bedeckt München 30°

Grünen-Chefin Roth im Gespräch:"Beide Seiten müssen abrüsten"

Die Grünen haben sich klar gegen die Olympia-Bewerbung ausgesprochen: Partei-Chefin Claudia Roth über ihre Enttäuschung und den Streit in den eigenen Reihen.

Michael Bauchmüller

SZ: Frau Roth, neulich haben Sie gesagt, die Grünen seien "sportnarrisch". Aber nicht narrisch genug für Olympia?

Bundesdelegiertenkonferenz der Gruenen

IGrünen-Vorsitzende Claudia Roth: "Ich hätte mir eine andere Mehrheit gewünscht. Zumal das Konzept sehr stark auf den Klimaschutz ausgerichtet war."

(Foto: dapd)

Claudia Roth: Wir sind nach wie vor sportnarrisch. Aber das heißt ja nicht, dass man andere wichtige Grundsätze aufgibt. Die Frage war: Kann man grüne Werte besser durchsetzen, indem man in ein Bewerbungsverfahren einsteigt, oder ist dieser Anspruch viel zu hoch? Ist also die Bewerbung schon so weit vorangeschritten, dass sie im Widerspruch steht zu den eigenen Zielen und Kriterien? Das war der Streit. Mit sportnarrisch oder nicht hat das nichts zu tun. Wir Grüne wollen auch weiter sportliche Großveranstaltungen, etwa die großartige Frauenfußball-WM im nächsten Jahr, für die ich mich engagiere.

SZ: Sind Sie enttäuscht?

Roth: Ja, schon. Ich hätte mir eine andere Mehrheit gewünscht. Zumal das Konzept sehr stark auf den Klimaschutz ausgerichtet war. Es sollte beweisen, dass man ein sehr großes Sportereignis auch mit Klimakriterien durchführen kann. Es war der Anspruch der Bewerbung, dass es eine grüne Bewerbung ist, und da spielte natürlich die Beteiligung der Grünen eine wichtige Rolle. Die Einwände der Kritiker habe ich dabei immer ernst genommen und auch gegenüber der Bewerbergesellschaft eingebracht.

SZ: Und dann haben sich die Kritiker nach kurzer Debatte durchgesetzt.

Roth: Man hätte sicher auch länger darüber debattieren können, viele Delegierte aus ganz anderen Landesteilen kannten die genauen Umstände der Bewerbung in Bayern nicht. Aber der Parteitag hat am Samstag entschieden. Dann ist es konsequent, dass man sich als Partei aus dem Kuratorium zurückzieht.

SZ: Und was bedeutet das nun für die Bewerbung Münchens? Die Beteiligung aller Parteien, auch der Grünen, galt schließlich als Bonus.

Roth: Das muss man jetzt sehen. Ich weiß, dass die Bewerbergesellschaft enttäuscht ist. Ich hoffe sehr, dass man trotzdem an einer Bewerbung festhält, die höchste Klimakriterien erfüllt.

SZ: Für die grünen Münchner Stadträte ist die Situation jetzt etwas unangenehm. Die waren bisher stets für die Winterspiele.

Roth: Man darf das aber auch nicht als das große Spaltungsthema betrachten, da sollten beide Seiten jetzt auch abrüsten. Es gibt öfters Themen, wo es innerhalb der Partei unterschiedliche Auffassungen gibt, wie der Weg zum gemeinsamen Ziel aussieht. Das ist hier auch so.

SZ: Gemeinsames Ziel?

Roth: Letztlich sind ja nur die Einschätzungen unterschiedlich, ob man das Ziel innerhalb eines Systems erreicht oder eher von außerhalb. Es ist jetzt Sache des Landesverbandes und der Stadtratsfraktion zu klären, wie sie mit der Entscheidung des Parteitags umgehen.

SZ: Damit setzt sich der Zwist fort.

Roth: Es gab eine klare Mehrheit auf dem Parteitag für die Olympia-Gegner. Aber keine überwältigende. Man sieht deutlich, dass es hier große, fast gleichberechtigte Blöcke gibt, die unterschiedliche Wege zum Ziel verfolgen wollen. Deshalb hat da ja auch keiner gejubelt: Hurra, wir haben gesiegt. Das Thema ist einfach sehr komplex. Es ist damit ja auch nicht erledigt, es wird uns weiter beschäftigen. Aber hoffentlich als sachliche und konstruktive Debatte.

© SZ vom 22.11.2010/bica

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite