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Haar bei München:Schulterschluss im Abwehrkampf

Die Gemeinde Haar fordert ein schnelles Ende des Kiesabbaus in Salmdorf. In Höhenkirchen-Siegertsbrunn versucht der Gemeinderat, einer geplanten Ausbeutung auf dem Muna-Gelände einen Riegel vorzuschieben

Von Patrik Stäbler, Haar/Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Das Thema Kiesabbau treibt dieser Tage viele Menschen sowohl in Haar als auch in Höhenkirchen-Siegertsbrunn um - jedoch aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Osten von München, wo das Quetschwerk Mühlhauser in Salmdorf seit Jahrzehnten den wertvollen Rohstoff produziert, drängen nicht nur viele Anwohner sondern auch Teile des Gemeinderats darauf, dass damit bald Schluss ist. Sie verweisen auf die Belastung durch den Lkw-Verkehr und fordern eine "Endlichkeit" des Kieswerks in Salmdorf, wie es Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) formuliert. Etwa 15 Kilometer weiter südlich will die Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn gar nicht erst in eine vergleichbare Situation kommen: Per einhelligem Votum hat sich der Gemeinderat gegen einen Antrag auf Kiesabbau am Muna-Gelände ausgesprochen. Die Chancen, dies zu verhindern, sind indes gering.

Derweil haben sich in Haar wie auch in Höhenkirchen-Siegertsbrunn Bürgerinnen und Bürger zusammengeschlossen, die bei der Frage nach dem Kiesabbau in ihren Gemeinden mitreden wollen. Im Falle von Salmdorf ist dies die Bürgerinitiative gegen Schwerlastverkehr, die ihre Klagen vor einem Jahr bei einem Runden Tisch mit Vertretern von Gemeinde, Landratsamt und Kieswerk zum Ausdruck brachte. Dabei sei es vor allem um die Belastung der Anwohner durch den Lkw-Verkehr gegangen, der direkt durchs Wohngebiet führe, sagt Alexander Bär, Sprecher der Initiative. "Da ist zum einen der Aspekt der Verschmutzung. Zum anderen ist es aber auch ein massives Sicherheitsproblem, weil die Straße nicht für den Lkw-Verkehr ausgelegt ist." Infolge des Runden Tisches habe man sich Verbesserungen erhofft, sagt Bär. "Doch leider ist bis heute nichts passiert." Daher werde die Bürgerinitiative ihre Aktivitäten nun "massiv hochfahren", kündigte der Sprecher jüngst in einem offenen Brief an Landrat Christoph Göbel (CSU) an. Darin übt Bär auch Kritik am Landratsamt als Aufsichtsbehörde. "Wenn man sich die inhaltlich unterschiedlichen Rückmeldungen Ihrer Behörde hierzu an mich und verschiedene Mitglieder unserer Initiative anschaut, könnte man den Eindruck gewinnen, dass das Kieswerk hier protegiert wird".

Derlei Aussagen weist Markus Wahl entschieden zurück. Er ist Geschäftsführer der Firma Glück aus Gräfelfing, die das Quetschwerk Mühlhauser seit gut 15 Jahren betreibt. Wahl betont, dass der Betrieb alle Auflagen einhalte; anderslautende Vorwürfe seien "mehr als dreist". Der Geschäftsführer verweist unter anderem darauf, dass sein Unternehmen die Straßenzüge zum Kieswerk auf einer Länge von vier Kilometern wöchentlich reinigen lasse, und zwar auf beiden Straßenseiten. "Finden Sie in Haar mal eine andere Straße, die so sauber ist. Das ist das schon etwas Besonderes." Dass der Lkw-Verkehr von und zum Kieswerk für die Anlieger Beeinträchtigungen mit sich bringe, habe er nie bestritten, sagt Wahl. "Aber man muss sich auch fragen, wo die Rohstoffe herkommen sollen." Bei Granit beispielsweise stamme jeder zweite Stein aus China oder Indien und werde um die halbe Welt transportiert, so Wahl. "Wir haben hier heimische Rohstoffe und verstehen uns als regionaler Versorger."

Haar, Quetschwerk Mühlhauser, ständiger LKW-Verkehr, in Gronsdorf und Salmdorf,

Klagen über Lärm und Schmutz durch Kiestransporter beschäftigen die Haarer Lokalpolitiker seit vielen Jahren.

