Cannabis-Legalisierung :Wie aus einem Aprilscherz eine Geschäftsidee wurde

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Die T-Shirts mit dem Hanfblatt waren eigentlich nur ein Gag. Aber Oliver Bertram verkauft sie tatsächlich. (Foto: privat)

Der Grasbrunner Oliver Bertram entwirft Merchandise, das den Ortsnamen mit Cannabis verbindet. Sein Onlineshop entwickelte ein Eigenleben – manche Artikel sind sogar schon ausverkauft.

Von Laura Geigenberger, Grasbrunn

Dass der Stichtag für die Cannabis-Freigabe in Deutschland auf den 1. April 2024 fiel, konnte Oliver Bertram nicht unkommentiert lassen. Schon gar nicht als Einwohner von Grasbrunn. „Als Gag hatte ich das schon lange im Kopf“, sagt er. Für seine Ortsnachrichten-Website Grasbrunn Aktuell schrieb Bertram also einen Artikel über das angebliche Vorhaben der Gemeinde, den Cannabis-Anbau auf kommunalen Liegenschaften wie den Verkehrskreiseln anzubieten und in „massiven Marketingkampagnen“ zu bewerben. Um den Witz auszukosten, eröffnete er einen Onlineshop mit Merchandise, für das er extra ein passendes Logo entworfen hatte: ein Cannabis-Blatt, umrahmt von dem Schriftzug „Dahoam in Grasbrunn – Mitte von Oberbayern“. All das versah Bertram mit dem Zusatz „April April“.

Drei Monate später gibt es den Webshop immer noch und die Produkte haben sich in der 7000-Einwohner-Gemeinde zum Kassenschlager entwickelt. „Ich habe bestimmt schon um die 300 T-Shirts in verschiedenen Farben und Größen verkauft, dazu einige Hoodies. Kissen, Aufkleber und Tassen gehen auch sehr gut“, erzählt Bertram. Er lacht und schüttelt den Kopf. Mehrere Gemeinderäte hätten schon bei ihm bestellt und selbst aus der französischen Partnerkommune Le Rheu seien ihm Fotos von stolzen T-Shirt-Trägern geschickt worden. Ein Artikel – das Plüschschaf „Annika“ für 21,49 Euro – ist derzeit sogar ausverkauft.

„Die blödesten Ideen sind manchmal die besten“, scherzt Bertram. Der Grasbrunner war lange in Redaktionen großer deutscher Fernsehsender tätig; nun ist er Hörbuch-Produzent und betreibt im Keller seines Hauses im Gemeindeteil Neukeferloh ein Greenscreen-Studio. Mit Cannabis habe er selbst „eigentlich so gar nichts am Hut“, sagt er. Auch um die paar Euro Gewinnbeteiligung, die er von der Anbieterplattform „Spreadshirt“ für jede Bestellung erhält, gehe es ihm bei der Aktion nicht. „Ich hatte nie auf meiner Bucket-List, mal T-Shirts zu designen. Das war einfach nur so eine fixe Idee, um mal zu gucken, wie weit man es auf die Spitze treiben kann.“

Kunstvoll inszenierte Aprilscherze haben auf Grasbrunn Aktuell ohnehin Tradition. Bertram und ein kleines Team unterhalten die Plattform seit 2020 ehrenamtlich. Einst dazu gedacht, den Kommunalwahlkampf zu beleben, hat sie sich als Quelle für Lokalinformationen etabliert. Bei bis zu 5000 täglichen Nutzern lasse sich da stets der eine oder andere zum 1. April mit scherzhaften Artikeln hereinlegen, sagt Bertram schmunzelnd – trotz Kennzeichnung.

Als Grasbrunns Bürgermeister Klaus Korneder (SPD) etwa mal seinen Wohnwagen hinter dem Rathaus abstellte, löste Bertram mit der Behauptung, Korneder wolle sich durch diesen „Zweitwohnsitz“ den Arbeitsweg verkürzen, echtes Erstaunen aus. Und auf den Bericht über ein geplantes Schwimmbad in der als „Grasbrunner Loch“ betitelten Baugrube meldeten sich ihm zufolge sogar potenzielle Investoren aus der Bürgerschaft.

„Offensichtlich sind viele Menschen nicht mehr dazu bereit, längere Texte zu lesen“

„Es ist immer interessant, wie die Leute auf solche Nachrichten reagieren und sich dazu Gedanken machen“, sagt Bertram. „Offensichtlich sind viele Menschen nicht mehr dazu bereit, längere Texte zu lesen, sondern nur den Anfang oder ein paar Happen.“ Auch die Geschichte über Grasbrunns Ambition als künftige Cannabis-Oase habe ihre Wirkung nicht verfehlt. „Eine Menge Leute haben sich darüber wirklich aufgeregt – mir sind ellenlange Mails geschickt worden“, erzählt er. Andere wiederum seien sehr angetan gewesen von seiner Logo-Kreation, die er noch am selben Tag bei der Maibaumwache auf einem T-Shirt zur Schau getragen habe – mit QR-Code für den Shop auf dem Rücken. „Ungefähr eine Woche später ging das dann los, dass ich regelmäßig Bestell-Mails bekam.“

Er könnte sich „total beömmeln“, wenn er jemanden mit dem Logo auf der Straße sehe, sagt Bertram. Wobei auch nicht jeder den Witz begreife. „Manche erkennen nicht, dass das ein Cannabisblatt ist. Und selbst wenn ich es ihnen sage, ist die Assoziation zu Grasbrunn immer noch nicht unbedingt da.“ Bertram grinst. „Das ist dann noch absurder.“ Er denke jedenfalls schon über weitere „blöde“ Ideen nach, mit denen sich der Onlineshop bereichern ließe. Eine zweite Kreation gibt es bereits: Shirts, Mützen und Strampler mit dem Aufdruck „Einfach Schorsch“ – ein Gruß an die „vielen Georgs“ in der Gemeinde. Ein Logo für „Neukifferloh“ wird es aber wohl nicht geben, wie Oliver Bertram sagt, auch wenn ihm das schon vorgeschlagen worden ist: „Das ist mir dann doch ein bisschen zu platt.“

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