"Paul Katzenstein muss albtraumartige letzte vier Wochen gehabt haben", sagt Susanne Meinl. Die Historikerin arbeitet im Auftrag der Gemeinde an einer Dokumentation über den Nationalsozialismus in Grünwald, zurzeit schreibt sie an dem Kapitel über Katzenstein, das im ersten Teil des ersten Bandes stehen wird. Das Ende des 29-jährigen Mannes ist in den Totenbüchern des Konzentrationslagers Lublin-Majdanek am 8. Juni 1942 verzeichnet, also genau vor 80 Jahren. In diesen Büchern wurden nur diejenigen erwähnt, die in dem Lager eine Zeit lang lebten und bei ihrer Einlieferung eine Nummer bekamen.
Die Menschen, die dort später durch Gas ermordet wurden, wurden nicht mit Namen dokumentiert. Katzenstein ist somit einer der wenigen 1942 aus München Deportierten, über deren Schicksal und Ende überhaupt etwas bekannt ist. Katzenstein wurde zur Zwangsarbeit herangezogen. "Ob er erschossen oder erschlagen wurde, an einer im KZ grassierenden Seuche wie Typhus oder vor Erschöpfung durch die mitleidlose Zwangsarbeit starb, ist unbekannt", schreibt Meinl im Entwurf des ersten Kapitels.
Als Katzenstein im Mai 1942 in dem Lager ankam, erhielt er die Zugangsnummer 7735 . "Die schwer lesbare Liste seines Eigentums vermerkt noch einen Geldbetrag und dass er nur noch besaß, was er am Leibe trug", so Meinls Text. "Eine letzte Unterschrift folgte, ohne den Zwangsnamen ,Israel'." Vielleicht ein letzter kleiner Protest, denn Paul Katzenstein hatte zwar das Down-Syndrom, wusste aber laut Meinls Recherchen sehr wohl, was vor sich ging und machte auch kritische Äußerungen über Hitler. Was er wohl schlecht einschätzen konnte, war die Gefahr solcher Aussagen.
Doch der Deportation konnte er ohnehin nicht mehr entkommen. Nachdem ein Teil der jüdischen Familie Katzenstein rechtzeitig ausgewandert war, musste er in Deutschland bleiben. Denn aufgrund seiner Behinderung weigerte sich die Amtsärztin des Münchner Gesundheitsamtes im Januar 1939, ihm das für eine Aufnahme im Ausland notwendige polizeiliche Führungszeugnis auszustellen. Das war sein Todesurteil. Seine Mutter Betty wollte ihn nicht alleine lassen und blieb ebenfalls. Auch sein Bruder Jakob entschied sich gegen eine Auswanderung, obwohl er bereits zuvor im Konzentrationslager Dachau gewesen war. Alle drei wurden ermordet.
Mutter und Bruder blieben ebenfalls in Deutschland und wurden ermordet
Susanne Meinl braucht gute Nerven, um all die schrecklichen Schicksale zu verkraften, denen sie im Rahmen ihrer Arbeit an dem Buch begegnet. Über eines allerdings ist sie sehr froh: Dass ihr ihr Auftraggeber, die Gemeinde Grünwald, reichlich Zeit lässt, um ausführlich zu recherchieren, in Archive einzutauchen, Totenbücher zu sichten und andere Materialien, die bisher nur wenige angeschaut haben.
Das Interesse an Paul Katzenstein ist in Grünwald groß. Das erlebte Meinl, nachdem er bereits vor einiger Zeit kurz in einem Bericht über das Buchprojekt erwähnt wurde. "Ich bin immer wieder auf ihn angesprochen worden, auch auf seine Mutter. Viele wollten gerne ein Gesicht sehen." Die Fotos von den Pässen, die nun vorliegen, waren nicht einfach aufzutreiben, doch Meinl hat es geschafft. Auch der Ausweis von Pauls Mutter Betty Katzenstein ist nun zu sehen. Deutlich sieht man darauf, wie sie mit dem Zwangsnamen "Sara" unterschrieben hat.

In Grünwald war Paul Katzenstein immerhin vier Jahre lang zu Hause. Er besuchte seit 1923 die Schule von Alfons und Milica Engelsperger, wo er unter anderem das Gärtnerhandwerk erlernte. Vielleicht hatte Pauls Vater Nathan kurz vor seinem Tod im Februar 1923 diese Reformschule noch ausgesucht, denn er selbst war in Hessen an einer solchen Lehrer gewesen. Seit 1913 lebte die siebenköpfige Familie Katzenstein in München, wo sie im Lehel eine schöne, große Wohnung gefunden hatte. Als Nachkömmling wurde 1913 noch Paul geboren. Während der Rest der Familie schon 1934 die Auswanderung in die Wege geleitet und sich in verschiedene Länder gerettet hatte, wurden Paul, Jakob und die Mutter Betty Anfang 1942 ins Lager nach Milbertshofen gebracht.
"Im Lager Milbertshofen hatte die Familie noch gut eine Woche Zeit, sich voneinander zu verabschieden", schreibt Meinl. "Während Jakob und Paul nach Piaski verschleppt wurden, war Betty Katzenstein für das sogenannte ,Altersghetto' in Theresienstadt vorgesehen." Ende Juni 1942 verließ sie mit dem Transport II/9 München. Zu diesem Zeitpunkt waren ihre beiden Söhne vermutlich schon ermordet. Von Theresienstadt aus wurde Betty Katzenstein am 19. September 1942 laut Meinl in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer umgebracht.

