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Haar bei München:Stilles Gedenken

Der Gedenkstein auf dem Gelände des Isar-Amper-Klinikums (im Hintergrund) erinnert an die Ermordung der Psychiatriepatienten im Zuge des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten.

(Foto: Claus Schunk)

An diesem Montag wird an die Ermordeten des Euthanasie-Programms erinnert

Dieser Montag ist am Isar-Amper-Klinikum in Haar ein Tag des Gedenkens. Am 18. Januar 1940 fuhr der erste Bus mit 25 Psychiatriepatienten von der damaligen Pflegeanstalt in Haar-Eglfing in die Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Dort wurden die Patienten umgebracht. Es war der Auftakt der sogenannte Aktion "T4", den die Forschung mittlerweile als einen Wendepunkt in der deutschen Geschichte ansieht. Wie der Historiker Thomas Stöckle betont, habe der Beginn der planmäßigen Morde im Zuge des Euthanasie-Programms den Übergang von der Ausgrenzung und Entrechtung von vielen Menschen zwischen 1933 und 1939 hin zum industriellen Massenmord dargestellt, an dessen Ende die Ermordung auch von Millionen Juden stand.

Seit Jahren erinnert das Isar-Amper-Klinikum auf seinem Gelände an diesem Datum an die ermordeten Patienten. In den vergangenen Jahren versuchte man über eine Kranzniederlegung am Denkmal hinaus Zeichen zu setzen und das Geschehene in einen größeren Kontext einzuordnen. Es traten Historiker auf und sprachen über den Stand der Forschung, die erst in den vergangenen Jahren die Psychiatriemorde, intensiver aufgearbeitet hat. Lange Zeit wurden diese in Familien nur hinter vorgehaltener Hand angesprochen und waren mit vielen Tabus belegt. Der Bezirk Oberbayern, der Träger des Isar-Amper-Klinikums ist, gab erst 2018 gemeinsam mit den NS-Dokumentationszentrum ein Gedenkbuch für die Münchner Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde heraus. Ein weiteres Gedenkbuch, in dem die Namen der Ermordeten aus ganz Oberbayern aufgeführt werden sollen, ist in Arbeit. Insgesamt wurden nach dem ersten Transport von Patienten aus Eglfing-Haar am 18. Januar 1940 in Grafeneck innerhalb von einem Jahr 10 654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet.

Wegen der aktuellen Einschränkungen infolge der Corona-Pandemie fällt ein offizielles Gedenken in Haar diesmal aus. Eine Kranzniederlegung ist allerdings geplant und es soll möglich sein, dass Mitarbeiter der Klinik Kerzen an dem Gedenkstein aufstellen, heißt es vom Klinikum. Die Klinik arbeitet in Zusammenarbeit mit dem Bezirk an einem Konzept, wie die Gedenkarbeit weiterentwickelt werden kann. Eine Erinnerungsstätte mit einer Skulptur des Künstlers Werner Mally ist geplant.

© SZ vom 18.01.2021 / belo
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