In Gräfelfing entsteht zum ersten Mal ein Wohnprojekt, das gemeinschaftliches Leben mehrerer Generationen unter einem Dach realisiert. Kleine Wohnungen, plus gemeinsam genutzte Räume, sollen unter dem Strich Wohnen bezahlbar machen. Nach einer mehrjährigen Planung geht das Projekt jetzt in die Umsetzungsphase. Der Bauantrag wurde noch vor Weihnachten eingereicht, der Bauausschuss hat sein Einvernehmen erteilt, Mitte März wird die Baugenehmigung erwartet. Im September dieses Jahres soll die Baustelle beginnen.
Das Wohnen an der Stefanusstraße 8, auf dem Gelände der ehemaligen Doemens-Brauereifachschule, wird ein Experiment. Die wenigsten der künftigen Bewohner werden viel Erfahrung mitbringen, wie man sich mit anderen arrangiert, Wohnflächen gemeinsam nutzt, dabei Rücksicht nimmt und Regeln einhält. Die neue Wohnform soll nämlich beides ermöglichen: Rückzug und Gemeinschaft. Es war ein langwieriger Prozess, ein Konzept für diese Gratwanderung zu finden. Erarbeitet hat es die Interessengemeinschaft Alte Brauakademie, in der sich Gräfelfinger Bürger aber auch Gemeinderäte engagieren. Nicht immer war der Findungsprozess von Harmonie geprägt, auch von Streit im Verein ist zu hören, jetzt soll alles wieder in ruhigen Bahnen laufen.

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Das alte Schulungsgebäude auf dem Gelände bleibt erhalten und wird aufgestockt, auch die alte Villa wird weiter genutzt. Hinzu kommen zwei neue Gebäude. Insgesamt entstehen auf dem Areal 24 Wohnungen sowie zwei sogenannte Clusterwohnungen. Das sind kleine Appartements innerhalb einer Wohnung. Jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer – oder sogar zwei – mit eigenem kleinem Bad. Küche und Wohnzimmer werden von allen Bewohnern der Einheit geteilt. Es erinnert an die klassische Studenten-WG, nur jetzt für Menschen aller Generationen.
Zusätzlich gibt es im Komplex fünf Gästezimmer, welche die Bewohner bei Bedarf zusätzlich anmieten können. Die Räumlichkeiten sind mit Dusche, WC und einer Kochnische ausgestattet. In der Villa entstehen zwei Gemeinschaftsräume, einer davon wird eine Küchenzeile erhalten, in dem ein temporäres Café betrieben werden kann, der andere kann für Bewegungs- und Entspannungsangebote sowie als Leseraum genutzt werden. Außerdem ist eine Bürgerwerkstatt vorgesehen, in der Interessierte ihren handwerklichen Neigungen nachgehen können.
Ein sehr „emotionales“ Thema sei noch zu verhandeln, sagt Till Reichert, Geschäftsführer der Gemeindebau Gräfelfing, dem kommunalen Wohnungsunternehmen, das Bauherr des Projekts ist. Nämlich, wer in die neuen Wohnungen einziehen wird. Sicher sei laut Reichert, dass Gräfelfinger zum Zug kommen sollen. Es werde ein Vergabeverfahren geben, bei dem die Gemeinde einbezogen sei, meint Reichert. Dabei wird Fingerspitzengefühl gefragt sein, denn die Leute, die sich voraussichtlich ab Oktober 2028 eine neuartige Clusterwohnung teilen, gemeinsam kochen und den Feierabend zusammen auf dem Sofa verbringen, sollten auch gleich ticken.
Dass zwischen Baugenehmigung und Baubeginn gut ein halbes Jahr liegt, hat mit der Sanierung des Bürgerhauses zu tun. Erst wenn die Baustelle dort abgeschlossen ist, kann die Gemeindebücherei, die derzeit provisorisch im alten Doemens-Schulungsgebäude untergebracht ist, wieder ins Bürgerhaus zurückziehen. Dieser Umzug ist für Sommer geplant.

