Süddeutsche Zeitung

Kriegsbeginn vor 80 Jahren:"Da kommt etwas Unheimliches"

Es ist der 31. August 1939, der letzte Friedenstag. Eine junge Frau heiratet, ein Bub ist mit seinen Eltern in den Ferien und ein junger Mann verabschiedet sich von seinem Vater.

Es ist ein heißer Sommer vor 80 Jahren. In ganz Europa schwitzen die Menschen, auch in München. "Zunächst noch warm und schwül", schnarrt die Stimme am 31. August über den Äther. In Bayern sind Ferien, der zehnjährige Ernst Burmester aus Solln ist mit seinen Eltern im Berchtesgadener Land in Urlaub, während die heutige Pullacherin Elisabeth Richter just am letzten Friedenstag ihren Harry heiratet; die Gesellschaft feiert in den letzten Stunden vor Kriegsbeginn im Hotel "Vier Jahreszeiten" in München. Und Rudolf Wanninger aus Grünwald verabschiedet sich von seinem Vater. Er soll ihn nur noch einmal sehen.

70 Gäste und ein Zeichen

"Wenn ich später von der Tafel aufstehe, den Saal verlasse und mit meinem Steyrer Hut mit dem Gamsbart wieder hereinkomme, dann ist Krieg." Diese Worte sagt Adolf Hühnlein, der Vater von Elisabeth Richter, am frühen Nachmittag des 31. August 1939 zu seinem frisch gebackenen Schwiegersohn Harry. Zu dieser Stunde sitzt die fein gekleidete Festgesellschaft beim Hochzeitsessen von Elisabeth und Harry im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten".

Die 1913 in München geborene Elisabeth Richter lebt heute in Pullach in einem Altenheim. 2010 erzählte sie ihrer Tochter Andrea Richter ihr Leben für eine Biografie. Für das Buch "Meine beiden Leben" erhielt Andrea Richter den Preis des Deutschen Biographiezentrums. "Es gab Gebirgsforelle und Poularde vom Spieß", zitiert die Tochter darin ihre Mutter. "Ich konnte aber fast nichts davon essen."

Die damals 26-jährige Braut war zu aufgeregt - weniger wegen des drohenden Krieges als wegen ihrer Heirat. Über die hochexplosive politische Lage informierte der Vater, ein hoher NS-Funktionär, vorerst nur den neuen Mann in der Familie. "Durch das heimliche Gamsbartzeichen ließ er Harry wissen, dass der Kriegsausbruch, der Überfall auf Polen, in den nächsten Stunden sicher sei", heißt es in der Biografie. Seine Tochter und die Hochzeitsgäste habe er nicht in Panik versetzen wollen. Doch das gelang nicht. "Vater bekam den Befehl, sofort in den Reichstag nach Berlin zu kommen. Er musste deshalb am Nachmittag überstürzt die Hochzeit verlassen (was ich gar nicht richtig mitbekam) und fuhr postwendend mit seinem Fahrer über die Autobahn in die Reichshauptstadt."

Schon bei der Trauungszeremonie am Morgen war keine heitere Stimmung aufgekommen. Die Trauung hatte Elisabeths Mutter Paula in der Privatwohnung der Familie an der Widenmayerstraße organisiert und dafür einen improvisierten kleinen Altar vorbereitet "von Mutter wunderschön mit einem alten Kreuz, gestickten Decken, Kerzen und Blumen geschmückt". Die Hochzeit hatte zu Hause stattfinden müssen, da Brautvater Hühnlein als NSDAP-Parteimitglied, Generalmajor und Korpsführer des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps keine Kirche betreten durfte. "Der Pfarrer predigte gar nichts Persönliches über uns, über unsere zukünftige Ehe. Er hielt eine todtraurige Rede. Es klang, als ob wir schon fast gestorben wären", erinnert sich die heute 106-Jährige.

