Was Haar an Hans Wehrberger hatte, zeigte sich schon wenige Monate nach seinem Amtsantritt: Der damals neue Bürgermeister brachte Management-Erfahrung mit und war einer, der anpacken konnte. Nach dem schweren Hagelsturm vom 12. Juli 1984 organisierte er nicht nur ganz konkrete, praktische Hilfe, sondern er vermittelte den betroffenen Menschen in seiner Gemeinde zudem Halt und Zuversicht. In den folgenden acht Jahren als Bürgermeister stellte er die Weichen für das moderne Haar von heute. Nach kurzer, schwerer Krankheit ist Haars Altbürgermeister Wehrberger am 2. Januar im Alter von 84 Jahren gestorben.
Anfang der Achtzigerjahre war Haar eine Gemeinde zwischen Vergangenheit und Zukunft. Wie es weitergehen würde, war in der Schwebe. Das Bezirksklinikum prägte den Ort nach wie vor. Zugleich hatte die Großsiedlung am Jagdfeld mit ihren Hochhäusern Haar zur Heimat von Tausenden neuen Bürgern gemacht. Wie das zusammengeführt werden sollte, war unklar, erst recht fehlte so etwas wie eine Vision.
Beides bewerkstelligte Wehrberger, der 1973 selbst mit seiner Frau Gisela und drei Töchtern von München-Haidhausen ins Jagdfeld gezogen war. Acht Jahre als Bürgermeister reichten ihm dafür aus. „Haar entwickelte Profil, gewann an Strahlkraft und nahm in manchem sogar eine Vorreiterrolle ein“, ordnet die Stadt Wehrbergers Amtszeit in ihrem Nachruf ein.
Kaum in Haar angekommen, engagierte sich Hans Wehrberger im Jagdfeld-Ausschuss und als Elternbeirat. Seine Frau wurde 1978 in den Gemeinderat gewählt. Er selbst war beruflich noch voll gefordert und leitete für den Landesverband der Betriebskrankenkassen ein Rechenzentrum, das für 378 Betriebskrankenkassen zuständig war. Trotz dieser Karriere wechselte er in die Kommunalpolitik. Er kandidierte für die SPD und war der erste Bürgermeister der Gemeinde, der weder Landwirt noch Beschäftigter der Klinik war.
Kaum war die Hagelkatastrophe überstanden, setzte Wehrberger in dem einst zerstrittenen Gemeinderat wegweisende Entscheidungen durch. Die Sanierung des Ortskerns wurde angegangen, das Seniorenheim Maria-Stadler-Haus entstand und das Rathaus wurde um- und ausgebaut. So ging es Schlag auf Schlag: die alte Schule wurde saniert, das Bürgerhaus entstand, der Kirchen- und Bahnhofplatz wurden neu gestaltet. Überall kam ein fortschrittlicher Geist mit starkem Willen zur Gestaltung zum Ausdruck. Egal, ob es um die Einrichtung einer ersten Kinderkrippe ging, den Ausbau der Erwachsenenbildung oder die sozialgerechte Bodennutzung.
Der Kommunalpolitiker war seiner Zeit in vielen Punkten voraus
Städtebaulich gelang Wehrberger etwas, das selten ist: Er bewahrte die Identität des Ortes und öffnete Raum für Zukunft. Mit dem Sport- und Freizeitpark sowie dem Gewerbe- und Siedlungsgebiet in Eglfing schaffte Haar unter ihm den Sprung nach Norden über die Bahnlinie. Ein erster detaillierter Landschaftsplan sicherte Grünflächen im Haarer Norden und verhinderte die Erschließung von Neu-Riem über Haarer Flur hinaus.
Wehrberger erinnerte später mal an die Zeit, als konservative Kräfte noch die Ansicht vertreten hätten, Kinder unter zwei Jahren gehörten heim zur Mutter und in Kitas würden „die Kriminellen von morgen“ großgezogen. Wehrberger war auch auf anderen Gebieten im besten Sinne progressiv: So führte er in Haar als erster Kommune im Landkreis München eine Umweltreferentin ein, eine Baumschutzverordnung wurde erlassen und eine Energiesparberatung angeboten – lange bevor „Nachhaltigkeit“ zum gesellschaftlichen Leitbegriff wurde.
Als Siemens ihm 1992 die Stelle als Geschäftsführer der Betriebskrankenkasse anbot, nahm Hans Wehrberger die Offerte an. Es war ein beruflicher Neustart mit 50 Jahren. Der Gemeinde blieb er bis zuletzt verbunden.

