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Großhadern: Polizist erschießt Frau:Das Pfefferspray versagte

Sie hatte gedroht, ihre Tochter umzubringen. Dann geht die 49-Jährige mit einem Messer auf die Beamten los - und wird erschossen. Aus Notwehr.

Wolfgang Görl

Eine 49-jährige, psychisch kranke Frau ist am Donnerstagabend in ihrer Wohnung in Großhadern von einem Polizeibeamten erschossen worden. Nach einer ersten Einschätzung der Staatsanwaltschaft hat der Polizist in Notwehr gehandelt. Die Frau habe den Beamten mit einem Messer bedroht und auf dessen Warnung, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, nicht reagiert.

Tote nach Schuss aus Polizeiwaffe

In diesem Mehrfamilienhaus in Großhadern lebte die 49-Jährige. Die psychisch kranke Frau hatte gedroht, ihre Tochter umzubringen - und starb selbst durch eine Polizeikugel.

(Foto: dapd)

Zu dem Polizeieinsatz kam es, nachdem ein Mitarbeiter einer psychiatrischen Einrichtung der Einsatzzentrale um 19.37 Uhr mitgeteilt hatte, eine ehemalige Patientin habe telefonisch angekündigt, ihre Tochter umzubringen. Der Anrufer schätzte die Drohung als ernst ein. Daraufhin fuhren zwei Streifenbeamte, ein 26-jähriger und ein 29-jähriger Polizeiobermeister der Inspektion 41 in Laim, zum Wohnort der Frau, einem Mietshaus in Großhadern. Die betreffende Wohnung befindet sich im zweiten Stock des Gebäudes.

Nach den ersten Ermittlungen des Polizeipräsidiums und der Staatsanwaltschaft München I hätten die beiden Beamten mehrmals versucht, an der Tür sowie über Telefon Kontakt mit der Frau aufzunehmen. Diese habe jedoch nicht reagiert. Aufgrund der unklaren Lage riefen die Beamten die Feuerwehr, um die Tür öffnen zu lassen. Der Versuch misslang, denn die Tür war mit einem elektronischen Transponderschloss ausgestattet. Daraufhin fassten die Einsatzkräfte den Plan, über den Balkon in die Wohnung zu gelangen.

Während sein Kollege die Wohnungstür sicherte, wurde der 26-jährige Polizeiobermeister mit zwei Feuerwehrmänner per Drehleiterkorb auf den Balkon gehoben. Durch das Fenster habe der Beamte eine Frau sehen können, die mit dem Rücken zu ihm auf einem Sofa gesessen sei. Ob sich auch die Tochter in der Wohnung befunden habe, sei zu diesem Zeitpunkt ungewiss gewesen. Die Frau habe alle Zurufe ignoriert, woraufhin der Polizist die Scheibe der Balkontür mit einer Feuerwehraxt eingeschlagen habe.

In diesem Moment habe sich die Frau bereits erhoben, in der Hand hielt sie, so die Aussage der Zeugen, ein "größeres Küchenmesser". Der Polizeibeamte habe die 49-Jährige mehrmals aufgefordert, das Messer wegzulegen - vergebens. Auch das Pfefferspray, das der Polizist anschließend einsetzte, habe keine Wirkung gezeigt. Deshalb habe sich der Beamte veranlasst gesehen, den Gebrauch seiner Schusswaffe anzudrohen.

Davon unbeeindruckt, sei die Frau mit erhobenem Messer auf den 26-Jährigen zugegangen. Dem Angriff auszuweichen, sei auf dem kleinen Balkon unmöglich gewesen. Als die Frau sich auf etwa eineinhalb Meter genähert hatte, gab der Polizist einen Schuss ab. Die Kugel durchschlug den Oberkörper unterhalb des linken Schlüsselbeins und zerfetzte eine Arterie. Das Opfer starb kurze Zeit später im Krankenhaus.

Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger sowie der Münchner Polizeivizepräsident Robert Kopp erklärten am folgenden Tag übereinstimmend, dass sich der Schütze nach den bis dahin vorliegenden Erkenntnissen in einer Notwehrsituation befunden habe. "Der Beamte hat Lebensgefahr für sich gesehen", sagte Stockinger in einer Pressekonferenz. Kopp zufolge hätten die Polizisten zum Einsatzzeitpunkt auch nicht wissen können, dass sich die Tochter gar nicht in der Wohnung befinde.

Ermittlungen laufen noch

Sie hätten, so Kopp, einkalkulieren müssen, dass die Tochter irgendwo verletzt am Boden liege und verblute. In diesem Fall wäre es verhängnisvoll gewesen, auf Verstärkung oder einen Polizeipsychologen zu warten. "Der Kollege musste sofort entscheiden", sagte Kopp. Infolgedessen habe er das Balkonfenster eingeschlagen. Erst unmittelbar nach dem tragischen Geschehen habe man festgestellt, dass sich die Frau allein in der Wohnung befunden habe.

Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen, bislang aber sieht die Staatsanwaltschaft keinen Anlass, gegen den Schützen ein Verfahren einzuleiten. Dem 26-Jährigen bot man psychologische Betreuung an, derzeit befindet er sich in Urlaub. "Bislang gibt es keinen Zweifel an der vom Kollegen dargestellten Situation", sagte Kriminaldirektor Harald Pickert am Sonntag. Auch die Ergebnisse der Schussrekonstruktion durch das Landeskriminalamt stimmten mit den Schilderungen des Tathergangs überein.

Bei dem Opfer handelt es sich um eine Frau, die vor sechs Jahren von Hoyerswerda (Sachsen) nach München gezogen war. Sie litt unter einer psychischen Erkrankung; vor genau einem Jahr war sie einige Wochen lang zur stationären Behandlung in der Psychiatrie. Möglicherweise stand sie unter Tabletteneinfluss, was Pickert zufolge erklären könnte, warum das Pfefferspray keine Wirkung tat. Nachbarn berichten, die Frau hätte am fraglichen Abend bereits einige Zeit in der Wohnung herumgeschrieen - weshalb, ist nicht bekannt. Ihre Tochter ist 24 Jahre alt und lebt im Raum München.

© SZ vom 03.01.2011/bica
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