Kunstmesse:Vielfalt in Zeiten des Stillstands

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Kunstmesse: "Clouds" nennt Charlotte Vögele ihr Kunstwerk. Sie stellt im ersten Stock des Schulungsgebäudes aus.

"Clouds" nennt Charlotte Vögele ihr Kunstwerk. Sie stellt im ersten Stock des Schulungsgebäudes aus.

(Foto: Florian Peljak)

Bei der "Art Gräfelfing" im ehemaligen Schulungsgebäude der Doemens-Brauakademie zeigen 70 Künstler neue Werke aus der Zeit der Pandemie. Mit der Verkaufsausstellung begeht der Kunstkreis zugleich verspätet sein 40-jähriges Bestehen.

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Er war gerade erst aufs Land gezogen. Dann kam die Pandemie und mit ihr der Lockdown. Jan Schünke begann in seiner neuen Umgebung, in Dießen am Ammersee, zu laufen und entdeckte Natur völlig neu: filigrane Blütenstrukturen, wundersame Blattwerke, grenzenlose Vielfalt im Zyklus der Jahreszeiten. Der Fotokünstler sammelte die Wunder, presste sie, fotografierte sie in ganz besonderem Licht. Herausgekommen ist "Preserved Beauty" - eine Serie von Blumen- und Blütenbildern, die feinste Verästelungen und filigrane Blattlinien sichtbar macht. Schönheit haltbar gemacht. Die Pandemie hat ihn dazu bewegt, eine "Hommage an die neue Heimat" zu schaffen, sagt er selbst.

Kunstmesse: Jan Schünkes "Preserve Beauty".

Jan Schünkes "Preserve Beauty".

(Foto: Florian Peljak)

Die Pandemie hat so manchen Künstler Neues entdecken lassen. Für die meisten bedeutete sie Stillstand. Denn Ausstellungen, die Plattform, um das eigene Schaffen zu zeigen, konnten lange nicht stattfinden. So entschloss sich der Kunstkreis Gräfelfing im dritten Sommer der Pandemie, der alles wieder möglich macht, einem seiner Vereinsaufträge nachzukommen: Kunst zu fördern. Das geschieht im Juli erstmalig und einmalig mit einer Kunstmesse, die "Art Gräfelfing", bei der Kunst ganz konkret und gezielt zum Kauf angeboten wird, Vernissage ist am Freitag, 8. Juli, um 16 Uhr. Für potenzielle Käufer ist das ein Angebot mit Exklusivcharakter, denn die Werke der 70 Künstler sind ausgewählte Stücke, kuratiert vom Kunstkreis, der auf Provision verzichtet. Obendrein haben die Künstler alle etwas mit Gräfelfing zu tun: Sie haben alle mindestens einmal in den vergangenen 40 Jahren seit Bestehen des Kunstkreises bei einer Ausstellung mitgewirkt. Es ist ein Treffen mit alten Bekannten sozusagen.

Eigentlich gab es zuerst den Ausstellungsort, dann erst kam die Idee mit der Kunstmesse auf, sagt Kathrin Fritsche, Vorsitzende des Kunstkreises. Der Verein ist nicht nur weit über Gräfelfing hinaus bekannt für seine hochkarätigen, professionell von den Kunsthistorikerinnen im Vorstand kuratierten Ausstellungen, sondern auch für die ganz besonderen Orte, an denen sie präsentiert werden: Kiesgruben, Gutshöfe, Kirchen gehörten schon dazu. Jetzt ist es das ehemalige Schulungsgebäude der Doemens-Brauakademie in der Stefanusstraße, das der Kunstkreis für einen Monat lang zwischennutzen darf. Auf 750 Quadratmetern ist Kunst auf zwei Stockwerken zu sehen. Damit ist auch gleich eine Besichtigung der alten Schule möglich, die künftig zu einem Mehrgenerationen-Wohnprojekt umgestaltet werden sollen.

Mit der Auswahl der gezeigten Kunstwerke knüpft der Kunstkreis an seine Geschichte an. Mitten in der Pandemie war ein Fest zum 40-Jährigen Bestehen versagt. Zwei Jahre später knüpft der Kunstkreis nun nochmal an das Jubiläum an und bietet den Künstlern aus dem eigenen Fundus eine Plattform. Rund 550 wurden angeschrieben und eingeladen, sich an der Ausschreibung zu beteiligen. 150 haben sich beworben, 70 wurden ausgewählt. Es sind ganz junge Künstler dabei, aber auch Gründungsmitglieder des Vereins wie Hertha Miessner. Bedingung war, maximal drei Werke zu zeigen, die nicht älter als drei Jahre sind. Ein Thema gab der Kunstkreis nicht vor. Und so findet sich auf zwei Stockwerken Kunst aller Gattungen, von Malerei über Skulptur bis hin zu Fotografie und Installation.

