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Grünwald:Kleine Kunstwerke aus der Kanalisation

Sol Invictus, der unbesiegte Sonnengott, treibt seiner Rösser mit der Peitsche an. Diese Gemme ist eine der filigransten in der Grünwalder Ausstellung.

(Foto: Claus Schunk)

Eine Ausstellung in der Grünwalder Burg zeigt antike Gemmen. Manche davon haben ihre Träger in römischen Thermen verloren

Für einen Legionär, der seinen Grenzdienst in irgendeinem Winkel des römischen Reiches zu leisten hatte, mag es größere Sehnsuchtsorte gegeben haben, als Rätien. Aber die um Christi Geburt eroberte und im ersten Jahrhundert aufgebaute Provinz, die das nördliche Voralpenland bis zu Donau und Inn umfasste, konnte im Gegensatz zum düsteren Germanien jenseits des Limes wenigstens mit ein paar Errungenschaften der römischen Zivilisation aufwarten.

Dazu zählte der Besuch von Thermenanlagen, er gehörte zu den größten Vergnügungen römischer Bürger und manch Nebeneffekt, den die antike Spa-Tradition zeitigte, ist derzeit im Burgmuseum Grünwald zu bestaunen. "Antike Gemmen aus Bayern - Kunst in Miniatur" heißt die aktuelle Sonderausstellung, welche die Archäologische Staatssammlung dort zeigt. Etliche dieser Gemmen - geschnittene Schmucksteine, die oft Teil eines Siegelrings waren - hat man im Umkreis von römischen Thermen gefunden - aufgrund der hohen Temperaturen dort hatten sich diese aus den Ringfassungen gelöst und waren in die Kanalisation gelangt.

Weitere der wiederentdeckten und in Grünwald zu sehenden Kleinode waren durch andere Misslichkeiten verloren gegangen oder als Beigaben in Gräber gelegt worden. Jedenfalls sind die Fundorte und Fundumstände allesamt bekannt, und das macht Harald Schulze, den Kurator der Ausstellung, durchaus stolz: "Das Besonders bei uns ist, dass wir alle Gemmen einem antiken Kontext zuordnen können." Ob das Motiv nun ein Gott, ein Tier oder eine Muse ist, ob die Gemme aus orangefarbigem Karneol, eine Quarzvarietät, oder Glas gefertigt wurde, die Archäologen wissen darüber hinaus, ob das Schmuckstück von einer Frau, einem Mann oder Kind getragen wurde, und häufig können sie sogar den Zeithorizont konkret eingrenzen - etwa bei den Funden vom Auerberg im Allgäu, wo die römische Siedlung nur von 13 bis 40 nach Christus existierte. "Das ist interessant als Teil unserer Kulturgeschichte", so Schulze.

Nun, die kleine, fein präsentierte Ausstellung im ersten Stock des östlichen Burgflügels dürfte generell eher für Spezialisten interessant sein, es gibt wahrscheinlich gar nicht so viele Menschen, die sofort mit dem Begriff "Gemmen" (Gemma heißt auf Latein Knospe, Edelstein) etwas anzufangen wissen. Die Tradition, Edelsteine zu schneiden und mit (meist) mythologischen Motiven zu dekorieren, stammt aus dem Orient und kam dann über Griechenland nach Rom. "Erste Siegel tauchen mit der Sesshaftwerdung und Vorratslagerung auf", erklärt Schulze. In der Antike gab es berühmte Gemmenschneider, beinahe jeder römische Bürger, Mann, Frau, Kind, hatte eines dieser Schmuckstücke und benutzte es als Siegelring, als Dekor, oder als Symbol für politische Propaganda, die einen etwa als Anhänger des Kaiser Augustus markierte.

Als Grundmaterial wurden vornehmlich Quarzvarietäten verwendet, oft aus Indien importiert - dazu zählten etwa das erwähnte Karneol oder Jaspis. "Quarz hat die ideale Härte", sagt Schulze. "Er ist hart, aber gut zu bearbeiten und kratzfest." Wie funktioniert nun das Eingravieren von Zeichen und Bildern in die Steine? Grob gesagt hat sich bis in die Neuzeit wenig an der Technik geändert, bis ins 19 Jahrhundert waren Gemmen vor allem als dekorative Siegelringe auch bei Adeligen äußerst beliebt. Die Stein wurden mit einem Bohrer, der mit Hilfe eines Rades oder einer Bogensehne in Rotation versetzt wurde, bearbeitet. Es gab Massenfertigungen, aber reiche Bürger gaben auch spezielle Motive in Auftrag.

Die Gemmen, die man in Grünwald in gut ausgeleuchteten Vitrinen - auch mit einer speziellen Lupenkonstruktion - sehen kann, sind denn auch unterschiedlich filigran und unterschiedlich gut erhalten. Oft sind (Halb-)Götter die Motive, Herkules, Amor oder Venus, ein besonders versiert gestalteter Edelstein zeigt den Sonnengott Sol Invictus, wie er die Rösser eines Streitwagens mit der Peitsche antreibt.

Infotafeln (auch in Englisch), eine Powerpointpräsentation und vor allem eine große Karte mit den Fundorten (darunter aus dem Landkreis Aschheim und Heimstetten), die sich quasi über das ganze römische Bayern verteilen (und vereinzelt keltische Siedlungen nördlich der Donau beinhalten) vermitteln einen guten Eindruck vom Thema. Es geht um die Bildsprache, den Symbolgehalt der Miniaturbilder auf den Gemmen sowie die Materialität und Aussagekraft der durch die archäologische Forschung gewonnenen Fundzusammenhänge.

Dass die Ausstellung, die bis zum 10. Januar läuft, kein großer Publikumsmagnet sein dürfte, ist klar. Hinzu kommen die üblichen Einschränkungen. Im Moment sind maximal fünf Personen in dem recht weitläufigen Ausstellungsraum erlaubt, natürlich herrscht Maskenpflicht und die Lupenkonstruktionen werden regelmäßig desinfiziert. Bisher ist es noch recht ruhig. "Uns fehlen natürlich momentan die Schulklassen" sagt Schulze, der Gemmen-Liebhaber auch auf den Katalog zur Ausstellung verweist. "Aber wir hoffen auf den Sommer, wenn viele aus München und Umgebung mit dem Rad kommen, sich die Burg anschauen und dann auch die Ausstellung besuchen." Im Burginnenhof mit seine Liegen kann man zusätzlich gut sonnenbaden, Thermenanlagen gibt es freilich nicht.

© SZ vom 29.05.2020

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