bedeckt München 32°

Grasbrunn:"Der Sargnagel Keferlohs"

Das bauliche Merkmal Keferlohs, die Kirche St. Ägidius, sehen Kritiker durch die Pläne bedroht.

(Foto: Christian Endt)

Denkmal- und Heimatpfleger lehnen ein Gewerbegebiet in dem Grasbrunner Weiler kategorisch ab. Die Gemeinde hält trotzdem an ihrer Planung fest.

Von Lars Brunckhorst, Grasbrunn

Es ist ein Sturm, der sich über Grasbrunn zusammenbraut: Mit ihrer Planung für ein Gewerbegebiet im Weiler Keferloh hat die Gemeinde den Widerstand der Nachbarkommunen Haar und Putzbrunn sowie Proteste von Natur- und Heimatpflegern entfacht, die in dieser Heftigkeit selten sind. Bei der öffentlichen Auslegung der Pläne gingen in den vergangenen Wochen stapelweise Einwände im Rathaus ein. Sie gipfeln in dem von Kreisheimatpfleger Alfred Tausendpfund erhobenen Vorwurf, das Gewerbegebiet sei der "Sargnagel" Keferlohs. Der Bauausschuss des Gemeinderats setzte sich in seiner Feriensitzung trotzdem über die meisten Vorbehalte hinweg und billigte eine in wenigen Punkten veränderte Planung.

Auch die Nachbarkommunen Haar und Putzbrunn sind gegen die Pläne

Dass die beiden unmittelbaren Nachbargemeinden Haar und Putzbrunn das an der B 471 gegenüber dem Biergarten gelegene Gewerbegebiet ablehnen, ist schon länger bekannt. Vor allem Haar hat in den zurückliegenden Wochen mehrfach öffentlich gegen das Vorhaben protestiert. Die Gemeinde fürchtet um die Zerstörung eines Naherholungsgebiets und sieht den Charakter der ehemaligen Rodungsinsel bedroht. Nach Ansicht Haars liegt ein "offensichtlicher Verstoß gegen das Zersiedlungsverbot" vor und damit gegen ein verbindliches Ziel der Raumordnung, an das sich Gemeinden nach dem Baugesetz zu halten hätten.

Auch warnt die Gemeinde Haar vor einer weiteren Verkehrszunahme auf der B 471. Mehr Verkehr und Lärm sind auch die Gegenargumente der zweiten Nachbargemeinde. Man sehe die prognostizierte Verkehrsentwicklung "sehr kritisch", heißt es aus dem Putzbrunner Rathaus zu den Plänen. In Putzbrunn fühlt man sich durch die Planung vor allem bei der aktuellen Erarbeitung eines interkommunalen Verkehrskonzepts mit den Nachbargemeinden Hohenbrunn, Höhenkirchen-Siegertsbrunn und Grasbrunn übertölpelt.

An anderen Aspekten setzt die Kritik des Landesamts für Denkmalpflege und des Kreisheimatpflegers an. Mit dem knapp fünf Hektar großen Gewerbegebiet würde sich die örtliche Struktur um die Kirche St. Ägidius "vollständig und in nachteiliger Weise verändern", warnt das Denkmalamt. Nicht mehr die aus dem 12. Jahrhundert stammende Kirche würde dann den baulichen Mittelpunkt Keferlohs darstellen, sondern das Gewerbegebiet. Aus Sicht der Bau- und Kunstdenkmalpflege könne die Planung daher "keinesfalls" hingenommen werden.

Der Kreisheimatpfleger fürchtet um Keferlohs Identität

Kreisheimatpfleger Tausendpfund wird in seiner Stellungnahme noch deutlicher: Die Freigabe eines erheblichen Teils von Keferloh für Gewerbezwecke sei "ein Schlag ins Gesicht all derer, die hier sesshaft geworden sind und diesen Ort zum Lebensraum gemacht haben". Tausendpfund weist auf die ins Jahr 955 zurückreichende Geschichte Keferlohs, den frühen romanischen Kirchenbau und die kulturhistorische Bedeutung des Weilers hin. So sei die Kirche St. Ägidius ein "besonderes kulturelles Kleinod" und eines der wenigen erhaltenen Baudenkmäler aus der Gründungszeit Münchens. Wegen der Kirche und dem "lokalspezifischen Brauchtum" rund um das alljährliche Landwirtschaftsfest Anfang September, den Keferloher Montag, sei der Standort weit über die Region hinaus berühmt. "Mit einem Gewerbegebiet verlöre Keferloh seine Ursprünglichkeit, seine Unverfälschtheit, seine Besonderheit, seine Identität", begründet Tausendpfund sein Nein.

Die Freigabe für Gewerbe leistet nach Ansicht des Heimatpflegers zudem der "Zerschlagung des hier geschaffenen Naturraums mit dem ihm eigenen Erholungswert und seiner Ökologie Vorschub". Der Eingriff in die Landschaft wird auch von Naturschutzexperten kritisch beurteilt. So weisen die Fachleute der Regierung von Oberbayern, das Forst- und Landwirtschaftsamt in Ebersberg und die Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt auf den notwendigen Schutz des nahen Waldrands hin, zumal es sich bei dem im Südosten angrenzenden Wald um einen sogenannten Bannwald handelt. Auch auf den Artenschutz müsse geachtet werden.

Der Bauausschuss lässt sich von den Einwänden nicht beeindrucken

Zumindest was diesen Aspekt betrifft, greift die Gemeinde die Kritik auf. So beschloss der Bauausschuss den Abstandsstreifen zum Wald auf 15 Meter zu verbreitern und auf dem Areal "insektenfreundliche" Lampen vorzuschreiben. Auch auf die für den Straßenbau zuständige Fachbehörde, das Staatliche Bauamt Freising, hört Grasbrunn: So soll das neue Gewerbegebiet nicht wie ursprünglich vorgesehen direkt an die B 471 angeschlossen werden, sondern über die Keferloher Straße. Damit soll ein reibungsloser Verkehrsfluss ermöglicht werden. Ansonsten aber zeigte sich die Mehrheit im Bauausschuss von den Einwänden wenig beeindruckt, sondern stimmte dafür, die Planungen mit der Änderung des Flächennutzungsplans und der Aufstellung eines Bebauungsplans weiter voranzutreiben.

© SZ vom 10.08.2017/gna

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite