„Ich kann nicht anders: Meine Hände brauchen immer etwas zu tun“, sagt Maria Seiß und lässt ihre Finger, die sie bis dahin ineinander verschränkt hatte, demonstrativ auf der Holzplatte ihres Wohnzimmertisches tanzen. Ehemann Konrad, vom Sofa aus lauschend, scheint mit dieser Selbsteinschätzung nicht ganz zufrieden – eben noch entspannt zurückgelehnt, hat er sich nun vorgebeugt und ruft aus dem Hintergrund: „Wenn meine Frau nicht näht oder strickt, dann ist sie krank!“
Für das Gespräch hat Maria Seiß extra ein paar ihrer aktuellen Werke parat gelegt: Auf ihrer Sitzbank türmt sich ein bunter Haufen aus Tragetaschen in allen Formen und Farben, von der praktischen Einkaufstüte bis zum stabilen Strandbeutel. Die 88-jährige Haarerin hat sie selbst entworfen und genäht, aus defekten Regenschirmen oder aus alten Jeans, die sie von Bekannten geschenkt bekommt. Die Taschen verkauft Seiß je nach Größe für fünf oder zehn Euro das Stück und spendet den Erlös an Hilfsprojekte – insbesondere an die Partnerschaftsgemeinde der evangelischen Jesuskirche Haar, Ilembula im ostafrikanischen Staat Tansania.
Die Partnerschaft zwischen der Jesuskirche Haar und Ilembula besteht seit 1987; gegründet wurde sie mit dem Ziel, die Lebensbedingungen in Ilembula nachhaltig zu verbessern und den kulturellen Austausch zu stärken. Der Schwerpunkt der Zusammenarbeit liegt unter anderem auf der Unterstützung von Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen durch finanzielle Hilfen oder Sachspenden, etwa medizinisches Equipment oder Lehrmaterialien. Besonderes Augenmerk liegt auf langfristigen Projekten wie dem Bau von Wasser- und Stromanschlüssen, Schulgebäuden, Baumpflanzungen oder der Unterstützung von Waisenkindern. 2017 wurde der Verein „HA-ILE“ gegründet, um den Austausch auf formelle Beine zu stellen.

Maria Seiß war zu diesem Zeitpunkt bereits tief in die Entwicklungshilfe involviert. Die Tragetaschen, die sie aus alten Jeans und Regenschirmen herstellt, seien allerdings „nur“ die aktuellste Ausprägung ihres Engagements, erzählt die 88-Jährige – sie nähe, stricke, häkele und sammele seit „mindestens schon“ zwölf Jahren für die Partnerschaft.
Begonnen habe alles damit, dass sie an der Schule ihrer Tochter eine nackte Puppe in einem Sammelkarton für Spenden entdeckte, die nach Ilembula geschickt werden sollte. „Ja, man kann doch Kindern in Tansania keine nackte Puppe schenken!“, entrüstet sich Seiß. Also habe sie zu stricken begonnen. Aus Spielzeugkleidern wurden schon bald Klamotten für Babys und Kinder in Ilembula; „Tag und Nacht“ habe sie die Nadeln in der Hand gehabt, erzählt Seiß und schiebt ein vergilbtes Zettelchen über den Tisch. Darauf hat sie handschriftlich festgehalten: „Ich habe gestrickt: Babyschuhe 387, Mützen 866, Decken 186, Pullunder 288.“

Als sie erfuhr, dass es für Frauen und Mädchen in Ilembula keine ausreichende Versorgung mit Hygieneprodukten gebe, sei sie außerdem einer Nähgruppe der Haarer Jesuskirche beigetreten, die von Hand Damenbinden herstellte. Jedes Mädchen habe ein selbstgenähtes Säckchen mit mehreren Stoffbinden samt Membranen zum Einlegen bekommen, dazu Seife und eine gemalte Anleitung. Fast 2000 solcher „Sackerl“ habe sie geschneidert, sagt Seiß. „Das hat mir einfach Spaß gemacht.“ Mittlerweile können die Frauen in Ilembula ihre Binden selbst nähen – die entsprechenden Muster und Anleitungen hat Maria Seiß für sie geschrieben.
„Ich muss einfach immer etwas machen – ich habe scheinbar so ein Helfersyndrom“, lacht die 88-Jährige über sich selbst. Gemeinsam mit ihrem Mann habe sie sich deshalb auch einer tschetschenischen Familie angenommen, die während der Flüchtlingskrise 2015 in einer Haarer Notunterkunft untergekommen war. Sie unterstützen bei Arztbesuchen, Schulanmeldungen und Wohnungssuche, übten zusammen Deutsch und machten Hausaufgaben mit den beiden Kindern, von denen sie „Oma und Opa“ genannt wurden, wie Seiß erzählt.
Für sie seien „Menschen halt Menschen“, unabhängig ihrer Herkunft, sagt Seiß und wird ernst. „Ich würde auch weglaufen, wenn es bei mir in meinem Land so schwierig wäre, ohne Weiteres.“ Weil sie aber auch Bedenken hege, ob und wie die Flüchtlingsströme hierzulande künftig „gestemmt“ werden können, sei es ihr wichtig, bedürftige Menschen mit ihren Sach- und Geldspenden direkt vor Ort zu unterstützen.
So nun auch mit dem Verkauf ihrer selbst gemachten Taschen.„Mehrere Stunden bis einen halben Tag“ sitze sie an einem Exemplar, erzählt die alte Dame. „Ich muss erst mal die Schirme und Jeans zerlegen, dann wird alles gewaschen, weil ich möchte es ja sauber weitergeben, und dann entwerfe ich – je nachdem, was ich gerade für einen Stoff habe. Da lasse ich meine Fantasie raus.“ Jeder Beutel ist somit ein Unikat.
Das Geld, das sie damit einnimmt, brauche und wolle sie nicht behalten, sagt Maria Seiß bestimmt. „Mein Mann und ich können gut leben.“ Zwar müsse sie mit ihren 88 Jahren „langsam ein bisschen kürzertreten“ – doch die Lust, sich für den guten Zweck stets aufs Neue an die Nähmaschine in ihrer Küche zu setzen sei auch nach all den Jahren ungebrochen. „Es macht mir Spaß, weil ich einfach helfen kann und es auf der anderen Seite auch gemacht werden muss.“
Wer für Maria Seiß Stoffspenden abgeben möchte oder an Taschen interessiert ist, kann sich beim Haarer Seniorenclub melden: www.seniorenclub-haar.de; Telefon 089/460 02-950 und E-Mail seniorenclub-haar@t-online.de.

