Hinter dem Biergarten Waldheim in Gräfelfing ist ein drei Hektar großes Waldstück deutlich lichter geworden: Auf Initiative von Würmtaler Naturschützern sind dort 50 Bäume gefällt worden – darunter Birken, Fichten und Salweiden. Es ist dies aber nur der Start der Holzarbeiten, in den nächsten Jahren sollen viel mehr Bäume fallen. Wenn Naturschützer, die sonst für den Walderhalt kämpfen, Bäume fällen lassen, klingt das erst mal kurios. Aber hinter diesem Vorgehen, das wie ein Kahlschlag aussieht, steckt ein Plan: Die Würmtaler Ortsgruppe vom Bund Naturschutz beabsichtigt, dort einen historischen Hutewald zu rekonstruieren.
Hutewälder waren einst lichte Waldstücke. Dort wuchsen vereinzelt Eichen, Hainbuchen, Wildapfelbäume und Rotbuchen, dazwischen war Wiese. Die Bauern trieben im Frühjahr Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen in den Wald, um sie dort zu grasen zu lassen, und im Herbst Eicheln und Bucheckern zu fressen. Ein Überbleibsel eines solchen Waldes ist im Forstenrieder Park bei Buchendorf erhalten, im Eichelgarten.
Genau so ein Hutewald sei das Gräfelfinger Waldstück, das dem Evangelischen Handwerkerverein gehört, einst gewesen, erklärt Dorit Zimmermann, Vorsitzende der Ortsgruppe Würmtal-Nord beim Bund Naturschutz, zum Hintergrund der Baumfällarbeiten. Das hätten Recherchen der Naturschützer ergeben, ihnen seien die vielen Eichen in dem Waldstück aufgefallen. Ende des 19. Jahrhunderts sei die Beweidung des Waldes aufgegeben worden, seitdem hätten sich schnell wachsende Baumarten wie Birken, Salweide und Fichte ausgebreitet, was die Eichen in ihrer Entwicklung stark behindere. Die Äste seien im unteren Bereich der Bäume abgestorben und die Kronen verkümmert.
Die Naturschützer beabsichtigen, mit der Rekonstruktion des Hutewaldes den alten Stieleichen in dem Waldstück wieder Luft zu verschaffen, damit sich ihre Kronen zu voller Pracht entwickeln. Fichten, Birken und Salweiden, die als sogenannte Konkurrenzbäume zu nah an den alten Eichen wachsen, fallen somit den Baumarbeiten zum Opfer. Viele seien Zimmermann zufolge ohnehin nicht mehr sehr vital gewesen. „Man muss etwas opfern, um etwas anderes zu erhalten“, sagt sie. Dies sei ein Beitrag zum Artenschutz.

Eichen könnten 800 bis 1000 Jahre alt werden und gehörten zu den langlebigsten, artenreichsten heimischen Baumarten, erklärt Zimmermann. „Alles lebt auf, unter und in den Eichen.“ Im Wurzelbereich, unter der Rinde und im Stamm gediehen Pilze, Flechten und Moose, um die 900 Käferarten, darunter der fast ausgestorbene Eremit, aber auch Tiere, die in Höhlen brüten, wie etwa Specht, Meise und Fledermaus. „Wir wollen mit diesem Projekt Lebensräume für möglichst viele heimische Arten schaffen“, sagt Zimmermann. Zugleich werde die Verjüngung der Eichen gefördert, denn wo wieder Licht hinfalle, wüchsen junge Baumtriebe. Der Landkreis München finanziert die Rekonstruktion des Hutewalds, die Naturschützer helfen ehrenamtlich mit.

Die Stämme der gefällten Laubbäume blieben im Wald liegen, verrotteten und würden so wieder zu wertvollen Lebensräumen, erklärt Zimmermann. Nicht so die Fichtenstämme: Die würden aus dem Wald entfernt, um dem Borkenkäfer keinen Lebensraum zu bieten, der sich gerne unter der Rinde einniste. Den Abtransport der Fichten übernehmen dieser Tage die beiden Rückepferde von Bernhard Weintritt, des Baumschutzbeauftragten beim Bund Naturschutz. Die beiden irischen Kutschenponys setze er immer wieder mal für solche Waldarbeiten ein, erzählt er. So erfolge der Holztransport besonders bodenschonend. Denn schweres Gerät wie ein Traktor verdichte den Waldboden und schädige die Wurzelbereiche von Bäumen.
Offizieller Startschuss für den Gräfelfinger Hutewald ist am 25. April, dem internationalen Tag des Baumes. Infotafeln sollen dann Spaziergängern das Projekt erläutern. Und auch die Jugend soll für den Hutewald begeistert werden. An zwei Tagen in den Pfingstferien ist das erste Klima-Camp auf dem Gelände des Handwerkerheims geplant. Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren sollen dabei das Hutewald-Projekt kennenlernen, Naturhecken bauen, etwas über Klimaschutz lernen und ihre Artenschutzkenntnisse schärfen.

