Jahrzehnte haben die Haarer mit ihrem Wunsch nach einer Geschwindigkeitsreduzierung auf der B 304 auf Granit gebissen. Doch jetzt tut sich offenbar doch etwas. Ein Tempolimit auf der stark befahrenen Pendlerstrecke im Münchner Osten scheint möglich. Statt bisher 60 wären dann nur noch 50 Kilometer pro Stunde erlaubt.
Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) sprach von deutlichen Signalen von der Unteren Verkehrsbehörde im Landratsamt. Eine Umsetzung ist seinen Worten nach 2026 angepeilt. Dagegen soll auf der B 471 der Verkehr weiter flott fließen – auch weil es der Gemeinderat so will.
Die beiden Bundesstraßen prägen die Gemeinde Haar. Die B 304 zerschneidet als Ost-West-Magistrale mit ihren bis zu acht Fahrspuren an Kreuzungspunkten den Hauptort. Sie ist pulsierende Verkehrsader und zugleich mit ihrem Lärm und Abgasen ein steter Quell für Klagen. Von Norden nach Süden teilt die B 471 den Ort. Stoßstange an Stoßstange stehen dort die Autos und Lkw, vor allem, wenn auf der A 99 alles dicht ist. 32 000 Fahrzeuge passieren Haar Tag für Tag auf der B 304. 7 000 sind es einer Zählung im Jahr 2018 zufolge auf der B 471. Weniger wurden es seitdem nicht.
Die Haarer sind auch deshalb von dieser Situation genervt, weil bisher in ihrer Gemeinde direkt an der Stadtgrenze zu München die B 304 vor allem darauf ausgelegt ist, dass der Verkehr fließt. Tempo 60 gilt auf ihrem Gemeindegebiet, während direkt an der Ortstafel zu München die Autofahrer auf 50 Kilometer pro Stunde herunterbremsen müssen. Laut Daten von Google-Maps rauscht der Autofahrer in etwa drei Minuten auf der 1,7 Kilometer langen, beiderseits bebauten Strecke durch Haar. Er könnte bald etwas länger brauchen.
Bewegung ins Dauerthema B 304 in Haar kam jetzt, weil die breite Straße für viele Menschen eine fast unüberwindbare Barriere darstellt. Wer langsam auf den Beinen ist, rettet sich auf die Mittelinsel und wartet auf die zweite Grünphase. Für Blinde und Menschen mit Sehbehinderungen ist die Straße nicht ohne Risiko zu überqueren. Betroffene prangerten 2021 im Rathaus die Zustände an. Darauf folgte die Zusage, die Ampeln in Haar mit einer Blindensignalisierung samt Tönen zu ertüchtigen. Bürgermeister Bukowski berichtete kürzlich im Gemeinderat, dass dieser Umbau voraussichtlich 2026 erfolgen und dabei auch die Fahrbahn erneuert werde. Im Zuge dessen könnte Tempo 50 eingeführt werden. „Grundsätzlich hat da niemand was dagegen.“
Damit vollziehen die Straßenbehörden eine Kehrtwende. Timo Pfister, Abteilungsleiter im Staatlichen Bauamt in Freising bestätigte auf SZ-Anfrage zumindest, von Tempo 50 auf der B 304 in Haar gehört zu haben. Die letztlich entscheidende Untere Verkehrsbehörde im Landratsamt teilt mit, eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf 50 Kilometer pro Stunde könne auf ihre Machbarkeit geprüft werden.
Anlass für Bukowskis Aussage im Gemeinderat war ein Antrag der Grünen für ein Tempolimit mit neuen Argumenten. Die Fraktion wies auf den zunehmend innerstädtischen Charakter an der B 304 in Haar und die neue Großsiedlung im Jugendstilpark mit 2000 Bewohnern hin, die die Zahl der Fußgänger im Ort erhöhe. Zudem führe der Ausbau des Ernst-Mach-Gymnasiums und der Grundschule im Jagdfeld zu mehr Schülern, die über die Straße müssten. Auch spreche die 10. Änderung des Straßenverkehrsgesetzes dafür. Diese ermöglicht Geschwindigkeitsbegrenzungen, wenn sie der „Verbesserung des Schutzes der Umwelt, darunter des Klimaschutzes, zum Schutz der Gesundheit oder zur Unterstützung der städtebaulichen Entwicklung“ dienten.
Bukowski hatte die positive Auskunft allerdings bereits im Juni auf Nachfrage bei der Verkehrsbehörde erhalten. Bislang setzte man dort wegen des Verkehrsflusses auf Tempo 60. Die Ampeln sind auf „Grüne Welle“ bei dieser Geschwindigkeit programmiert. Doch mit den Blindenampeln, sagte Bukowski, werde sich das ändern. Vermehrt kommt es dann zwar zu An- und Abfahren an den Ampeln, doch die dadurch entstehende Zunahme des Lärms liege in dem fürs menschliche Ohr nicht wahrnehmbaren Bereich.

Der Gemeinderat nahm die Nachricht zur B 304 erfreut auf. Mike Seckinger (Grüne) warb sogar dafür, die Schilder bald auszutauschen und nicht auf den Ampel-Umbau zu warten, zumal die „Grüne Welle“ kein Argument mehr sei. Ganz so einfach ist es aber Bukowski zufolge nicht, weil auf jeden Fall eine aufwendige Neuprogrammierung der Ampeln notwendig werde. Als komplett nicht durchsetzbar, – auch im Haarer Gemeinderat –, erwies sich eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf der anderen Problemstraße in Haar. Den zweiten Vorstoß der Grünen, sich als Gemeinde bei den Behörden für Tempo 30 auf der B 471 im Bereich des Isar-Amper-Klinikums und des Seniorenheims stark zu machen, wiesen CSU, FDP und SPD-Gemeinderat Horst Wiedemann mehrheitlich zurück. Auf einer Bundesstraße müsse der Verkehr fließen, so ihr Argument. Auch ein bereits geltendes Tempo 30 auf anderen großen Straßen, etwa „Am Mitterfeld“ in München oder im Haarer Ortsteil Ottendichl auf der B 471 vor der Kindertagesstätte, überzeugte die Mehrheit nicht.