Der drohende Krieg hatte schon Tage zuvor die Hochzeitsplanungen durcheinandergebracht. 70 Personen mussten festlich bewirtet werden - und just drei Tage zuvor, am 28. August, war die Lebensmittelversorgung rationiert worden. Auch die geplante Hochzeitsreise musste wegen der akuten Kriegsgefahr umorganisiert werden. "Harry und ich starteten am Spätnachmittag zu unserer Hochzeitsreise. Allerdings nicht auf die romantische Insel Capri bei Neapel - wie schon lange von Mama gebucht und im Voraus bezahlt, das Geld sah sie nie wieder -, sondern nur ins Bayerische, an den Starnberger See, nach Feldafing ins Hotel Kaiserin Elisabeth. Das war nicht das, was wir uns erträumt hatten. Aber zumindest konnten wir - eine Vorgabe meiner Eltern - im Kriegsfalle zur Not zu Fuß nach Hause laufen."

Am nächsten Morgen, es war der 1. September 1939, war bei der übernächtigten Hochzeitsgesellschaft in München der Teufel los. "Krieg! Jeder wollte so schnell wie möglich nach Hause. Über Nacht aber waren die deutschen Grenzen geschlossen worden." Doch wohin mit den vielen Verwandten des aus Siebenbürgen in Rumänien stammenden Bräutigams? Vater Hühnlein konnte über seine Verbindungen einen Kleinbus organisieren, der alle heil über die österreichisch-ungarische Grenze zurückbrachte.

Beim späten Frühstück nach Elisabeths und Harrys Hochzeitsnacht tauchten höchst unerwartet die Brauteltern auf der Hotelterrasse in Feldafing wieder auf. Vater Hühnlein befürchtete, die Tochter könne wegen ihrer Heirat mit einem Siebenbürger und ihres neuen rumänischen Passes ausgewiesen werden, auch wenn Rumänien auf deutscher Seite stand. Elisabeth wollte von alledem so kurz nach Heirat und Hochzeitsnacht eigentlich gar nichts wissen. "Ich hatte mir jedenfalls in dieser Nacht über die politischen Entwicklungen keine Gedanken gemacht." Doch über ihren Flitterwochen lagen Schatten. "Düster, bedrückt und unbegreiflich, so erschien uns auch das Leben im Hotel. Es war fast leer - nur wir beiden Flitterwöchner, ein paar vereinzelte Gäste und das zahlreiche Personal." Trotzdem fühlten sie sich als glücklich frisch verheiratetes Paar. "Wir wussten gottlob noch nichts von den dunklen Lebenssequenzen der folgenden Jahre. Für uns hielt die Welt noch kurz den Atem an."

Menschentraube auf der Straße

Ernst Burmester aus Höhenkirchen kann sich an den letzten Friedenstag und den Kriegsbeginn vor 80 Jahren noch ganz genau erinnern. Der heute 90-Jährige war damals gerade zehn Jahre alt geworden und besuchte die Volksschule in Solln. Ende August war er mit seiner Familie im Urlaub in der Ferienwohnung in Berchtesgaden. "Ich habe die ungeheure Spannung mitbekommen, da lag etwas in der Luft", sagt er rückblickend. Seine Eltern - sein Vater war Mathematik-Professor, seine Mutter hatte Musik studiert - seien politisch sehr interessiert gewesen. Besonders nach dem Anschluss Österreichs und der Einverleibung des Sudetenlands hätten sie die Situation als sehr bedrohlich empfunden. Den 1. September erlebte Burmester in Salzburg. Er erinnert sich noch gut an die Menschentraube rund um ein Auto, auf dessen Dach ein Lautsprecher montiert war und aus dem die Durchsage kam, dass zurückgeschossen werde. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. "Da war kein Jubel zu hören. Ich hatte das Gefühl, da kommt etwas Unheimliches."

