aus mehr als 50 aktiven ehrenamtlichen Helfern bestehende Einsatzgruppe in Haar ist zum einen ein Element der Zivil- und Katastrophenschutzorganisation des Bundes, die dem Innenministerium in Berlin unterstellt ist und in Bonn ihre Zentralverwaltung hat; ein Großteil der Finanzierung läuft über den Bund. Andererseits es gibt auch den Bereich, den Christian Dietrich kurz "Öga" nennt: Einsätze der Örtlichen Gefahrenabwehr laufen auf Landkreis- und Gemeindeebene.

Das THW steht also, kurz gesagt, für die großen übergreifenden Einsätze wie im Ahrtal bereit, aber eben auch wenn es darum geht, die Ladung eines umgekippten Lkw auf der Autobahn zu bergen oder ein Schuldach auf die Schnelle wieder zu decken. 300 Tage am Stück betreute der THW Ortsverband mit Sitz in Haar zudem das zentrale, für ganz Bayern eingerichtete Lager für Hilfsmittel zur Bekämpfung der Corona-Pandemie, das in der Nähe von Garching eingerichtet worden war. Dort sei man permanent mit jeweils zehn Leuten im Einsatz gewesen, sagt Dietrich. Die Lagerung und Ausgabe der Bestände sei zu organisieren gewesen und im Notfall habe man auch schnell handeln müssen. Wenn etwa ein Beatmungsgerät in Nordbayern fehlte. "Dann fährt man auch mal in die Oberpfalz", sagt Dietrich.

Ein großer Teil der 50 Haarer Ehrenamtlichen war auch bei der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 im Einsatz. Sechs Wochen am Stück lief der Zivil- und Katastrophenschutzeinsatz, wo die Haarer einen Verband mit mehr als 30 Fahrzeugen leiteten. Die vergangenen Monate wurden dann Hilfsmittel in die Ukraine gebracht. Als "Örtliche Gefahrenabwehr" gelten Fälle, in denen das THW unterstützend zu den Feuerwehreinheiten im Landkreis ausrückt, weil spezielle Fähigkeiten gefragt sind. So verfügt das THW über Räumgerät, ein Notstromaggregat, Pumpenfahrzeuge, Container und vieles mehr. Allein fünf Einsätze zählt die THW-Homepage seit Anfang Juni, seither sind schon wieder zwei dazugekommen, sagt Dietrich. Die in den vergangenen drei, vier Jahren eindeutig gestiegenen Anforderungen zehrten an den Kräften der Kollegen, sagt der stellvertretende Ortsbeauftragte. Rund 10 000 Stunden würden im Jahr ehrenamtlich geleistet. "Man merkt bei den Leuten, dass irgendwann die Luft raus ist."

Nach der Erweiterung soll die Halle über 13 Stellplätze für Einsatzfahrzeuge verfügen. Weiter vorgesehen ist eine Aufstellfläche, auf der Fahrzeuge einen Wendekreis von 24 Metern haben. Das Projekt genießt als Vorhaben des zivilen Bevölkerungsschutz baurechtlich einen Sonderstatus, heißt es aus dem Haarer Rathaus. Die Gemeinde wird bei dem Verfahren lediglich gehört. Im Zweifel können Bund und Freistaat über das Bauvorhaben im Bannwald auch über die Gemeinde und das Landratsamt hinweg entscheiden.

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