Gedenken an NS-Opfer:Graue Busse in den Tod

Gedenken an NS-Opfer: Ein Gedenkbuch in der Erinnerungsstätte Grafeneck führt die Namen von mehr als 8000 bekannten Opfern des NS-Massenmordes.

Ein Gedenkbuch in der Erinnerungsstätte Grafeneck führt die Namen von mehr als 8000 bekannten Opfern des NS-Massenmordes.

(Foto: Pierre-Christian Fink/dpa)

Vor 82 Jahren wurden die ersten 25 Psychiatriepatienten von der Heilanstalt Haar-Eglfing in die Gaskammern nach Grafeneck gebracht.

Von Bernhard Lohr, Haar

Es war ein frostiger Tag Anfang 1940, als der Bus der gemeinnützigen Krankentransport GmbH bei der Heil- und Pflegeanstalt in Haar-Eglfing vorfuhr. Er hatte den Weg von Grafeneck in der Schwäbischen-Alb genommen, um 25 Patienten aufzunehmen. Was so wirken konnte, als würde sich eine Gruppe zum Winterausflug aufmachen, war eine Fahrt in den Tod. Die 25 Männer aus Haar wurden am 18. Januar die mehr als 200 Kilometer nach Grafeneck bei Münsingen gebracht - und am selben Tag in der dortigen Tötungsanstalt durch Gas ermordet. Sie waren die ersten Psychiatriepatienten, die in der NS-Diktatur auf dem Reichsgebiet systematisch auf diese Weise umgebracht wurden. Es war der Auftakt zu der berüchtigten Euthanasie-Aktion T4.

In Haar hat sich der 18. Januar zu einem Gedenktag herausgebildet, an dem die Leitung des Isar-Amper-Klinikums, des Bezirks und der Gemeinde an sämtliche Patienten erinnert, die dem menschenverachtenden Regime zum Opfer gefallen sind. Derzeit werden nach einem von Klinik und Bezirk ausgearbeiteten Konzept Gedenkorte eingerichtet wie jüngst das Mahnmal im Jugendstilpark. Das Psychiatrie-Museum wurde neu gestaltet. "Es ist uns Verantwortung und Verpflichtung, uns mit dieser Geschichte des Klinikums auseinanderzusetzen", schreibt Kliniksprecher Henner Lüttecke aus Anlass des Gedenkens an diesem Dienstag, das Corona-bedingt in kleinem Rahmen und online stattfindet.

In Haar stellten Ärzte und Pfleger sowie der Krankenhauspfarrer Klaus Rückert in den Achtzigerjahren erstmals Fragen nach den verdrängten Mordtaten der NS-Zeit. Erst 1990 entstand ein erstes Mahnmal in Haar. In Grafeneck, wo in einer ehemaligen barocken herzoglichen Sommerresidenz eine Tötungsanstalt mit Gaskammern und Krematorium eingerichtet worden war, war ein Friedensgebet im Jahr 1979 die Initialzündung. Es bildete sich ein Verein, der heute mit dem Historiker Thomas Stöckle drei Personen an der Gedenkstätte in Vollzeit beschäftigt. Ein "Lob dem Ehrenamt", sagt Stöckle zu den Anfängen der Erinnerungsarbeit, die inzwischen staatlich gefördert und gestützt wird.

Dass die ersten Opfer in Grafeneck ausgerechnet aus Haar kamen und nicht aus einer näher gelegenen Anstalt in Württemberg, könnte Stöckle zufolge daran liegen, dass der Haarer Anstaltsleiter Hermann Pfannmüller ein NS-Hardliner war, der die sogenannten rassehygienischen Vorstellungen voll mittrug. Nachweislich seien Vertreter des bayerischen und württembergischen Innenministeriums in Berlin dabei gewesen, als Ende 1939 das T4-Programm ausgearbeitet wurde. Die Anordnung zu den Transporten ist Stöckle zufolge über die Innenministerien gelaufen. Dort habe man sich also gekannt und womöglich an einem Strang gezogen.

Es sollten noch viele Busse zwischen Grafeneck und Haar pendeln. Später betrieb das beauftragte Busunternehmen vier Fahrzeuge, die später als "graue Busse" berüchtigt waren, wobei Haar nur eine Anstalt von 40 war, von denen Patienten nach Grafeneck kamen. Bis zu 11 000 vor allem kranke Menschen wurden in Grafeneck vergast, Hunderte davon aus Haar. Die Forschung geht heute von bis zu 4000 ermordeten Haarer Patienten insgesamt aus; auch in der Tötungsanstalt in Hartheim bei Linz kamen welche um, später auch in Haar selbst. Sibylle von Tiedemann, die eine Gruppe von Angehörigen von Opfern am NS-Dokumentationszentrum leitet, nennt Haar, was die Zahl der Opfer angeht, den größten Tatort in Oberbayern nach Dachau.

Durch den 200 Mitglieder zählenden Verein ist die Erinnerungsarbeit in Grafeneck intensiv und eng mit der dortigen Gesellschaft verwoben. Münsingens Bürgermeister sitzt im Vorstand. 400 Besuchergruppen und bis zu 35 000 Besucher zählt Stöckle im Jahr in der Gedenkstätte Grafeneck. Der Austausch mit Haar ist Stöckle zufolge sehr gut. Als sich im Jahr 2020 der Gedenktag zum 80. Mal jährte, war Grafeneck mit einer Wanderausstellung in Haar vertreten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: