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Zeitgeschichte:Das Vermächtnis der verfolgten Juden

Susanne Meinl forscht zur Geschichte Grünwalds während der NS-Zeit. Im Bild eine Luftaufnahme aus der Zeit von 1940 bis 1944.

(Foto: Gemeindearchiv Grünwald)

Die Historikerin Susanne Meinl hat Kontakt zu den Nachfahren von Grünwaldern geknüpft, die vor den Nazis flüchten mussten. Sie stellen Fotos und Informationen für ein Gedenkbuch zur Verfügung.

Von Claudia Wessel, Grünwald

"Grünwald in der NS-Zeit", ein "Gedenkbuch für die antisemitisch Verfolgten" und möglicherweise auch noch die "Geschichte des Films in Grünwald von 1910 bis 2020" - diese drei Bücher werden in den nächsten Jahren im Auftrag der Gemeinde entstehen. Geschrieben werden sie von der Historikerin Susanne Meinl.

Ihre Vorarbeiten sind nun abgeschlossen, sodass sie am Dienstagabend im Gemeinderat einen Überblick geben konnte über das, was in diesen Bücher stehen und wie man das recherchierte Wissen noch in anderer Form vermitteln kann. Meinl schweben etwa eine Kinoveranstaltungsreihe, Ausstellungen und eine Beteiligung der Schüler des Gymnasiums an der Recherche vor.

Das erste Buch könnte laut Meinl in der zweiten Jahreshälfte 2023 fertig sein, sollte es mit einer Ausstellung verbunden werden, dann in der ersten Jahreshälfte 2024. Das Gedenkbuch würde dann ein Jahr später erscheinen und das Werk über die Filmgeschichte entsprechend später. Pro Jahr hat der Gemeinderat für das Projekt 200 000 Euro bewilligt, zunächst für die ersten beiden Bücher.

Wie viel Susanne Meinl schon in Archiven recherchiert hat und wie viele spannende und berührende Aspekte dabei ans Tageslicht kamen, wurde bei ihrem Vortrag am Dienstag deutlich.

Meinl erwähnte allerdings, dass es wegen Corona zeitweise sehr schwierig war, denn einige Archive waren ganz geschlossen oder erlaubten nur sehr wenige Besucher. So musste sie des öfteren erst darum kämpfen, überhaupt einen Platz zu bekommen, um in alte Akten zu schauen. Eine sehr gute Zuarbeiterin hat die Historikerin in Berlin im Deutschen Historischen Museum, wie sie betonte. Von dort erhalte sie zahlreiches Material.

"Sie sind alle sehr interessiert daran, dass über ihre Verwandten geforscht wird."

Die Familie Schöpflich im Garten ihres Grünwalder Hauses.

(Foto: Familie Schöpflich)

Einen großen Erfolg konnte Meinl auch in weiterer Hinsicht verkünden: Sie hat sechs Familien von Opfern gefunden. So etwa hat sie Kontakt zur Familie des einstigen Grünwalder Juweliers Schöpflich. "Die Familie lebt in den USA und Südafrika", so Meinl. "Weitere fünf Familien habe ich rund um den Erdball gefunden. Sie sind alle sehr interessiert daran, dass über ihre Verwandten geforscht wird." Es sei für die Nachkommen sehr wichtig und sie möchten natürlich gerne wissen und mitbestimmen, in welcher Form über ihre Angehörigen geschrieben wird.

Die Familie Schöpflich etwa hat Susanne Meinl Kopien eines Fotoalbums zukommen lassen, die ihre Vorfahren noch vor ihrer Flucht aus Grünwald von bedeutsamen Orten gemacht hatten sowie von Menschen, die ihnen auch in der Diktatur die Treue gehalten hatten, so Meinl. Insgesamt sieht Meinl 30 bis 50 Personen, die für das Gedenkbuch in Frage kommen, unter anderem auch der Arzt Kurt Rosenmeyer, der 1939 nach Amerika flüchten konnte und sich dort wenige Tage vor Kriegsausbruch umbrachte.

Was genau hinter dieser Verzweiflungstat und dem Schicksal steckt, darüber hat Meinl viele neue Details in den Archiven gefunden, "die die Geschichte in einem neuen Licht erscheinen lassen", wie sie sagte. Allerdings möchte sie aufgrund der "schutzwürdigen Belange" der Familie noch keine Details nenen, bevor sie dies mit den Angehörigen abgeklärt hat. Noch hat sie nicht alle gefunden, derzeit ist sie noch auf der Suche nach Nichten und Neffen, von denen sie weiß, dass sie in Großbritannien leben.

Doch nicht nur das Gedenkbuch wird vermutlich die Menschen sehr berühren, sondern auch die anderen Bände der geplanten Trilogie. Eine der wichtigsten Fragen, die Meinl etwa im ersten Band beantworten möchte, ist: Wie kamen die Nationalsozialisten nach Grünwald? Warum "explodierten" bei der Wahl im September 1930 plötzlich die Erfolge der Nationalsozialisten in Grünwald? Wer gab den Tipp, dass in Grünwald ein freies Gelände für die Reichsführerschule zu haben war, die dort 1931 einzog? Möglicherweise, so Meinl, war dies ein gewisser Adolf Wenter.

Wenter war ein Regisseur, der in den Zwanzigerjahren für Orbis-Film arbeitete und dort eine Detektivserie entwickeln sollte. Orbis-Film residierte in Grünwald, und zwar auf dem Gelände, auf dem sich heute der Freizeitpark befindet. Die Filmateliers waren bereits 1918 von einem gewissen Ernst Reicher im Auftrag der Grundstückseigner Isidor Fett und Karl Wiesel aufgebaut worden.

Auf dem 75 000 Quadratmeter großen Gelände hatten die Besitzer ein großes Gebäude errichten lassen, die Ateliers darin sollten die modernsten und besten Deutschlands werden. Nachdem Reicher nach einem Autounfall 1921 aufhören musste, übernahm Wenter. Nachdem die Ateliers Anfang der Dreißigerjahre insolvent wurden, gab er vielleicht den Tipp an die Nazis. Und wurde dann auch gleich Hausmeister in der Reichsführerschule.

© SZ vom 22.10.2020

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