SchuleViele Schüler müssen erst einmal Deutsch lernen

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Unterricht in der Deutschklasse an der Mittelschule Lochham: Lehrerin Agnes Horvath (helle Bluse) übt mit Schülerinnen und Schülern aus mehreren Nationen Konversation in verschiedenen Alltagssituationen.
Unterricht in der Deutschklasse an der Mittelschule Lochham: Lehrerin Agnes Horvath (helle Bluse) übt mit Schülerinnen und Schülern aus mehreren Nationen Konversation in verschiedenen Alltagssituationen. Catherina Hess

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund haben oft nur geringe Kenntnisse der Landessprache. Ein neues Programm soll helfen, das zu ändern.  Ein Unterrichtsbesuch an der Mittelschule Lochham.

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Hat hier schon mal jemand Weißwurst gegessen? Kopfschütteln in der Runde. „Das ist nicht so lecker“, sagt eine Schülerin mit Akzent und – wohl im Gedanken an die Wurst – etwas angewidertem Blick. Dann stellt sich aber heraus, dass sie Bratwurst meint, der Weißwurst hat sich in der Klasse noch keiner genähert.

Heute geht es in der Deutschklasse der Mittelschule Lochham um Essgewohnheiten der Deutschen. Was Backwaren sind, wie man hierzulande Eier zu sich nimmt, im Restaurant bestellt und ob man Trinkgeld gibt. Die Deutschlehrerin Agnes Horvath geht von Pult zu Pult, spricht die Schülerinnen und Schüler persönlich an und kitzelt die deutschen Worte aus ihnen heraus. Das geht mal flüssiger, mal holpriger.

Die Jugendlichen sind zwischen 14 und 17 Jahre alt und haben alle eine Gemeinsamkeit: Zu Hause wird nicht Deutsch gesprochen. Deshalb sind sie im DaZ-Unterricht, Deutsch als Zweitsprache. Wer weniger als sechs Jahre lang in Deutschland lebt, landet bei Agnes Horvath.

In der Deutschklasse wird sichtbar, was zu den täglichen Herausforderungen der Mittelschule im Gräfelfinger Ortsteil Lochham gehört. Etwa 90 Prozent der insgesamt 200 Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund, ihre Familien haben Wurzeln in Ländern wie Afghanistan, Syrien, der Ukraine oder den Balkanstaaten. Für einige Kinder ist die Mittelschule die erste Schule, die sie in Deutschland besuchen, manche kommen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, andere beherrschen die Grundlagen.

Bevor es also um Mathekompetenzen geht oder gar einen Aufsatz im Deutschunterricht, müssen sie erst einmal die Sprache lernen. Gerade fanden an der Schule die Abschlussprüfungen statt. Schulleiterin Nikola Kurpas hat die Deutscharbeiten korrigiert. Von den 40 Abschlussschülern hat ein Drittel den Quali mit Deutsch als Zweitsprache geschrieben. Für sie gelten vereinfachte Prüfungsbedingungen. Statt Sätze zu formulieren, dürfen sie vielfach Antworten einfach ankreuzen. „Wir entlassen sie mit einem großen Defizit im schriftlichen Ausdruck“, sagt Kurpas. Und es sei die große Frage, ob die Jugendlichen das jemals aufholen werden.

Was gibt es zu essen, und wie bestellt man in einem Restaurant? Speisekarte für die Deutschübung.
Was gibt es zu essen, und wie bestellt man in einem Restaurant? Speisekarte für die Deutschübung. Catherina Hess

Doch vielleicht geht da in Zukunft mehr. Denn die Mittelschule Lochham ist eine der 480 Schulen in Bayern, die ab kommenden Schuljahr am Startchancen-Programm teilnimmt. Das Bildungspaket soll den Schulen „zusätzlichen Rückenwind“ geben, sagt Kerstin Schreyer, CSU-Landtagsabgeordnete für den Stimmkreis München-Land-Süd, in einer Pressemitteilung.

Über eine Laufzeit von zehn Jahren sollen insgesamt rund zwei Millionen Euro pro Schule in den Ausbau einer modernen Lernumgebung gepumpt werden, in die digitale Ausstattung und mehr pädagogisches Personal, um jene Schülerinnen und Schüler zu fördern, deren Eltern beim Lernen nicht helfen können, weil ihnen selbst die Bildung fehlt, die Sprachkenntnisse oder auch das Geld, etwa für Nachhilfestunden oder ein Laptop. Bildungserfolg soll künftig nicht mehr von der sozialen Herkunft abhängen.

Das größte und langfristigste Bildungsprogramm in Deutschland

Das Startchancen-Programm ist laut Bundesforschungsministerium das größte und langfristigste Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik. Insgesamt 20 Milliarden Euro fließen für den Förderzeitraum in das Programm, umgesetzt wird es gemeinsam von Bund und Ländern. Bereits im laufenden Schuljahr haben 100 Grund- und Mittelschulen in Bayern im Modellversuch an dem Programm teilgenommen.

