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Grünwalder Gastronomen:Als Mosi noch Hirn mit Ei bestellte

Seit 25 Jahren bewirten Marion und Oswin Hennemann das Lokal Römerschanz im Grünwalder Bürgerhaus. Die Zeiten, in denen es sich Promis regelmäßig in der Gaststätte schmecken ließen, sind längst vorbei. Jetzt muss das Gastro-Paar schauen, wie es über die Runden kommt.

Von Claudia Wessel, Grünwald

Um 18.30 Uhr wischt Marion Hennemann die Theke ab. Alle Gäste sind verschwunden. Vier waren es, die noch vor zwei Stunden hier saßen, zwei Männer bei Weißbier, zwei Frauen bei Weinschorle. Dass heute noch jemand kommt, glauben Marion und Oswin Hennemann, Wirte des "Gasthaus Römerschanz" im Grünwalder Bürgerhaus, nicht.

Die Kegelbahn ist nicht gebucht, auch Schützen- und Trachtenstüberl sind leer. An solchen Tagen, haben die Wirte erfahren, gilt: "Wenn bis 20 Uhr niemand da ist, kommt auch keiner mehr." Dann schließt das Ehepaar die Tür und geht nach Hause.

Das ist einerseits gut, denn die Hennemanns sind eigentlich schon im Rentenalter. Als sie vor 25 Jahren das Lokal übernahmen, am 1. April 1994, war Oswin Hennemann 40 Jahre alt, seine Frau 45. Inzwischen sind sie also durchaus froh, wenn sie sich mal ausruhen und früher heimgehen können. Am allerliebsten würden sie sogar ganz zusperren und die Rente genießen. Die sie aber als Selbständige nicht bekommen. Was ist mit Rücklagen? "Das haben wir meistens ins Geschäft gesteckt", sagt Oswin Hennemann.

Oswin Hennemann betreibt mit seiner Frau seit einem Vierteljahrhundert das Bürgerhauslokal von Grünwald.

(Foto: Claus Schunk)

Also machen sie weiter und begehen auch im April mit ihren Gästen das Jubiläum. Zum Rückblick auf alte Zeiten holt Oswin Hennemann einen Ordner mit zerfledderten Zeitungsausschnitten hervor. Auf den ausgeblichenen Schwarzweißfotos sind zahlreiche Prominente zu sehen. Die Kessler-Zwillinge, als sie noch jung waren, Barbara Herzsprung, als sie noch so hieß, August Everding, als er noch im Grünwalder Schloss lebte. Mario Adorf und Uschi Glas. Senta Berger und Max Greger. "Mir fehlt eigentlich nur der Papst", sagt Oswin Hennemann. Ansonsten hat er schon fast alle bedient. Nicht nur im Bürgerhaus, sondern auch vorher im Bunuel in Grünwald, das er gemeinsam mit Schauspieler Peter Fricke betrieb.

Auch Rudolph Moshammer gehörte zu Hennemanns Gästen. "Er war ein schwieriger Gast, hatte ganz genaue Vorstellungen", erinnert sich der gelernte Koch Hennemann. "Er hat gerne Hirn mit Ei gegessen, und das musste ein ganz bestimmte Farbe haben." Habe er diese allerdings gut getroffen, sei Moshammer sehr begeistert gewesen.

Marokkanische Nacht mit Doldinger

Die Zeiten, in denen Hennemann Promis bewirtet hat, sind lange her. Die Zeitungsausschnitte stammen fast alle von Mitte der Neunzigerjahre. Damals, frisch im Bürgerhaus-Restaurant, organisierten die Hennemanns unglaublich viele Events und Partys, vom Jazzabend mit Klaus Doldinger bis zur marokkanischen Nacht mit Speisen, die direkt aus Marokko geholt wurden. "Wir haben Minze eingeflogen und Berge von arabischen Nachspeisen." Die Hennemanns wollten Werbung für sich machen, was ihnen gelang Viele Promis waren Stammgäste. "Die Julia Tewaag ist bei uns durch die Küche gehüpft, auch die Kinder von Uwe Ochsenknecht." Wenn Senta Berger im Saal des Bürgerhauses auftrat, ließ sie sich vorher bei den Hennemanns ein Essen schmecken.

Wegen der Spezialität von Marion und Oswin Hennemann, der Sülze, kommen heutzutage die wenigsten in die Gaststätte.

(Foto: Claus Schunk)

Doch all das ist Vergangenheit. Zum einen hörte man relativ schnell auf mit den Riesenevents, weil es "wahnsinnig arbeitsintensiv" war, so Marion Hennemann. Zum anderen brauchte man dazu immer sehr viel Personal. Und schließlich änderte sich auch das Publikum im Laufe der Jahre, so Hennemann. "Die Promis gingen nicht mehr in Grünwald aus, auch wenn sie hier wohnten. Sie gingen nach München, wo sie gesehen wurden." Und wo sie eingeladen wurden, fügt er hinzu. "Viele Promis lassen sich gerne einladen, essen lieber kostenlos." Natürlich sind in den vergangenen 25 Jahren auch viele gestorben. "Bestimmt 50 Stammgäste", wie Marion Hennemann schätzt.

Es wurde also im Laufe der Jahrzehnte immer ruhiger, auch weil junge Leute nicht nachkamen. Allein aufgrund der schlechten Lage des Restaurants. "Man muss hier in den Keller gehen", so Oswin Hennemann. "Eigentlich hätte das Restaurant nach oben gehört. Die Volkshochschule dagegen könnte in jedem Stockwerk residieren."

Wenn die Hennemanns von den Gästen leben müssten, die ins Lokal kommen, hätten sie sicher schon längst aufgegeben. Ihre Rettungsanker sind die Veranstaltungen, die noch immer im Bürgerhaussaal stattfinden und bei denen sie für die Bewirtung sorgen. Der Jahresempfang der Gemeinde im September. Das Rosenmontagstheater. Der Bürgerball der CSU. Und der Flohmarkt, eine Idee von Marion Hennemann, die sie vor 19 Jahren hatte. "Da machen wir schon um 8 Uhr auf."

Nur wenn Veranstaltungen im Bürgerhaus sind, lohnt sich das Geschäft von Marion und Oswin Hennemann.

(Foto: Claus Schunk)

Es gibt dann Weißwurstfrühstück und mittags Schweinebraten. Umsatz kommt natürlich auch von den Keglern. Die Trachtler allerdings dürfen sich in ihrem Stüberl selbst bewirten, was Oswin Hennemann nicht gefällt.

"An Tagen mit Veranstaltungen arbeiten wir 18 Stunden", sagt Marion Hennemann. Das ist gut fürs Überleben, aber anstrengend. Und nicht wirklich lohnenswert. "Reich wird man nicht", sagt Oswin Hennemann. Die Pacht sei zwar human, dank der Gemeinde, aber: "Die Nebenkosten fressen einen auf. Es macht nicht mehr den Spaß, den es machen sollte. Sehr hart, das Ganze", seufzt der Wirt. Auf den Jubiläumsmonat, den April, freut er sich eigentlich auch gar nicht so recht.

Denn da wird wieder einmal im Bürgerhaus ein Wasserschaden repariert, der Haupteingang ist dann gesperrt, die Gäste müssen durch die Tiefgarage kommen. Die Bargäste sind wohl die einzigen, die diesen Weg finden werden. Dann kann Marion Hennemann wieder jeden Abend um 18.30 Uhr die Theke abwischen.

© SZ vom 26.03.2019/belo

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