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Grüne:Lust auf Politik

Bernhard Schüßler hat ein Praktikum bei der Grünen-Landtagsabgeordneten Claudia Köhler absolviert.

(Foto: Privat)

Bernhard Schüßler ist 19, fast blind, und träumt davon, einmal für die Grünen in den Bundestag einzuziehen. Zunächst aber hat er sich in die kommunalen Themen eingearbeitet und bewirbt sich in Unterschleißheim um ein Stadtratsmandat.

An die Zeit, die ihn zu einem politischen Menschen machte, kann sich Bernhard Schüßler, 19 Jahre alt und fast vollkommen blind, noch gut erinnern: Er lebte damals in São Paulo, Brasilien, es herrschte eine große Dürre. In den Favelas, so erzählt er es, tranken die Menschen aus Pfützen. In den Reichenviertel waren dennoch die Pools gefüllt. Und bei ihm zu Hause gab es an zwei Tagen die Woche fließendes Wasser, ansonsten kam es aus einem großen Tank.

Fünf Jahre ist das her. Inzwischen wohnt Schüßler in Unterschleißheim, ist Mitglied bei den Grünen, sitzt im Ortsvorstand, studiert Politikwissenschaft, liest jeden Tag drei Stunden Zeitung, bezeichnet sich selbst als Feministen, als Antinationalisten, als Pazifisten und trägt ein T-Shirt mit einem Zitat der Widerstandskämpferin Sophie Scholl: "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt." Bernhard Schüßler kann lange über die Ungerechtigkeiten im deutschen Bildungssystem sprechen, aber auch darüber, wie wichtig es ist, in Unterschleißheim Grünflächen zu erhalten. Bei der Kommunalwahl in einem Jahr will er für den Stadtrat kandidieren. Sein großer Traum, sagt er, sei es jedoch, irgendwann im Bundestag zu sitzen.

Das Maximilianeum ist auf Blinde nicht vorbereitet

Lust, Politik zu seinem Beruf zu machen, bekam er bei einem Praktikum bei der Unterhachinger Grünen-Landtagsabgeordneten Claudia Köhler während der Semesterferien. Zwei Wochen lang nahm er an Arbeitskreistreffen teil, recherchierte, schrieb Pressemitteilungen und hörte die Debatten im Plenarsaal. Die Stimmung dort habe ihn fasziniert, sagt er. "Eine Debatte dauerte neun Stunden, aber ich habe nicht mal Hunger oder Durst gespürt." Doch er habe auch feststellen müssen, wie schlecht der Landtag auf Menschen wie ihn vorbereitet ist.

Als Blinder kann er zwar an seinem eigenen Laptop, der mit einer Braillezeile und einem Sprachsystem ausgestattet ist, ohne Probleme arbeiten. Doch er konnte sich in dem Gebäude alleine nicht zurechtfinden. Einer von Köhlers Mitarbeitern musste ihn immer durch die Gänge führen. Nach seinem Praktikum verfasste Bernhard Schüßler einen Bericht darüber, was sich im Landtag alles verändern muss: Es gibt keine blindengerechten Türschilder, keine Rillen im Boden zur Orientierung, und an der Kreuzung vor dem Gebäude hat die Ampel nicht einmal ein akustisches Signal.

Fünf Prozent der Sehkraft sind noch übrig

Schüßler war ein Kleinkind, drei, vielleicht vier Jahre alt, als seine Eltern feststellten, wie schlecht er sieht. Durch eine Erbkrankheit lösen sich bei ihm Zellen auf der Netzhaut ab - nicht plötzlich, sondern nach und nach. Bis vor ein paar Jahren sei er noch alleine Fahrrad gefahren, sagt Schüßler. Als er jetzt in den Osterferien mit seinem Vater eine Radtour durch Franken machte, klappte das nicht mehr. Er musste er sich hinten auf ein Tandem setzen. Fünf Prozent seiner Sehkraft sind noch übrig, aber der 19-Jährige rechnet damit, auch diesen Rest eines Tages zu verlieren. "Ich denke gar nicht darüber nach, sagt er. Der Prozess verlaufe so schleichend, dass er ihn gar nicht bemerke. Trotzdem bereitet sich Schüßler vor.

In Brasilien verwendete er keinen Stock, weil ihn ein Taxi in die Schule brachte. Auch die Blindenschrift lernte er nicht. Er besuchte eine Regelschule - eigentlich sollten die Lehrer ihm die Arbeitsblätter vergrößern. Doch oft hätten sie das vergessen, sagt der Student. Dass seine Familie nach Deutschland zurückkehrte, habe auch daran gelegen, dass ihn die Lehrer in São Paulo nicht richtig förderten und die Mitschüler mobbten. Nach Unterschleißheim zog er mit seiner Mutter und seiner Schwester, damit er im Blinden- und Sehbehindertenzentrum lernen konnte, die Blindenschrift zu lesen und sich mit einem Stock durch die Straßen zu bewegen.

Bei den Grünen sei er direkt nach seinem 16. Geburtstag eingetreten. Beim ersten Treffen des Ortsverbands habe er die meiste Zeit schweigend daneben gesessen. Er hätte zwar über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und China sprechen können, aber von Bebauungsplänen, Grünflächen und Veränderungssperren hatte er keine Ahnung. Bernhard Schüßler begann nun neben dem Politik- jeden Tag auch den Lokalteil in der Zeitung zu lesen. Heute kann er begründen, warum er nicht will, dass BMW in Unterschleißheim baut oder was man gegen das Ladensterben in der Innenstadt tun müsste. Er fühlt sich zu Hause. Immer wenn er Zeit hat, geht er in dem Wäldchen in seiner Nachbarschaft spazieren - alleine. Denn dort kann er sich am Stand der Sonne orientieren. Doch im Landtag schien sie nicht.

An diesem Freitag, 26. April, stellt sich Schüßler mit dem Grünen-Landtagsabgeordneten Florian Siekmann von 19 Uhr an im Café Cupcake4You am Unterschleißheimer Rathausplatz Fragen rund um Europa.