(Foto: Angelika Bardehle)

Dieses Argument lässt Alexander Bär indes nicht gelten. "Es weiß ja niemand, wo das Material herkommt, dass in Salmdorf momentan verarbeitet wird. Aktuell findet dort kein Kiesabbau statt, sondern lediglich eine Kiesverarbeitung. Das ist reiner Kies-Tourismus." Gegen diesen wolle die Bürgerinitiative juristisch vorgehen, kündigt Bär an. "Denn wir sind der Auffassung, dass die Betriebserlaubnis für das Quetschwerk an den Kiesabbau gekoppelt ist." Zudem werde die Bürgerinitiative demnächst einen Verein gründen, der dann wiederum "verstärkt mit Anträgen im Gemeinderat aufschlagen" wird, so der Sprecher. Das Ziel sei es dabei, die Verschmutzung sowie die Gefährdung durch den Lkw-Verkehr zu reduzieren. Darüber hinaus wolle man sich mit anderen Bürgerinitiativen vernetzen - etwa jener in Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

Dort haben sich Bürgerinnen und Bürgern unter dem Titel "Initiative Nachhaltiges Höhenkirchen-Siegertsbrunn" zusammengetan, nachdem im Spätsommer die Pläne eines Hohenbrunner Unternehmers für einen Kiesabbau gegenüber des Gewerbegebiets am Wächterhof publik wurden. Aktuell handle es sich bei der Gruppe um einen "losen Zusammenschluss", sagt Isabel Huber, eine der Initiatorinnen. Jedoch sei geplant, die Bürgerinitiative demnächst zu formalisieren, womöglich unter dem Dach der Zukunftswerkstatt. Bereits jetzt stehe die Gruppe in engem Austausch mit der Gemeinde, sagt Isabel Huber, die von einem "Schulterschluss" spricht.

Schließlich hat der Gemeinderat die Kiesabbaupläne einstimmig abgelehnt - mit Verweis auf die unzureichende Erschließung. Sollte dieses Manko jedoch behoben werden, stünde dem Vorhaben nichts mehr im Wege - sofern die Prüfung des Landratsamts, etwa hinsichtlich des Wasser- und Naturschutzes, keine Hinderungsgründe ergibt. "Der Gemeinde sind hier ein Stück weit die Hände gebunden", sagt Isabel Huber. Sie macht dafür die Tatsache verantwortlich, dass es sich beim Kiesabbau um ein privilegiertes Bauvorhaben handelt. "Das ist die Wurzel allen Übels", betont Huber. Daher hat die Bürgerinitiative eine Petition an den Landtag ins Leben gerufen, die eine Aufhebung der privilegierten Ausbeutung von Primärrohstoffen wie Kies fordert.

Kieswerk in Gräfelfing, 2018

Sorge wegen eines möglichen Kiesabbaus gibt es in der Gemeinde Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Neben diesem langfristigen Ziel wolle man aber auch dem konkreten Vorhaben am Muna-Gelände einen Riegel vorschieben, sagt Isabel Huber. Diesbezüglich setzt der Gemeinderat aktuell auf eine zweigleisige Strategie. Zum einen hat das Gremium die Verwaltung beauftragt, mit dem Antragsteller über einen städtebaulichen Vertrag zu verhandeln, der die Konditionen des Kiesabbaus regeln könnte - etwa ein mögliches Quetschwerk betreffend sowie die Zahl und Route der Lkw. Zum anderen hat der Gemeinderat Voruntersuchungen angestoßen, die zur Aufstellung eines Teilflächennutzungsplans vonnöten sind. Darin könnte die Kommune bestimmte Areale für den Kiesabbau ausweisen, während das übrige Gemeindegebiet tabu bliebe.

In der Gemeinderatssitzung Ende Januar werde das Thema Kiesabbau voraussichtlich wieder auf der Tagesordnung stehen, heißt es aus dem Rathaus. Dann soll nach dem Wunsch der neu gegründeten Bürgerinitiative auch Alexander Bär einen Erfahrungsbericht aus Salmdorf vortragen. "Ich verstehe die Situation in Höhenkirchen-Siegertsbrunn", sagt Bär. "Sie haben Angst vor dem, was wir seit Jahrzehnten hier haben."

© SZ vom 25.01.2021
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