Eigentlich bräuchte es keine zusätzlichen Argumente. Die Haarer müssen nur aus den Fenstern schauen und vor die Tür treten, um zu erleben, dass die Belastung durch den Straßenverkehr eine Grenze erreicht hat. Dennoch hat die Gemeinde das Planungsbüro "Stadt, Land, Verkehr" an den großen Straßen - der B 304 und B 471 - sowie in den Wohngebieten zählen lassen, um belastbare Daten als Grundlage für ein Mobilitätskonzept auf dem Tisch zu haben. Verkehrsplaner Robert Ulzhöfer präsentierte die Zahlen am Dienstag im Gemeinderat und resümierte kurz und knapp: Die Bundesstraßen seien "am Limit". Positiv aus seiner Sicht: die relativ vielen Radfahrer und Fußgänger.
32 000 Fahrzeuge passieren Tag für Tag die B 304 in Haar, 17 000 sind es auf der B 471. Auf der Leibstraße haben die angeworbenen Zähler am Stichtag, 16. Mai vergangenen Jahres, 9000 Fahrzeuge registriert. In einigen großen Sammelstraßen waren es um die 3000 oder 4000. Die Gemeinde wurde in 38 Verkehrszellen aufgeteilt, die gesondert betrachtet wurden. Autofahrer wurden befragt, wo sie herkommen und wo sie hinfahren, um Verkehrsströme ausmachen zu können.
Bloß auf der B 304 war das aus naheliegenden Gründen nicht möglich, weil Autofahrer auf der teils sechsspurigen Straße nicht gestoppt und befragt werden konnten. Robert Ulzhöfer sagte dennoch auf Grundlage von Berechnungen, einen "ganz erheblichen Anteil macht der Durchgangsverkehr in Ost-West- und West-Ost-Richtung aus". Mehr als die Hälfte des Verkehrs auf der B 304 entfalle darauf. Aus Vaterstetten und weiter entfernten Kommunen nähmen viele den Weg durch Haar. Wobei seinen Worten nach auffällt, dass das nicht nur der Berufsverkehr ist. Der Verkehr sei den ganzen Tag über dicht. Eine wachsende Zahl an Autofahrten wurde auch auf der Strecke Vaterstetten, Ottendichl, Gronsdorf ermittelt. Viele suchen so offenkundig den Schleichweg zur Wasserburger Landstraße in Trudering.
80 000 Ortsbewegungen stellte das Büro Stadt, Land, Verkehr insgesamt in Haar am Tag fest: davon 40 Prozent mit dem Pkw, sieben Prozent als Beifahrer, 15 Prozent mit Bus und Bahn, 18 Prozent zu Fuß und 20 Prozent mit dem Rad. Beim Blick auf den rein innerörtlichen Verkehr strich Ulzhöfer heraus, dass im Vergleich zu anderen Kommunen in der Region wie etwa Oberschleißheim oder Straßlach-Dingharting mit 60 Prozent relativ viele mit dem Rad und zu Fuß unterwegs seien. Den Fahrradfahrer-Anteil noch weiter zu erhöhen, werde schwierig sein, sagte Ulzhöfer.
Dabei sind die Haarer nicht nur Musterknaben. Stirnrunzeln gab es im Gemeinderat, als Ulzhöfer berichtete, dass fast die Hälfte der befragten Autofahrer aus der Gemeinde weniger als 1,5 Kilometer zurücklegten. Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) sah das als Beleg dafür, dass noch Verkehrsteilnehmer fürs Rad und fürs Laufen zu gewinnen sein müssten. Dietrich Keymer (CSU) äußerte im übrigen Zweifel an der Aussage des Verkehrsplaners, dass sich die Zahl der Fahrzeuge in Haar in den vergangenen Jahren kaum verändert habe. "Das kann ich mir nicht vorstellen", sagte Keymer nach eigener Beobachtung. Ulzhöfer gab ihm indirekt Recht, indem er die bundesweite Erhebung von Verkehrszahlen, auf die er sich als Messgröße bezog, als wenig zuverlässig einstufte.
Ganz abgesehen davon, wie sich der Verkehr zuletzt entwickelte: Haar rechnet angesichts des Wachstums in der Region so oder so mit mehr Verkehr in der Zukunft. Auch sind neue Straßen sind im Gespräch, wie die Spange Nord von Eglfing entlang der Bahn bis Gronsdorf und Trudering. Für eine Verlegung der B 471 als Autobahnparallele wird eine Machbarkeitsstudie erstellt.
Bürgermeisterin Müller sieht sich mit den Aussagen des Verkehrsgutachtens gewappnet, um an übergeordneter Stelle für eine Alternativtrasse zur B 471 zu werben. 11 700 gezählte Fahrzeuge auf dem Südabschnitt der B 471 in Haar seien ein drängendes Problem, sagte sie, weil der Verkehr nah an Wohnhäusern vorbeilaufe.
Der Gemeinde sind mangels Zuständigkeit ansonsten, was die überörtlichen Straßen angeht, die Hände gebunden. Verkehrsplaner Ulzhöfer empfahl, im Kleinen Fortschritte anzupeilen. Mögliche Schritte wären, Rad- und Fußwege auszubauen. Eine Fahrradverbindung per Brücke über die B 304 etwa wäre eine Idee. Auch könne man dafür werben, dass Kinder zu Fuß zu in Schule und Kindergarten gehen. Anregungen, was getan werden könnte, lieferten die Bürger übrigens zuhauf, die im Zuge der Verkehrsuntersuchung Fragebogen ausfüllten. Sie forderten unter anderem Verbesserungen beim Ortsbus, bei Ampeln und bei der Verkehrsberuhigung in Wohngebieten.