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Haar:Fantastischer Realismus in Schichten

Corinna Weiss hat nach beruflicher Karriere in der Verlags- und IT-Branche vor vielen Jahren eine künstlerische Ausbildung begonnen und ist nun freischaffende bildende Künstlerin.

(Foto: Claus Schunk)

Corinna Weiss manscht, mischt und spritzt gern mit Farben herum - bei der Malweise wäre es unklug, zuhause zu arbeiten

Viele Künstler waren in den vergangenen Wochen gezwungen, sich vom Genius Loci der eigenen vier Wände inspirieren zu lassen. Die einen entdeckten die Freuden der Entschleunigung, die anderen drehten Videos, wiederum andere pflegten melancholische Gedanken ob der prekären Lage. Corinna Weiss arbeitet trotz Corona stets in ihren Räumen in der Ateliergemeinschaft an der Hans-Pinsel-Straße 7 in Haar. Aus gutem Grund: "Ich könnte gar nicht daheim arbeiten, so wie ich hier mit den Farben rumspritze und probiere, welche Schichten wie den gewünschten Effekt ergeben", sagt die Münchnerin. Zumal sie inzwischen die Farben expressiver aufeinander schichte als früher.

Doch war das Arbeiten in den eigenen Atelierräumen anders als bisher. Sie trat in jüngerer Zeit etwa häufiger und bewusster auf den Balkon an der Hausecke. Mal winkte ihr jemand aus dem Büro gegenüber herüber, mal jemand von der Straße aus. Es war ruhiger. Dafür fielen ihr draußen mehr Tiere auf, von denen sie durchaus schon welche als Thema "angesprungen" hätten, sei es wegen ihrer Farbe oder ihrer Bewegung, in der sie etwas sieht, das sie dann in einer Skizze abstrahiert.

Wenn Corinna Weiss mit dem Malen eines Bildes beginnt, fängt sie in der Regel mit Acrylfarbe an. Oft merke sie im Malprozess, dass es noch andere Materialien braucht und beginnt, etwa Öl oder Kohle dazu zu mischen. "Ich mansche gerne", gibt sie zu, und man hört förmlich, mit welcher Freude. Daher könne sie auch nicht daheim arbeiten. Immer ist ihre Malweise durch mehrere Schichten charakterisiert. "Ich liebe das Schichten", sagt sie und dass man "die Haptik der Bilder fühlen muss insbesondere, bevor man eines kauft". Ein Werk entstehe in der Arbeit. Am Ende könne man noch etwas von der ersten Idee sehen, aber das sei nicht zwingend.

"blauverweben", Corinna Weiss

Ein Arbeitsumfeld, in dem sich Corinna Weiss ohne große Sorgen um Farbflecken oder andere Nebeneffekte entfalten kann: ihr Atelier in Haar. Im Hintergrund ist das neue Werk "Blauverweben" zu sehen.

(Foto: Corinna Weiss)

Dieser Veränderungsprozess fällt an ihrem aktuellstem Bild auf. Es zeigt eine Frau, die nackt auf dem Rücken liegt. Auf ihrem Bauch ein gähnender Hund und ein nacktes Baby. Anfangs nur schlafend, gähnt der Hund nun. Das Baby ist in eine blaue Decke mit gelben Früchten eingeschlagen und schläft selig. Die roten Flecken am Arm der Frau, mit dem sie den Hund und das Kind schützend vor dem Herunterrutschen bewahrt, sind verschwunden. Dafür geht der Arm in eine blaue Hand über, die zum Ellenbogen hin in quallenähnliche Tentakel ausläuft. Das hat etwas Bedrohliches und weckt beim Betrachter Fragen. Es könnte auch - als Reaktion auf die Zeiten - als Andeutung eines Handschuhs gesehen werden. In ähnlichem Blau ist der Hund gehalten, der am Fuße der Frau sitzt und anfangs liebevoll auf sie blickte. Jetzt schaut er den Betrachter an und scheint zu fragen: "Was willst du?".

Dieses Bild trägt den Titel "Blauverweben". Beschreibt Weiss damit, dass sich die blauen Vorderbeine des Hundes mit denen der Frau kreuzen? Oder verbindet sie die Tentakel an der Hand mit furchtsamen Corona-Gedanken? "Einen Titel für ein Bild zu finden, ist das Schwerste", sagt die Malerin, "dieser kam mir beim Malen. Ich habe aufgehört, den Betrachtern zu erklären, was ich darin sehe." Man könne ihm mit dem Titel Hinweise geben, aber auch Raum lassen für eigene Ideen, habe sie Hannes Baier, der Künstlerische Leiter der Leonardo Kunstakademie Salzburg, gelehrt. Das ganze Bild habe "etwas Beschützendes" bekommen, stellt sie beim Betrachten fest und ergänzt, "wie viele meiner Bilder". Warum dieses Thema für sie solch eine Rolle spiele, frage sie sich selbst, sie wolle damit aber nicht bewusst auf die aktuelle Krise reagieren.

Ein kürzlich vollendetes Bild mit dem Titel "Märzgefühle" zeigt eines ihrer "Mädchen": Eine gekrönte Frau mit Blumenrock, die ihre Fäuste mit Boxhandschuhen schützend vor die Brust hält und den Betrachter vieldeutig ansieht. Furcht und Abwehr kann man darin ebenso lesen wie Zuversicht und Schutz. Weiss will auf Ungerechtigkeiten auf der Welt hinweisen, so sind ihre Mädchen farbige, nackte, arbeitende und zugleich stolze Frauen mit vieldeutigem Blick, "die haben etwas zu erzählen ...", so Weiss, die ihren Malstil selbst als "fantastischen Realismus" beschreibt.

Weiss hat sich vergangenes Jahr entschieden, weniger eigene Ausstellungen zu machen und stattdessen Werke an Schauplätzen zu präsentieren, wo es schon ein Publikum gibt. Kurz entschlossen hat sie sich bei den "Truderinger Kunst-Tagen", die für das Osterwochenende abgesagt werden mussten, und der "Bernrieder Kunstausstellung", geplant vom 2. bis zum 16. August, beworben. Zu ihrer Überraschung wurde sie gleich zu beiden eingeladen: "Ich mache halt mein Ding", sagt sie und reflektiert, dass sie zwar keine politische Malerin sei, aber sich schon von Aktuellem beeinflussen lässt. "Ich hatte bei dem Mädchen und auch bei dem Baby schon eine Gesichtsmaske hingemalt, dann habe ich gedacht ,Wieso machst du das?' und habe die Masken schnell übermalt."

© SZ vom 15.05.2020

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