Erdbebenkatastrophe:Die Retter schaffen es nicht

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Erdbebenkatastrophe: In Trümmern: die türkische Stadt Adana, die schwer von dem Erdbeben verwüstet wurde. Hier wollten Rettungskräfte aus dem Landkreis München helfen.

In Trümmern: die türkische Stadt Adana, die schwer von dem Erdbeben verwüstet wurde. Hier wollten Rettungskräfte aus dem Landkreis München helfen.

(Foto: Francisco Seco/AP)

Feuerwehrleute aus Gräfelfing, Ottobrunn und Hochbrück wollen spontan in die Türkei aufbrechen, doch dann müssen sie die Vorbereitungen wieder abblasen - zu spät und zu gefährlich wäre der Hilfseinsatz.

Von Irmengard Gnau, Annette Jäger und Martin Mühlfenzl, Gräfelfing

Tuğçe Zinal weiß, wie sie im Katastrophenfall zu handeln hat. Die 26-Jährige ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Gräfelfing und reagiert auch aus der Ferne sofort - denn ein Großteil ihrer Familie lebt in der Türkei: in Adana, im so schwer verwundeten Erdbebengebiet. Sie selbst hat zwei Verwandte bei der Katastrophe verloren. Und so versucht sie am Mittwoch mit ihren Kameraden binnen weniger Stunden einen Hilfseinsatz in die Türkei ins Rollen zu bringen. Zunächst sieht es im Laufe des Nachmittags so aus, als könnten schon am Donnerstag die ersten Retter aus dem Landkreis München in den Flieger in Richtung Katastrophengebiet steigen. Doch dann muss Gräfelfings Feuerwehrkommandant Markus Fuchs nach genauer Abwägung den Einsatz absagen. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass es zu lange dauern würde, ehe ehrenamtliche Helfer aus dem Landkreis in der Türkei eintreffen würden, um noch Menschenleben retten zu können.

Erdbebenkatastrophe: Spontan zur Hilfe bereit: Tuğçe Zinal von der Feuerwehr in Gräfelfing.

Spontan zur Hilfe bereit: Tuğçe Zinal von der Feuerwehr in Gräfelfing.

(Foto: privat)

Es sind aufregende und nervenaufreibende Stunden. Alles beginnt mit einer E-Mail von Tuğçe Zinal an ihren Kommandanten Markus Fuchs in der Nacht auf Mittwoch, ob man nicht eine Spendenaktion für die Erbebenopfer starten sollte. Daraus entwickelt sich am Morgen die Idee, spontan einen Einsatz direkt im Katastrophengebiet zu starten, berichtet Fuchs. Auch das türkische Konsulat ist involviert. Die Botschaft von dort: Es würden noch mehr Hilfskräfte und Material benötigt. Fuchs berät sich mit seinem Stellvertreter, der schnell signalisiert, auch an Bord zu sein. Um 8 Uhr telefoniert der Kommandant mit Bürgermeister Peter Köstler (CSU), der als Dienstherr sein Einverständnis erklärt - die Aktion kommt ins Rollen.

"Ich habe dann nochmal mit Tuğçe telefoniert, wie wir hinkommen", berichtet Fuchs. "Turkish Airlines würde den Flug sponsern." Der Kommandant fragt unter den Kameraden, schnell erklären sich mehr als zehn bereit, mit in die Türkei zu fliegen; es wird ein Kontakt nach Garching-Hochbrück aufgebaut, dort gibt es auch eine Hundestaffel - und die Signale der Garchinger sind positiv. "Ich musste niemanden bitten und um nichts betteln", sagt Fuchs. Auch Landrat Christoph Göbel (CSU) und Ottobrunns Feuerwehrkommandant Eduard Klas, der in der Kreisbranddirektion des Landkreises München den Katstrophenschutz verantwortet, signalisieren sofort ihre Unterstützung.

Erdbebenkatastrophe: Gräfelfings Feuerwehrkommandant Markus Fuchs steht zu seiner Entscheidung, den riskanten Einsatz nicht zu wagen.

