Vortrag am Holocaust-Gedenktag in GräfelfingVon der Volksgemeinschaft zur Verbrechensgemeinschaft

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Die NS-Organisation Kraft durch Freude war für die Gestaltung eines kulturellen und touristischen Freizeitprogramms für Jedermann, darunter Nah- und Fernreisen, zuständig. Sie spielte bei der Förderung der Volksgemeinschaft eine Rolle, wie Götz Aly bei seinem Vortrag in Gräfelfing darlegte.
Die NS-Organisation Kraft durch Freude war für die Gestaltung eines kulturellen und touristischen Freizeitprogramms für Jedermann, darunter Nah- und Fernreisen, zuständig. Sie spielte bei der Förderung der Volksgemeinschaft eine Rolle, wie Götz Aly bei seinem Vortrag in Gräfelfing darlegte. Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo
  • Der Historiker Götz Aly erklärte am Holocaust-Gedenktag in Gräfelfing, wie die Nazis aus der Volksgemeinschaft eine Verbrechensgemeinschaft machten.
  • Aly zeigte auf, wie NS-Organisationen wie "Kraft durch Freude" mit billigen Urlaubsreisen die Menschen in die Volksgemeinschaft integrierten.
  • Der 78-jährige Forscher sprach an seinem ehemaligen Gymnasium über sein Buch "Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945".
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Der Historiker Götz Aly geht in Gräfelfing an seiner alten Schule der Frage nach, wie und warum so viele „normale“ Deutsche auf soziale, psychologische und schuldhafte Weise in den NS-Staat integriert waren.

Von Udo Watter, Gräfelfing

Mitte der 1930-Jahre machten zahlreiche Deutsche zum ersten Mal in ihrem Leben Urlaub. Die nationalsozialistische Massenorganisation „Kraft durch Freude“ zeichnete für die Organisation von billigen Ferienreisen für Mitglieder verantwortlich, Wandern oder Baden am Ostseestrand. Ein Ziel: die Integration der Menschen in die Volksgemeinschaft.

Doch aus dieser Volksgemeinschaft und den wirtschaftlichen, psychologischen und sozialen Maßnahmen, clever orchestriert von Goebbels und Co., wurde bald schon in Kriegszeiten eine Verbrechensgemeinschaft, die ebenfalls vom NS-Machtapparat geschaffen wurde, wie Götz Aly bei seinem Auftritt am Gedenktag für die Opfer des Holocaust im Gräfelfinger Kurt-Huber-Gymnasium darlegt. Für den Historiker, der sein Opus Magnum „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ dort vorstellte, war es auch eine Rückkehr an seine alte Schule: Hier hatte er in den 60ern sein Abitur gemacht, hier hatte er im Unterricht zum ersten Mal historische Filmaufnahmen von Leichenbergen aus Lagern wie Bergen-Belsen oder Auschwitz gesehen, wie er erzählt.

Eingeladen von der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing und dem Gymnasium sprach der 78-Jährige, der vor allem wegen seiner Forschung zum Antisemitismus bekannt ist, über die vielleicht unerklärlichste aller Fragen aus der NS-Zeit: „Wie konnte das geschehen?“ Aly, den Ulrich Rosenbaum, Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft, als „eine schillernde Figur der Historikerzunft“ eingeführt hatte, stellt manche Fragen anders und beleuchtet Forschungsergebnisse neu. Er spricht von „entmystifizieren“ und zeichnet nach, mit welchem Gespür für soziale Maßnahmen, Instrumentalisierungen sowie finanzpolitischen Hasardeur-Aktionen die Nazis zu Werke gingen. Aly schöpft aus immensem Wissen und würzt den Stoff mit Anekdoten. Auch Völkermord und Vernichtungskrieg kommen in den Blick, Aly zitiert Beispiele, wie NS-Größen das „Volk“ mit Kalkül und quasi offen in den Kontext von Massenmord, Untergang und Schuld integrierten. Das war dann mehr „Kraft durch Furcht“ und „Kraft durch Todesangst“ – ein schlimmes Beispiel sind die finalen Kämpfe um Berlin.

Beleuchtet düstere Kapitel der deutschen Vergangenheit und geht der Frage nach dem „Wie“ nach: Götz Aly.
Beleuchtet düstere Kapitel der deutschen Vergangenheit und geht der Frage nach dem „Wie“ nach: Götz Aly. Sabine Gudath/IMAGO

Der Frage, was in den zwölf Jahren mit „normalen“ Deutschen geschah, geht Aly auf packende Weise nach. Er scheint indes altersmilde geworden zu sein und äußerte sogar Verständnis dafür, dass die Menschen nach 1945 verdrängten und vergessen wollten. Anders wäre das Neue nicht möglich gewesen. Den 1996 von Roman Herzog eingeführten Holocaust-Gedenktag schätzt er freilich.

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