Kunstmesse: Anette Olbrichs Bodenskulptur nennt sich "purification ratio".

Anette Olbrichs Bodenskulptur nennt sich "purification ratio".

(Foto: Florian Peljak)

Wer nicht kaufen möchte, erlebt die Art Gräfelfing als Ausstellungsbesucher. Vielfalt ist die Klammer, die die gesamte Messe thematisch fasst. Im Erdgeschoss wird der Besucher angezogen von der Bodenskulptur von Anette Olbrich aus Oberhaching, die sich mit dem Thema geistiger Reinigung auseinandersetzt: "Purificatio ratio" heißt ihre Bodenskulptur, bei der sich sternförmig angeordnete Stahlbürsten drehen, in deren Mitte ein Video sich waschende Hände zeigt - "in Unschuld?", fragt die Künstlerin, die wenige Tage vor Beginn der Messe ihr Werk in der Brauakademie aufbaut. Dazu gehört noch eine Klanginstallation. Vermeintliche Sünde und geistige Reinigung im Kontext katholischer Kirche ist das Thema dieses Reinigungsrondos.

Ganz anders arbeitet die Gräfelfinger Künstlerin Katja Gramann. Die Bildtitel ihrer Gemälde passen wohl für viele thematisch in die Zeit: "Reif für die Insel" ist einer davon. Das Werk zeigt einen abstrakten Sehnsuchtsort in Mischtechnik, aus Asche, Gesteinsmehlen, Kohle und Pigmenten auf einem Holzkörper gefertigt. Entstanden ist das Werk im April 2022.

Kunstmesse: Jungmin Park hat sich mit Wassertropfen beschäftigt.

Jungmin Park hat sich mit Wassertropfen beschäftigt.

(Foto: Florian Peljak)

Auf wundersame Weise treten auch ohne gesetztes Ausstellungsthema Werke ganz zufällig in Dialog miteinander. So setzt sich zum Beispiel die in München lebende Künstlerin Jungmin Park ähnlich wie der Fotograf Jan Schünke mit diesem einen Moment der Vergänglichkeit auseinander und macht ihn haltbar. Bei der aus Südkorea stammenden Künstlerin sind es nicht Blüten, sondern sie ist fasziniert von Wasser. Sie fängt malerisch Wassertropfen ein, die oft nur einen Bruchteil einer Sekunde auf der Windschutzscheibe des Autos haften oder an einem Ladenfenster, bevor sie zu Bächen herabrinnen. Licht spiegelte sich in den Wassertropfen und macht sie so plastisch, dass die Bilder wie unscharfe Fotografien wirken.

Kunstmesse: Verena Friedrich lässt ihre leuchtenden "Cyber Clouds" durch das Erdgeschoss schweben.

Verena Friedrich lässt ihre leuchtenden "Cyber Clouds" durch das Erdgeschoss schweben.

(Foto: Florian Peljak)

Es gibt noch einen Zufallsdialog zu entdecken. Im Erdgeschoss kann der Besucher in die Neonpink leuchtende "Cyber Cloud" von der in München arbeitenden Künstlerin Verena Friedrich eintauchen. Stäbchen sind zu dreidimensionalen Netzstrukturen geformt und schweben als Wolkengebilde durch den Raum. Mit solchen Clouds hat sich auch Charlotte Vögele im ersten Stock beschäftigt, allerdings ganz anders: Sie arbeitet nur mit Naturmaterialien, als Hilfsmittel dient ihr Steckdraht, mit dem sie Verknüpfungen schafft und dabei von der eckigen in die runde Form kommt, erklärt die Künstlerin, die auf einer Leiter ihre zarten Gebilde aufhängt. Ihr Werk spielt mit der Doppelbedeutung von Clouds: Wir leben in einer Cloud von Datenpaketen - bei Vögele sind die Päckchen Zapfen von Urweltmammutbäumen - und gleichzeitig kommen Wolken auch als Gewitterwolken daher, gefüllt mit Wassertropfen oder Hagelkörnern. "Ballt sich da was zusammen? Oder fliegt da etwas auseinander?", fragt die Künstlerin. Und es klingt wie eine Frage, die die Zeit gerade an uns alle stellt.

Die Ausstellung in der Doemens-Brauakademie, Stefanusstraße 8, ist von 8. bis 31. Juli geöffnet, jeweils von donnerstags bis samstags, von 16 bis 19 Uhr und sonntags von 14 bis 19 Uhr.

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