SZ-Serie "Auf Wiedervorlage":Die Hänge-Brücke

Lesezeit: 3 min

Eine Fahrradverbindung über die Isar zwischen Grünwald und Pullach wäre sinnvoll und möglich. Doch die naturschutzrechtliche Prüfung des Projekts durch das Landratsamt kommt nicht voran.

Von Claudia Wessel, Grünwald

"Aufs Radl steigen und bei Sonnenschein und leichtem Fahrtwind an der Grünwalder Burg vorbei, dann nach links abbiegen auf die nagelneue Fußgänger- und Radbrücke. Ohne Anstrengung über die Isar nach Höllriegelskreuth und dann auf dem Radweg durch schönste Landschaften bis zum Badestrand am Starnberger See zur verdienten Abkühlung radeln. Glücksmomente." Diese Zukunftsvision will die Grünwalder Grünen-Gemeinderätin Ingrid Reinhart noch erleben, wie sie bereits 2018 bei einem Fototermin am möglichen Startpunkt der Brücke sagte. Doch obwohl inzwischen schon einige Vorarbeiten für das Projekt geleistet wurden, kommt die Umsetzung nicht voran. Der Grund: Weil das Landratsamt andere Prioritäten hat, steht die nötige naturschutzrechtliche Prüfung noch aus.

Die Idee zu der neuen Verbindung über die Isar hatte die passionierte Radfahrerin Reinhart bereits 2015. Seinerzeit kam ihr der Gedanke, dass es doch schön wäre, nicht die beiden Berge zwischen Grünwald und Pullach auf der Straße zu radeln beziehungsweise zu schieben. Zum einen, weil das für die Menschen auf dem Zweirad oftmals sehr gefährlich sein kann. Zum anderen, weil doch die beiden Gemeinden eigentlich gar nicht weit voneinander entfernt liegen. Vogelfluglinie jedenfalls. Wenn man diese kurze Entfernung beispielsweise mit einer Brücke überwinden könnte, wäre das eine tolle Erleichterung, vor allem für die Fahrradfahrer. Aber auch zu Fuß könnte man ohne vorbeirauschende Autos gemütlich hinüber spazieren. Die Grünen stellten einen Antrag im Gemeinderat.

Die Grünen-Gemeinderätin Ingrid Reinhart (Sechste von links) mit Mitstreitern am möglichen Startpunkt der Brücke an der Dr.-Engelsperger-Straße. (Foto: privat)

Eine Bedarfsanalyse, die im Jahr 2021 endlich nach mehrmaligem Nachhaken erstellt wurde, gab Reinhart zumindest in Teilen recht. Das Ingenieurbüro Schlothauer und Wauer nahm im Auftrag der Gemeinde Grünwald Befragungen und Zählungen vor. Heraus kam, dass Radler sehr gerne eine solche Brücke über die Isar nutzen würden. 58 Prozent sagten, sie würden regelmäßig darüber fahren. Auch für das übergemeindliche Radwegenetz wäre eine solche Brücke eine gute Ergänzung, fanden die Ingenieure heraus. Weiterhin wäre es eine gute Möglichkeit, die S-Bahn in Pullach zu erreichen ebenso wie die dortigen Schulen. Fußgänger sahen in einer Brücke dagegen weniger Nutzen für sich, da sie auch viele andere Möglichkeiten haben.

Auch Reinhart hat noch weitere Szenarien für eine Nutzung im Kopf: "Statt Zeit im Vormittags- oder Abendstau auf der Grünwalder Brücke zu verschwenden mit dem Radl beschwingt die Isar auf der Radbrücke überqueren und so bestens gelaunt seinen Arbeitsplatz erreichen." Oder: "Zum Shoppen, Eisessen, Boulespielen, Kaffeetrinken über die Isar gemütlich in die andere Gemeinde radeln oder spazieren. Erweitert das Konsumangebot und lässt die beiden Gemeinden Pullach und Grünwald näher zusammenrücken." Leider weiß Reinhart jedoch auch, dass all dies derzeit "nur schöne Träume" sind. Und das, obwohl bereits seit 2019 das Ergebnis einer studentischen Masterarbeit an der Technischen Universität München bei Professor Oliver Fischer vorliegt, die zu dem Ergebnis kam: "Alles ist möglich, die Brücke ist grundsätzlich realisierbar."

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Viele technische Möglichkeiten wurden dafür untersucht. So kam etwa heraus, dass der Abstand zur Hangkante 30 Meter betragen sollte. Verschiedene Standorte auf Grünwalder Seite wurden in Augenschein genommen. An der Habenschadenstraße bestand die Gefahr von Hangrutschungen, letztendlich wurde die Dr.- Engelsperger-Straße als geeignetster Standort gefunden. Dort bräuchte man zwar eine größere Spannweite der Brücke, doch bestehe keine Rutschgefahr und es sei wohl der verkehrsgünstigste Standort, ebenso sei der Abstand zu den anderen Isarbrücken ideal.

Den Grünen schwebte anfangs eine Hängebrücke vor. Diese erwies sich jedoch im Rahmen der Masterarbeit als ungeeignet aufgrund der zu hohen Schwingungsanfälligkeit. Von Radfahrern könnte sie daher nicht genutzt werden, höchstens von Fußgängern wie etwa die Charles-Kuonen-Brücke in der Schweiz, mit 494 Metern die längste Hängebrücke der Welt, die 2017 eröffnet wurde. Untersucht wurden auch eine Schrägseilbrücke, letztendlich aber erklärte man eine Bogenbrücke als beste Variante.

Im Herbst soll ein Gutachten vorgestellt werden

Soweit die technische Machbarkeit. Doch auch damit ist es noch lange nicht getan. Es fehlt die naturschutzrechtliche Standortprüfung. Diese hat das Landratsamt in die Wege geleitet, indem es ein Ingenieurbüro damit beauftragt hat. Offenbar liegen auch schon Ergebnisse vor. Diese aber müssten noch von den Zuständigen im Landratsamt "fachgerecht überprüft" werden, wie Reinhart weiß. Leider aber gibt es genau dafür in der Unteren Naturschutzbehörde derzeit kein Personal. Das hat das Amt der Gemeinde Grünwald auf mehrfache Nachfragen mitgeteilt. "Ich rufe regelmäßig dort an", berichtet Hauptamtsleiter Tobias Dietz. Doch er hört immer nur dasselbe: Wegen des russischen Krieges gegen die Ukraine und wegen der Corona-Pandemie wurden die Zuständigen an andere Stellen im Amt versetzt. Das Projekt ruhe daher "auf unbestimmte Zeit".

Auch auf Nachfrage in der Pressestelle des Landratsamtes erfährt man, dass das naturschutzfachliche Gutachten noch nicht fertig sei. Erst im Herbst würden dessen Ergebnisse dem Landratsamt vorgestellt. Ingrid Reinhart kann also weiterhin nur hoffen, dass sie die Fertigstellung einer solchen Brücke für Glücksmomente noch erlebt.

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