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Grasbrunn:Ein Bürgermeister und sein "neues Leben auf der Almhütte"

Zu weit weg von der Gemeinde? Das Bodenschneidhaus im Mangfallgebirge, das Grasbrunns Zweiter Bürgermeister bewirtschaftet.

(Foto: Imago)

Detlef Wildenheim versucht sich seit neuestem als Hüttenwirt in den Bergen. In Grasbrunn halten das viele nicht vereinbar mit seinem Job vor Ort - da ist er nämlich auch noch Zweiter Bürgermeister.

Von Lars Brunckhorst

Was die meisten Menschen, die es zum Wandern und Klettern in die Berge zieht, an den Gipfeln reizt, ist die weite, freie Sicht, die man von dort oben hat. Das dürfte auch für Detlef Wildenheim, den Zweiten Bürgermeister von Grasbrunn, gelten, der sich selbst als passionierten Bergsteiger bezeichnet. "Frische Sicht" nennt sich wiederum ein Online-Portal aus Haar, das sich als Forum für unabhängigen Journalismus begreift und kürzlich ein Interview mit Wildenheim veröffentlicht hat, in dem es um dessen "neues Leben auf der Almhütte" geht. Denn der Grasbrunner CSU-Politiker versucht sich seit Kurzem als Wirt des Bodenschneidhauses in den bayerischen Alpen zwischen Tegernsee, Schliersee und Spitzingsee.

Nach der Lektüre und der sich mittlerweile aufschaukelnden öffentlichen Diskussion in der Gemeinde Grasbrunn ist allerdings die Sicht auf den Kommunalpolitiker vielleicht wieder etwas frischer, aber alles andere als klarer.

Bis vor kurzem hatte das Interview, das bereits Ende Januar erschien, kaum jemand beachtet, obwohl es darin heißt, Wildenheim lebe bereits seit Oktober mit seiner Frau auf der Hütte, die Wanderern und Bergsteigern außer einer Bewirtung auch Übernachtungsmöglichkeiten bieten. Immerhin 48 Betten hat das Haus. Erst nachdem der Neukeferloher Journalist und Fernsehmacher Oliver Bertram es auf seiner Internetseite grasbrunn-aktuell.de bekannt machte, schlug das in dem Gespräch Gesagte Wellen - nicht zuletzt angestachelt durch Bertrams Kommentar: Leider sage das Interview "gar nichts darüber, wie sich Bürgermeisteramt und Pächtertum miteinander vertragen".

Auf seiner Homepage fragen sich jedenfalls seither viele Leser, wie Wildenheim sein kommunalpolitisches Amt in einer Gemeinde am Münchner Stadtrand mit der Bewirtschaftung einer Hütte in den Bergen unter einen Hut bringen will. Er "hätte nie für möglich gehalten", dass einem das Amt des Zweiten Bürgermeisters Zeit lasse, sieben Tage die Woche nicht in der Gemeinde zu verbringen, die einen dafür bezahlt, schreibt ein Leser. "Herr Wildenheim sollte dies den Wählern erklären." Die Hütte hat aktuell nach eigenen Angaben an sieben Tagen die Woche von 11 bis 16 Uhr geöffnet. "Wenn Sie mit der Alm in den Alpen einen wirtschaftlichen Erfolg erzielen wollen, können Sie nicht gleichzeitig die Funktion des 2. Bürgermeisters ausfüllen", schreibt ein anderer. Der berufliche und soziale Mittelpunkt eines Bürgermeisters, so die einhellige Meinung im Netz, müsse in der Gemeinde sein.

wildenheim

Zweiter Bürgermeister Detlef Wildenheim.

(Foto: privat)

Und so wird der Ruf nach einem Amtsverzicht Wildenheims laut. "Die Bürger Grasbrunns verdienen einen 2. Bürgermeister, der sich hier im Ort für die Belange der Bürger einsetzt und nicht 7 Tage die Woche auf einer Alm in den Bergen sitzt", ist im Diskussionsforum der Grasbrunner Online-Zeitung zu lesen und: "Letztlich bezweifele ich, dass jemand, der seinen Lebensunterhalt mit einem krisengeschüttelten (Gast-)Gewerbe in einer weit entfernten Gemeinde bestreiten möchte, genügend Zeit und Kopf dafür hat, sich mehr mit den Sorgen, Nöten und Bedürfnissen der Grasbrunner Bürger zu beschäftigen, als mit den eigenen." Eine Leserin zieht sogar einen Vergleich zur Maskenaffäre der Union, in der es Politikern "mehr um Geld und Karriere" gegangen sei als um politische Ziele. "Muss man das bei Herrn Wildenheim nun auch annehmen?"

Wildenheim versteht die Aufregung um seinen neuen Job nicht. Er sei weder Pächter des Bodenschneidhauses, noch erfolge die Bewirtung der Hütte durch ihn allein, sondern vielmehr in einem Team von acht Personen. "Meine Anwesenheit auf dem Bodenschneidhaus beträgt nicht 24 Stunden sieben Tage die Woche." Als er noch Vertriebsleiter gewesen sei und als solcher "in ganz Europa" unterwegs, habe es auch niemanden interessiert, ob er seine kommunalpolitischen Ämter ausführen könne. "Meine Aufgaben als Zweiter Bürgermeister werde ich weiter wahrnehmen."

Erst kürzlich wurde Wildenheim, der vor einem Jahr in den Grasbrunner Gemeinderat gewählt worden war und anschließend in einer Kampfabstimmung gegen seine einstige Parteifreundin Ursula Schmidt zum Stellvertreter von SPD-Bürgermeister Klaus Korneder, von seinen Parteifreunden für weitere zwei Jahre als CSU-Ortsvorsitzender im Amt bestätigt.

"Bisher hat sich die Frage der Stellvertretung nur sehr selten gestellt"

Die Diskussion hat inzwischen auch die Grasbrunner Kommunalpolitik erreicht. Thomas Michalka, Gemeinderat der Bürger für Grasbrunn (BFG), fordert von Bürgermeister Klaus Korneder (SPD) darzulegen, ob dessen Stellvertreter "in der Lage ist, seinen Aufgaben und Amtspflichten als Zweiter Bürgermeister nachzukommen". Darauf angesprochen sagte Korneder diese Woche zur SZ: "Bisher hat sich die Frage der Stellvertretung nur sehr selten gestellt." Sollte sich daran wegen des Lockdown-Endes in nächster Zukunft etwas ändern, dann werde sich zeigen, "wie und in welchem Umfang die Stellvertretung machbar ist". "Letzten Endes", so Korneder, "hat das Herr Wildenheim zu entscheiden."

Die Frage könnte sich schon in wenigen Wochen stellen. Denn der Pächter, für den Wildenheim nach eigener Auskunft seit November das Bodenschneidhaus bewirtschaftet, gibt den Betrieb Ende Juni auf. Um die Nachfolge hat sich Wildenheim beworben. Die Gespräche mit dem Alpenverein, dem die auf 1365 Meter Höhe gelegene Hütte im Mangfallgebirge gehört, liefen, sagt der Neu-Gastwirt. Und auch wenn er den Zuschlag erhalten sollte, gelte: "Mein Lebensmittelpunkt ist unverändert in der Gemeinde Grasbrunn. Ich wohne nach wie vor im Gemeindeteil Neukeferloh und verbringe dort auch Abende im Kreise meiner Familie." Wenn er nicht gerade auf dem Berg ist.

© SZ vom 22.05.2021/infu
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