Gleich zu Kriegsbeginn wurde auch das Berchtesgadener Gebirgsjäger-Regiment an die Front geschickt. Burmester weiß noch, wie sie "eine große Schleife durch den Ort zogen", bevor sie am Bahnhof in den Zug einstiegen. Er hielt das Erlebnis in einem Aufsatz fest, für den er eine Eins mit Sternchen bekommen habe. Ein Jahr später wurde der Text sogar in einer Frontzeitschrift veröffentlicht, "was mich gewundert hat, denn er war eher negativ". Den Aufsatz habe er leider nicht mehr, bedauert Burmester, aber er erinnert sich, dass darin etwas von "drückender Stimmung, bleiernem Himmel und weinenden Mädchen" gestanden habe.

Mit Einberufungsbefehl zur Tram

Als der Krieg ausbrach, war Rudolf Wanninger 18 Jahre alt. "Ein junger Bursche, der ganz andere Dinge im Kopf hatte als die Politik", wie der Grünwalder über sich selbst sagt. Und so kann Wanninger heute, 80 Jahre später, noch erzählen, wie er im Café Rex am Stachus Walzer tanzte, dass er den Tango von allen Tänzen am liebsten mochte, "weil man da so eng umschlungen war", und wie er in Lokalen österreichische Weine trank. Wie er sich von seinem Vater verabschiedete, der bereits am ersten Kriegstag eingezogen wurde, weiß Wanninger dagegen nicht mehr genau. "Die Ereignisse überrollten uns. An diesem Tag konnte ich mir noch gar nicht vorstellen, dass ich auch einmal kämpfen muss", sagt der heute 98-Jährige auf seiner Terrasse in Grünwald.

Ein paar Wochen, bevor der Krieg begann, habe sein Vater den Einberufungsbefehl erhalten. Dieser war damals Direktor einer Versicherung, 1,85 Meter groß und schlank und glaubte wie viele daran, dass Hitler Deutschland zu alter Macht und Größe zurückführen könne. Schon damals lebte die Familie in dem Haus in Grünwald, in dem Rudolf Wanninger noch heute zu Hause ist und an dessen Eingang eine große Bayernfahne weht.

Gleich am ersten Tag des Krieges habe sich der Vater in München melden müssen, erinnert sich Wanninger. Seine Mutter und er hätten ihn mitsamt dem Koffer zur Straßenbahn gebracht. Wieder zu Hause hörten Mutter und Sohn den ganzen Tag Radio. Hatte er keine Angst? "Ja und nein", sagt Wanninger. "Wir hatten eine gewisse Zuversicht, irgendwie lebendig aus der Sache herauszukommen." Er selbst arbeitete damals bei einem Flugzeughersteller und fertigte Schablonen für die Teile an. Die Ideen der Nazis, sagt er, hätten ihm überhaupt gar nicht gefallen. Er sei nie in der Partei, nie bei der Hitlerjugend, nie beim Jungvolk gewesen - nicht weil er sonderlich rebellisch gewesen wäre, sondern einfach, weil er ein völlig unpolitischer Mensch gewesen sei.

Was Wanninger damals nicht weiß: Seinen Vater sollte er nur noch einmal wiedersehen - drei Jahre später, als er selbst verwundet in einem Lazarett in Berlin liegt. Als Flieger der Luftwaffe war er über dem Kaukasus abgeschossen worden. "Mein Vater kam in einem langen Mantel herein und hatte 1000 Zigaretten dabei", erzählt Wanninger. Nach Kriegsende hörten Wanninger und seine Mutter fünf Jahre lang nichts von ihm - bis ein alter Kamerad auftauchte, der erzählte, dass der Vater 1945 beim Rückzug in Tschechien erschossen worden sei. Was genau geschah, erfuhr er nie. Auch konnte er seinen Vater nie begraben. "Ich vermisse ihn", sagt der Grünwalder. "Bis heute."

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SZ vom 31.08.2019/lb
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