Grünwald Historikerin soll NS-Zeit in Grünwald erforschen

Hella Neusiedl-Hub hat 34 Zeitzeugen interviewt und bietet Führungen über die Zeit von 1933 bis 1945 an. Jetzt fühlt sie sich ausgebootet, weil die Gemeinde eine Historikerin engagiert.

(Foto: Claus Schunk)

Die Grünwalder Gemeinderäte entscheiden sich für eine professionelle Aufarbeitung der Jahre von 1933 bis 1945 - zur Enttäuschung einer Hobbyforscherin.

Von Claudia Wessel, Grünwald

Die Historikerin Susanne Meinl soll die Geschichte des Nationalsozialismus in Grünwald wissenschaftlich aufarbeiten. Sie wird für einen Zeitraum von rund sechs Monaten für ein Honorar von schätzungsweise 75 000 Euro engagiert, um Materialien im Gemeindearchiv und anderen Archiven aus der Zeit von 1933 bis 1945 zu sichten und die Ergebnisse ihrer Arbeit zu veröffentlichen, ähnlich wie Pullach es bereits in seiner Schriftenreihe getan hat. Das hat der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats am Dienstagabend beschlossen.

Aufgrund von noch immer ungeklärten Rechten werden die Interviews mit Zeitzeugen aus den Jahren 2005 bis 2007, die seinerzeit Hella Neusiedl-Hub und ihre Freundin Andrea Arnold ehrenamtlich in mindestens 400 Arbeitsstunden aufgenommen haben, nicht verwendet - obwohl genau das der Grund für einen Antrag der Parteifreien war, das Thema zu behandeln. Sie beklagten, dass diese Tonaufnahmen seit Jahren ungenutzt herumliegen und damit auch die geschichtliche Aufarbeitung stagniere.

Von der Entscheidung total geschockt zeigte sich Neusiedl-Hub, 58, die in der Sitzung anwesend war. Obwohl Zuschauer kein Rederecht besitzen, mischte sie sich immer wieder ein und wurde mehrfach vergeblich von Sitzungsleiter Stephan Weidenbach ermahnt. Bürgermeister Jan Neusiedl, Bruder von Hella Neusiedl-Hub, hatte wohl nicht ohne Grund die Sitzungsleitung abgegeben. Weidenbach ging allerdings nicht so weit, die Störerin des Saales zu verweisen, obwohl seine Ermahnung mindestens fünfmal ignoriert wurde.

Grund für die Aufregung: Neusiedl-Hub hatte eigentlich gehofft, dass die Gemeinde ihr eigenes Buchprojekt unterstützen würde. Die Bankerin hat selbst seit Jahren in diversen Archiven recherchiert und bietet Führungen durch den Ort zu dem Thema an. Nun habe sie ein Manuskript fertig gestellt, sagte sie im Gespräch nach der Sitzung. Zur Zeit arbeite gerade eine Layouterin daran. Einen Verlag habe sie allerdings noch nicht, da sie ja auf die Gemeinde gehofft habe.

Ob sie zur Mitarbeit oder eher Zuarbeit für Susanne Meinl bereit sei, wie ihr angeboten wurde, wusste sie am Dienstagabend noch nicht zu sagen, da sie emotional zu aufgewühlt war und vor Enttäuschung bereits in der Sitzung geweint hatte. "14 Jahre Arbeit umsonst", fasste sie ihre Enttäuschung zusammen. "Das ist einer der Tiefpunkte in meinem Leben", sagte sie. "Das geht menschlich sehr tief und an meine Gesundheit."

Menschlich oder nicht - die Gemeinderäte waren mehrheitlich der Ansicht, dass man die Aufarbeitung gerade der Geschichte des Nationalsozialismus in Grünwald keinem Laien überlassen dürfe. "Das ist eine andere Liga", sagte Dietmar Jobst von den Parteifreien. "Die Pullacher haben es uns vorgemacht, da darf man keinen selbstgestrickten Heimatpfleger nehmen."

Auch Ingrid Reinhart von den Grünen fand: "Der Häuptling muss vom Fach sein, mit Frau Neusiedl-Hub würde ich mir eine Zusammenarbeit wünschen." Auch Wolfgang Kuny (CSU) erklärte: "Ich würde abraten, einen Laien einzusetzen. Ein Historiker studiert nicht ohne Grund acht Semester lang." Auch habe man ihm in Pullach geraten: "Nehmt niemanden aus Grünwald, da ist Ärger vorprogrammiert." Er verwies auf die Grünwalder Chronik, die Hans Waldhauser geschrieben hat, und die eine Menge Fehler enthalte. "Das können wir bei dem Thema nicht riskieren, es leben Betroffene hier und Begünstigte."

Von all diesen Bemerkungen fühlte sich Neusiedl-Hub beleidigt und "vorgeführt". Kuny habe ja selbst als Laie auf der Grünwalder Homepage über die Geschichte des Ortes geschrieben, also wieso nicht auch sie, sagte sie nach der Sitzung. Während der Sitzung wollte FDP-Gemeinderat Matthias Schröder Neusiedl-Hub ein Rederecht einräumen, doch nur zwei Mitglieder des Gremiums stimmten dafür, damit war das Ansinnen abgelehnt.

Am Mittwoch schrieb Neusiedl-Hub dann noch einen Brief an die Mitglieder des Verwaltungsausschusses, in dem sie weiterhin um Unterstützung für ihr Buch bittet. Es könne doch "Platz für unterschiedliche Buchprojekte mit unterschiedlicher Herangehensweise geben", findet sie. "Ich bin Diplom-Kaufmann, wissenschaftliches Arbeiten ist mir also durchaus nicht fremd", wirbt sie für ihr Befähigung, gut zu recherchieren.

Süddeutsche Zeitung Landkreis München Verdrängtes Kapitel der Geschichte

Nationalsozialismus in Grünwald

Verdrängtes Kapitel der Geschichte

Hella Neusiedl-Hub hat viele Informationen über die Zeit zwischen 1933 und 1945 in Grünwald zusammengetragen und gibt sie bei Führungen der Volkshochschule weiter. Sie erinnert auch an die Schicksale jüdischer Grünwalder.   Von Claudia Wessel