25 Männer besteigen am 18. Januar 1940 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar einen Bus. Die Fahrt geht ins gut 200 Kilometer entfernte Grafeneck bei Reutlingen. Dort werden sie am selben Tag vergast. Es war die erste Deportation von Psychiatrie-Patienten im Zuge der NS-Krankenmorde im Deutschen Reich. Mehr als 4000 Patienten alleine aus Haar wurden ermordet, insgesamt waren es 300 000 im gesamten Land. Und mit dem Krieg war das Grauen nicht vorbei. Die Medizinhistorikerin Maike Rotzoll sagte bei der Gedenkstunde in Haar über das verbrecherische Anstaltswesen: „Was es nicht gab, war eine Stunde Null.“
Das Isar-Amper-Klinikum München-Ost und der Bezirk Oberbayern als Träger der Einrichtung haben sich der Aufarbeitung der Gräuel seit Jahren verschrieben. Der 18. Januar ist dabei ein fest eingeführter, zentraler Gedenktag. Diesmal blickte die Medizinhistorikerin von der Philipps-Universität in Marburg auf die Zeit nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945. Für viele Patienten sei das keine Befreiung gewesen, sie hätten weiter Hunger gelitten. In der Anstalt in Kaufbeuren, sagte Rotzoll, seien Kranke sogar noch bis weit ins Jahr 1945 hinein ermordet worden, bis die US-Armee eingeschritten sei. Die Todesraten seien in den Anstalten während der Besatzungszeit weiter exorbitant hoch gewesen. Systematisch habe die Gesellschaft die Verbrechen in der NS-Zeit verdrängt und Täter seien straffrei davongekommen.

Eine Chance auf einen wirklichen Neuanfang hat es Rotzoll zufolge ausgerechnet in der Anstalt Eglfing-Haar gegeben. Der von der US-Armee eingesetzte Klinikchef Gerhard Schmidt habe im Sommer 1945 die Verbrechen dokumentiert und insgesamt 95 überlebende Psychiatriepatienten im sogenannten Hungerhaus befragt. Er hörte den gebrochenen Menschen zu, die dort bis eben noch dem Tod durch Nahrungsentzug entgegengesehen hatten. „Du bist ein Narrenhausweibi. Du brauchst nichts“, sagte eine Frau über sich selbst. Andere glaubten, dass sie zurecht Hunger litten, weil die Soldaten an der Front doch alles benötigten. „Es ist noch Krieg“, sagte ein Bewohner. Der Ort habe immer noch den Eindruck eines Hungerhauses vermittelt, schrieb Schmidt in seinem heute als Standardwerk geltenden Buch „Selektion in der Heilanstalt“. Erschienen ist es erst 20 Jahre nach Kriegsende. Kollegen aus der psychiatrischen Ärzteschaft hatten Schmidt von einer Veröffentlichung abgeraten.

Die Medizinhistorikerin Maike Rotzoll sagte, Gerhard Schmidt habe versucht, Ärzte und Pfleger zur Rechenschaft zu ziehen und von ihren Ämtern zu entfernen. „Das gab es nirgends sonst.“ Doch eine Intrige alter Seilschaften habe Schmidt nach einem Jahr aus dem Amt befördert. Die Anstalts-Psychiatrie habe in Westdeutschland dann mit starkem „Beharrungsvermögen“ weitergemacht. Weil die Zahl der Schizophrenie-Patienten wegen der Krankenmorde in der NS-Zeit stark eingebrochen sei, habe man verstärkt alte unter psychischen Problemen leidende Menschen in die Häuser geholt.
Die Anstalten hätten versucht, an die Zeit vor 1933 anzuknüpfen und sich zu Kliniken weiterzuentwickeln. Beschäftigungstherapien hätten Einzug gehalten und die pharmazeutischen Fortschritte hätten den Weg zu neuen Methoden eröffnet. Aber die Kontinuität sei bedrückend, sagte Rotzoll. Eine der schlimmsten Episoden sei die Benennung von Gerhart Mall zum Chef der Anstalt Klinkenmünster in der Pfalz im Jahr 1952. Dieser habe in der NS-Zeit seinen eigenen an Schizophrenie leidenden Bruder dem „Euthanasie“-Programm zugeführt. Georg Mall wurde Ende 1940 in Grafeneck ermordet.
Eigentlich, sagte Rotzoll, habe die Psychiatrische Fachgesellschaft erst 2010 umfassend die Schuld anerkannt. Die Teilnehmer auf einem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie in Berlin billigten eine Erklärung, in der sie „die Opfer und deren Angehörige um Verzeihung für das Leid und das Unrecht“ baten. Mirko Bialas von der Vereinigung Münchner Psychiatrie-Erfahrene (MüPE) prangerte an, „von einem wirklichen Bruch, einer existenziellen Erschütterung kann noch bis heute nicht gesprochen werden“. Er forderte einen echten Neuanfang ein, eine „verstehende Psychiatrie“, bei der sich Ärzte und Patienten auf Augenhöhe begegneten.

Nach Überzeugung von Bezirkstagspräsident Thomas Schwarzenberger (CSU) sind kritische, wachsame Vorbilder wie Gerhard Schmidt heute wieder wichtig. „Wie geht es uns denn, wenn wir erleben, dass Ausgrenzung wieder hoffähig wird?“, fragte er in seiner Rede. Immer offener würden Begriffe wie „Remigration“ verwendet, und „Inklusion“ werde als ideologisch besetzter Begriff diffamiert. Rechtsextreme Kräfte versuchten, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben, sagte Schwarzenberger. „Aus Worten werden Haltungen und Haltungen zu Taten.“ Das zeige die Vergangenheit.
Der Platz vor der zentralen Patientenaufnahme am Haarer Klinikum wurde vor zwei Jahren in „Gerhard-Schmidt-Platz“ umbenannt. Über diesen liefen die Gäste der Gedenkfeier am Sonntagabend auf dem Weg zum jüngsten, erst 2024 errichteten Mahnmal, an dem ein Kranz niedergelegt und Gebete gesprochen wurden. An dieser „Bibliothek der Namen“ wurden die an diesem Tag vor 86 Jahren ermordeten 25 Männer verlesen und es wurden Gebete gesprochen.