Die Rückmeldungen seien laut Schreyer „durchweg positiv“ gewesen. Ab September sind es dann insgesamt 280 Grundschulen, 150 Mittelschulen, 60 Förderzentren, 75 Berufsschulen und 15 Berufsschulen zur sonderpädagogischen Förderung, die die finanzielle Unterstützung erhalten.

Die Schulen werden nach einem Sozialindex ausgewählt

Die Auswahl der Schulen erfolgte nach einem Sozialindex, erklärte Schulleiterin Kurpas: Die Akademikerquote unter den Eltern, der Migrationsanteil und die Armutsquote waren beispielsweise Kriterien. Auch bei der Armutsquote ist ihre Schule, selbst wenn sie mitten im wohlhabenden Gräfelfing liegt, vorne mit dabei. Denn natürlich zählten gerade die Familien mit Migrationserfahrung eher zu den einkommensschwachen. Die Eltern erhielten entweder Bürgergeld oder seien im Hilfsarbeitersektor tätig und übten oft sogar mehrere Jobs aus, um die Familie zu ernähren.

Künftig stehen der Schulleiterin 160 000 Euro pro Schuljahr zur Verfügung, die sie da einsetzen kann, wo es ihre Schule besonders benötigt. „Das ist das Tollste“, meint sie, denn jede Schule habe ihre eigene Sozialstruktur und damit andere Schwerpunktthemen. Kurpas denkt sofort daran, das Geld auch in die Verbesserung der „Erziehungspartnerschaft“ mit den Eltern zu investieren. Denn es brauche deren Vertrauen, um den Weg freizumachen für den Bildungserfolg der Kinder.

Schulleiterin Nikola Kurpas bekommt ein Budget, über das sie selbst entscheiden kann.
Schulleiterin Nikola Kurpas bekommt ein Budget, über das sie selbst entscheiden kann. Catherina Hess

Sie nennt ein Beispiel: Zwei Schülerinnen, die sehr religiös geprägt erzogen werden, durften nicht an der Bildungsfahrt nach Berlin teilnehmen. Den Vater bat Kurpas zum Gespräch in die Schule, aber die Kommunikationshürde war zu groß, um etwas auszurichten. „Er hatte einfach Ängste und Sorgen um seine Töchter.“ Mit dem Startchancen-Programm könne sie künftig einen Kulturdolmetscher finanzieren, der erklären und vermitteln kann.

Auch Infoabende mit externen Referenten zur Wertevermittlung seien denkbar, um den Eltern zum Beispiel zu erklären, dass Frauen in Deutschland andere Möglichkeiten haben. „Die Kinder leben in zwei Welten, in der Schule sind sie wie deutsche Kinder, zu Hause in ihren Rollen. Diese beiden Welten wollen wir mehr vernetzen.“ Schule leistet hier jenseits von Unterricht Integrationsarbeit.

Kommunen müssen mitzahlen. Da ist der Lehrerverband skeptisch.

Der Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hält das Startchance-Programm für eine gute Idee. Allerdings müsse sich in der Praxis noch zeigen, was sich langfristig umsetzen lasse, sagt Simone Fleischmann. Die Verbandspräsidentin ist vor allem bei dem Budgetanteil von 860 000 Euro, der vorgesehen ist für Investitionen in eine zeitgemäße Lernumgebung, skeptisch, denn an diesem müssen sich die Kommunen müssen zu 30 Prozent beteiligen.

Ob sie das überhaupt leisten könnten, angesichts der vielfach knappen Haushaltslage, sei fraglich, meint Fleischmann. Zudem hält sie das Programm für ein „bürokratisches Monster“. Es gebe eine „große Berichtspflicht“, die die Schulen in einem ohnehin „überbordenden Aufgabensystem“ treffe. Für eines aber sei sie dankbar: dass Bayern endlich anerkenne, dass es eine Bildungsungerechtigkeit an bayerischen Schulen gebe.

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In der Mittelschule Lochham klingelt es zur Pause, die Schülerinnen und Schüler strömen in den Hof. Dort gibt es zwei neue Basketballkörbe, die kräftig unter Beschuss stehen. Es könnten noch mehr sein, wünscht sich die Schulleiterin. Auch dafür gibt es über Startchancen jetzt Geld.

Überhaupt hat sie noch viele Ideen, in was man investieren könnte. Sie will zum Beispiel die Kinder mehr in die Schule holen und Aufgaben erledigen, die in den Familien nicht stattfinden: bei Hausaufgaben begleiten, Prüfungsvorbereitungen mit Lehramtsstudierenden organisieren, bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützen, Neigungen und Interessen fördern wie Musik, Sport und Kunst. Kurpas weiß, wie viel möglich ist, wenn man mit einem Kind intensiv arbeitet.

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