Am Sonntag können Wählerinnen und Wähler in Gräfelfing und Planegg auf dem „Stimmzettel zur Wahl des ersten Bürgermeisters“ ihr Kreuzchen setzen. Was ist falsch an dem Satz? Wem nichts auffällt, der befindet sich in guter Gesellschaft, denn den meisten, die bereits ihr Briefwahlunterlagen erhalten haben, ist auch nichts Fehlerhaftes aufgefallen. Dabei wäre die korrekte Antwort: Die Bürgermeisterin fehlt! In Gräfelfing gibt es eine Bürgermeisterkandidatin, in Planegg sogar gleich drei. Doch auf dem Stimmzettel ist die Option „Wahl der ersten Bürgermeisterin“ nicht genannt, lediglich die männliche Amtsbezeichnung. Wie konnte das passieren?

Aufgefallen ist das ausgerechnet einer Bürgerin, die sich beruflich wie im Ehrenamt seit jeher für Frauen stark macht und dafür sogar den Bayerischen Verdienstorden erhalten hat: Monika Meier-Pojda, Präsidentin des Bayerischen Landesfrauenrats – sie wohnt in Gräfelfing. Den Fehler auf dem Stimmzettel, den sie in ihren Briefwahlunterlagen entdeckte, findet sie nach eigenen Worten „unglaublich“.
Der Landesfrauenrat unterstütze die zur anstehenden Wahl gegründete Initiative „Bavaria ruft“, die für mehr Frauen in der Kommunalpolitik kämpft. Ein solcher Stimmzettel „konterkariere“ dieses Engagement, kritisiert sie. Frauen seien in der Politik ohnehin unterrepräsentiert; halten lediglich zehn Prozent der höchsten Ämter in bayerischen Rathäusern, in manchen Gemeinderäten sitze keine einzige Frau. Mit einem Anruf im Gräfelfinger Rathaus machte sie die Gemeinde auf das Versäumnis aufmerksam – und das Thema publik.

Dort ärgert sich Wahlleiterin Petra Hierl-Schmitz über den „blöden“ Fehler. Die Stimmzettel seien ein Vordruck, die ein Fachverband den Kommunen zur Verfügung stelle. Seitdem das bayerische Innenministerium im November 2024 auch die weibliche Form auf allen Wahlzetteln eingeführt hat, sollte eigentlich flächendeckend sowohl zur Wahl der Bürgermeisterin als auch zur Landrätin aufgefordert werden. Das hat bei der Wahl zur Landrätin im Landkreis München auch geklappt, doch bei der Bürgermeisterwahl muss ein alter Vordruck ausgefüllt worden sein, so die Wahlleiterin.
So ist es auch in Planegg passiert und auch in Riedering im Landkreis Rosenheim. Trotz mehrfacher Prüfung der Stimmzettel sei der Fehler niemandem aufgefallen, auch Kandidaten und Kandidatinnen in Planegg und Gräfelfing nicht, welche die Druckfahnen der Stimmzettel zur Korrektur erhalten haben. Beide Kommunen haben sich auf der Homepage an prominenter Stelle für den Fehler entschuldigt. Und Hierl-Schmitz betont: Ganz oben auf dem Stimmzettel werde darauf hingewiesen, dass nur „eine Bewerberin oder ein Bewerber“ angekreuzt werden dürfe. So ganz seien die Frauen also nicht verloren gegangen.
„Der Stimmzettel legt nahe, dass ein Bürgermeister denkbarer ist als Bürgermeisterin.“
Der formale Fehler hat durchaus Symbolkraft. Die Grünen in Gräfelfing, die von Meier-Pojda auf den Vorfall hingewiesen wurden und in ihrer Kandidatin Sabine Klein die einzige Frau stellen, die sich um den Chefposten im Rathaus bewirbt, stellen in einer Pressemitteilung fest: „Sprache schafft Wirklichkeit. Dieser fehlerhafte Stimmzettel legt nahe, dass ein Bürgermeister denkbarer ist als eine Bürgermeisterin.“ Gerade die Grünen kämpften durch eine paritätisch besetzte Gemeinderatsliste für mehr Gleichheit in Gremien und Ämtern und machten dadurch Frauen sichtbar, sagt Kandidatin Klein. Sie räumt aber auch ein: Fehler passierten, und dass die Gemeinde diesen auf der Homepage veröffentlicht hat, findet sie wichtig. Zusätzlich wünscht sie sich allerdings einen Aushang in den Wahllokalen.
Auch Meier-Pojda ist überzeugt davon, dass Sprache prägt. Sie mache sichtbar oder unsichtbar. Immer nur „mitgedacht“ und „subsumiert“ zu werden, sei eben etwas anderes, als direkt angesprochen zu werden. Gerade für junge Frauen, die ermutigt werden sollen, sich kommunalpolitisch zu engagieren, sei es wichtig, sich auch gemeint zu fühlen.
Angelika Lawo, Bürgermeisterkandidatin in Planegg (Grüne Gruppe 21/ Volt) teilt diese Haltung. Gerade in Zeiten, in denen eigentlich überkommene Geschlechterklischees in einigen sehr konservativen bis rechten Kreisen wieder ein Comeback erlebten, seien Frauen in der Politik umso wichtiger – und damit auch, sie direkt zu nennen. „Für das Bewusstsein macht das einen Unterschied.“ Sie wundert sich, dass überhaupt erst seit 2024 auf Stimmzetteln gegendert wird. „Das ist doch erstaunlich.“
Die Gräfelfinger Grünen äußern die Sorge, dass der Fehler ihre Kandidatin Stimmen kosten könnte. Wahlleiterin Petra Hierl-Schmitz glaubt das nicht und stellt sogar eine Ausnahme in Aussicht: Gewöhnlich machten persönliche Notizen auf Stimmzetteln die Stimmabgabe ungültig, so die Rathausmitarbeiterin. Sollte jemand jedoch die weibliche Form der Bürgermeisterin handschriftlich hinzufügen, werde man dies am 8. März gestatten.

