Abschied von fossilen Brennstoffen:Wärme aus dem Sommer für den Winter

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Abschied von fossilen Brennstoffen: In dieser ausgehobenen Kiesgrube bei Martinsried könnte der Erdbeckenwärmespeicher entstehen, der die Gemeinden Gräfelfing und Planegg mit regenerativer Energie versorgt.

In dieser ausgehobenen Kiesgrube bei Martinsried könnte der Erdbeckenwärmespeicher entstehen, der die Gemeinden Gräfelfing und Planegg mit regenerativer Energie versorgt.

(Foto: Robert Haas)

Experten sind überzeugt, in einem Erdbecken zwischen Gräfelfing und Planegg Geothermie und Solarkraft speichern zu können. Die Verwirklichung hängt jetzt von den Gemeinden ab.

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Es lohnt sich - auf diese simple Formel lässt sich das Ergebnis der Machbarkeitsstudie zum Erdbeckenwärmespeicher zwischen den Gemeinden Planegg und Gräfelfing bringen. Am Dienstag wurden die finalen Erkenntnisse aus der Studie im Bürgerhaus vorgestellt. Die Experten empfehlen dabei eine Variante der Wärmeerzeugung, die Tiefengeothermie und Solarthermie verknüpft und die bestehende Kiesgrube als Wärmespeicher integriert - ein Ansatz, der ein Novum wäre und das Zeug zum Pilotprojekt hat. Ob es zur Umsetzung kommt, hängt vom politischen Willen der beiden Gemeinden ab.

Schon im Mai, als die Wissenschaftler des Instituts für Gebäudeenergetik, Thermotechnik und Energiespeicherung (IGTW) der Uni Stuttgart die Zwischenergebnisse der Studie präsentierten, zeichnete sich ab, dass die Kombination aus Wasser, Sonne und Kiesgrube das Potenzial hat, große Gemeindeteile klimaschonend mit Wärme zu versorgen. Bei der Präsentation der Endergebnisse der Studie wurde es jetzt konkreter: Die Wissenschaftler favorisieren eine Ausbauvariante, die große Teile Gräfelfings und den Ortsteil Martinsried mit Wärme versorgen könnte.

Überschüssige Energie soll in einer Kiesgrube konserviert werden

Dabei liefern das heiße Wasser aus der Tiefengeothermie, das auf Gräfelfinger Flur gewonnen wird, und die Sonnenergie, die über ein Sonnenkollektorenfeld in Planegg erzeugt wird, den Hauptanteil der Wärme. Die im Sommer überschüssige Energie wird in der Kiesgrube an der Gemeindegrenze zwischen Planegg und Gräfelfing, die in einen Erdbeckenwärmspeicher transformiert wird, konserviert - sie liefert dann im Winter die Wärme. Die Haushalte werden über ein Fernwärmenetz angeschlossen.

Die Variante weist eine "extremhohe Zukunftssicherheit" auf, sagte Studienleiter Harald Drück. Die Einsparung von CO₂-Emissionen sei "gigantisch", obendrein ermögliche die Variante den Verbrauchern äußerst attraktive Wärmepreise. Die Wissenschaftler haben auch eine noch größere Ausbauvariante untersucht, die auch weite Teile der Gemeinde Planegg, über Martinsried hinaus, mit Wärme versorgen würde. Bei der Präsentation im Mai fand sie unter den damaligen Zuhörern den meisten Anklang, weil sie die größte Einsparung an CO₂-Emissionen aufzeigt. Von dieser Variante rückten die Wissenschaftler jetzt ab, da sie einen Anschluss der Verbraucher an das Wärmenetz zu 100 Prozent voraussetzt. "Realistisch sind aber nur 60 bis 70 Prozent", sagte Drück.

Die favorisierte Variante haben die Wissenschaftler mit einem Umsetzungshorizont bis 2030 versehen. Das klingt heute schon realistischer als noch im Mai, denn da stand noch in den Sternen, wann das langgeplante Geothermie-Projekt der Gemeinde Gräfelfing zur Umsetzung kommt - immerhin soll das heiße Wasser den Hauptanteil der Wärme liefern. Damit ist es jetzt so weit: Die Gemeinde hat Anfang Juli bekannt gegeben, dass die Projektgesellschaft Geothermie Gräfelfing GmbH & Co. KG gegründet werden konnte, eine Kooperation der Fernwärme Gräfelfing GmbH mit der Silenos Energy GmbH & Co. KG. Auch der Zeitplan steht: In etwa zwei Jahren soll mit den Tiefenbohrungen begonnen werden. Umsetzbar erscheint die Variante auch deshalb, weil der Ortsteil Martinsried bereits zu einem großen Teil mit einem Fernwärmenetz versehen ist. Hier gibt es eine Anschlussquote von etwa 80 Prozent.

Das Unternehmen Glück will die Grube verfüllen, der Gemeinderat müsste dies stoppen

Die nächsten Schritte stehen für Studienleiter Drück fest: Die Gemeinde Gräfelfing sollte die Tiefenbohrung vorantreiben und auch den Ausbau des Fernwärmenetzes. Das begriffen auch Planegger im Zuhörerraum als Auftrag. "Der Netzausbau ist der Schlüsselaspekt", sagte die Planegger Gemeinderätin Angelika Lawo (Grüne Gruppe 21). Die Gemeinde Planegg hat sich nicht an der Machbarkeitsstudie beteiligt, Wärmebedarf und Ausbauszenarien wurden für die Kommune demnach nicht untersucht, mit Ausnahme von Martinsried. Angesichts der "ermutigenden Ergebnisse" der Studie werde die Gemeinde Planegg "sicher eine Ergänzung" beauftragen, so äußerte sich Gemeinderat Herbert Stepp (Grüne Gruppe 21) in einer schriftlichen Stellungnahme nach der Veranstaltung optimistisch. Ein entsprechender Antrag zur Abstimmung im Gemeinderat liege vor.

Das Engagement der Gemeinde Planegg ist bei dem Projekt nicht ganz unwesentlich. Denn ein zentraler Baustein des Wärmekonzepts liegt in deren Hand: die Kiesgrube, die als Wärmespeicher dienen soll. Die Verfüllung der fertig ausgekiesten Grube durch das Kiesunternehmen Glück Grube steht unmittelbar bevor. Bislang fehlt ein Gemeinderatsbeschluss, die Verfüllung zu stoppen und die Grube offen zu lassen für ein Pilotprojekt, das einen Weg aufzeige, sich aus "der Abhängigkeit fossiler Energieträger mittelfristig zu befreien", so Stepp.

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