Gräfelfings Feuerwehrkommandant Markus Fuchs steht zu seiner Entscheidung, den riskanten Einsatz nicht zu wagen.

(Foto: Robert Haas)

Aber es gibt auch kritische Stimmen, und auch Gräfelfings Kommandant Fuchs sagt, es hätten mehrere Herzen in seiner Brust geschlagen. "Das Feuerwehrherz, das Helferherz und das Herz für die Verantwortung", sagt er. "Und ich trage Verantwortung. Vor allem für meine Leute. Was, wenn einer verletzt zurückkehrt oder nach fünf Jahren ein Trauma erleidet, weil wir kein Menschenleben gerettet haben?" Gegen 15 Uhr fällt er die Entscheidung: Die Aktion wird abgeblasen. "Unter Abwägung aller Risiken", wie Fuchs sagt.

"Man muss auch mal etwas wagen, man darf nicht hasenfüßig sein"

Aber auch wegen der Erkenntnis, womöglich zu spät in der Türkei einzutreffen, um noch Menschen aus den Trümmern retten zu können. Die Ehrenamtlichen aus Gräfelfing, Hochbrück und auch die Kameraden der Rettungshundestaffel aus Aschheim, die angefragt worden sind, hätten erst einen Flug am Donnerstagmorgen um 9.30 Uhr nehmen können. Dann ein Zwischenstopp in Istanbul, der Weitertransport mit schwerem Gerät in das Einsatzgebiet - erst am Freitag hätten sie loslegen können.

Auch Feuerwehrfrau Tuğçe Zinal war zunächst noch der Optimismus anzumerken, dass es mit der Rettungsmission klappen könnte; sie selbst wollte mit in die Türkei reisen und dort vor allem als Übersetzerin agieren. Es gehe darum, jedes mögliche Menschenleben zu retten, sagte sie der SZ noch am Mittwochnachmittag. Das sieht auch Gräfelfings Kommandant Fuchs so. Rückblickend sagt er, es sei toll gewesen, dass so viele ihre Bereitschaft erklärt hatten, sich auf den Weg zu machen. "Und man muss auch mal etwas wagen, man darf nicht immer nur hasenfüßig sein. Ich bin froh, dass wir den Versuch gestartet haben, auch wenn es nicht geklappt hat", so der Kommandant, der seine Entscheidung zwar bedauert, aber für richtig hält: "Ich würde wieder so handeln."

Erdbebenkatastrophe: Transportboxen für den Flug in die Türkei hatte die Ottobrunner Feuerwehr bereits verladen - dann erfolgte die Absage.

Transportboxen für den Flug in die Türkei hatte die Ottobrunner Feuerwehr bereits verladen - dann erfolgte die Absage.

(Foto: FFW Ottobrunn)

Die Ottobrunner Feuerwehr hatte auf Veranlassung ihres Kommandanten Eduard Klas bereits sogenannte Zarges-Boxen für den Flugtransport von Material nach Gräfelfing geschickt. Die Hochbrücker wollten ein Lasergerät einpacken, mit dem Schwankungen von einsturzgefährdeten Gebäuden erkannt werden können. Doch es wurde dann nicht mehr benötigt. "Ich habe großen Respekt vor dem Gräfelfinger Kameraden. Es war absolut richtig, es versucht zu haben", sagt Klas. "Markus Fuchs ist seiner Rolle als Einsatzleiter mehr als gerecht geworden. Das ist eine Abwägung, die man als Führungskraft machen muss."

Nun wird laut Klas abgewogen, ob die Einsatzkräfte und Organisationen aus dem Landkreis München anderweitig in der Türkei hilfreich tätig werden können. "Wir überlegen, ob und wie wir Hilfsgüter liefern können, etwa auch für Notunterkünfte", sagt Ottobrunns Kommandant. "Es wäre richtig, die geballte Kraft in größere Hilfsprojekte zu stecken."

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