Gräfelfing:Der Wildwuchs wird platt gemacht

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Gräfelfing: Die Kunstbaracke in Gräfelfing ist nach 20 Jahren Geschichte. Der Bund hat den Mietvertrag für die Ateliers gekündigt.

Die Kunstbaracke in Gräfelfing ist nach 20 Jahren Geschichte. Der Bund hat den Mietvertrag für die Ateliers gekündigt.

(Foto: Robert Haas)

Mit den Ateliertagen an diesem Wochenende kommt das Aus für die Kunstbaracke: Nach mehr als 20 Jahren haben die Kulturschaffenden die Kündigung erhalten. Der Bund als Eigentümer des Grundstücks will auf dem Areal Wohnungen bauen.

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Wenn sich an diesem Freitag die Türen zur Kunstbaracke an der Steinkirchner Straße 44 und 46 in Gräfelfing öffnen, sind es voraussichtlich die letzten Ateliertage, zu denen die Künstler einladen. Denn nach mehr als 20 Jahren haben sie die Kündigung für die Nutzung der historischen Baracken erhalten. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben plant als Eigentümerin des Grundstücks Wohnungsbau auf dem Gelände.

Es ist das letzte bisschen Wildwuchs, der jahrzehntelang in Gräfelfing gedeihen durfte: Die Kunstbaracke ist ein langgezogener Bretterbau mit Sprossenfenstern, wild eingewachsen von Büschen, entlang der Steinkirchner Straße. Die Patina der Vergangenheit hat sich über den Bau aus dem Jahr 1934 gelegt, hinter dem sich ein riesiger, verwunschener Garten erstreckt. Seit mehr als 20 Jahren wirken an die zehn Künstler in den Holzhütten, immer wieder in wechselnder Besetzung. Da ist Christine Seidel-Müller, die mit Stein arbeitet, Barbara Bommers, die malt, Sebastian Bürck, der Fotograf, und Winfried Bethke, der Bühnenplastiken kreiert. Da entstehen auch die Wunderwerke aus Wollfasern von Allmuth Raupp und die filigranen Papierkunstwerke von Angela Goebels-Pretzel.

Gräfelfing: Filigrane Arbeiten: Angela Goebels-Pretzel widmet sich der Papierkunst.

Filigrane Arbeiten: Angela Goebels-Pretzel widmet sich der Papierkunst.

(Foto: Robert Haas)

Arbeiten in der Kunstbaracke heißt: wechselseitige Inspiration in einer Künstlergemeinschaft, Sommerabende an der Feuerschale und Zusammenrücken am Holzofen im Winter, wenn die zugigen, kaum beheizbaren Baracken die Kehrseite ihres sommerlichen Charmes zeigen. Da sind auch Mäuse, die an Bildern nagen, wie die Zeit an den alten Brettern, aber da ist vor allem: Abtauchen in einer Ruheoase, die künstlerisches Schaffen möglich macht.

Die Kündigung schwebte schon immer wie ein Damoklesschwert über den Mietern

Die Kündigung dieser wildromantischen Künstlerwerkstätten schwebte schon immer wie ein Damoklesschwert über ihren Mietern. Das Gelände gehört der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und es war immer klar, dass irgendwann auf dem Gelände etwas anderes entstehen soll. Das Irgendwann ist jetzt: Ende März 2023, so der aktuelle Stand, müssen die Künstler ausziehen. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben plant, auf dem Gelände Wohnraum zu schaffen, heißt es auf Anfrage.

Bürgermeister Peter Köstler (CSU) weiß mehr: Der Wohnraum wird nicht für den freien Wohnungsmarkt geschaffen, sondern für Beschäftigte des Bundes. Allerdings wird das noch dauern, denn auf dem Gelände gibt es noch kein Baurecht. Das muss der Gemeinderat erst über einen Bebauungsplan schaffen und da hat Köstler schon mal die Eckpfeiler gesetzt: "Eine Bebauung des gesamten Grundstücks würden wir nie zulassen." Denn die Fläche grenzt an einen wichtigen Grünzug, der die Gemeinden Planegg und Gräfelfing trennt. Angesichts des langen Planungshorizonts, der sich abzeichnet, empfindet Köstler die Kündigung als sehr frühzeitig. Doch in der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben will man den Weg zügig frei machen für "notwendige Vorarbeiten", wie es heißt, sprich: den Abriss der Baracken.

Gräfelfing: Künstlerin Christine Seidel-Müller hat sich der Bildhauerei verschrieben.

Künstlerin Christine Seidel-Müller hat sich der Bildhauerei verschrieben.

(Foto: Robert Haas)

Ein letzter Besuch lohnt sich, die Adresse ist ein Stück Gräfelfinger Ortsgeschichte. Im Jahr 1908 pachtete der in Gräfelfing lebende Professor Max Dieckmann, Physiker, Hochfrequenztechniker und Professor an der Technischen Universität, die Wiese. Er gründete die Drahtlostelegraphische und Luftelektrische Versuchsstation Gräfelfing (DVG) und experimentierte mit seinen Studenten. Hier gelang dem Professor die erste kabellose Bildübertragung und er konstruierte mit Hilfe der Braunschen Röhre ein Fernsehgerät, was ihn zum Pionier der Fernsehtechnik machte.

Während der Weltkriege wurden die 1934 errichteten Baracken militärisch genutzt, nach dem Krieg kam eine Schreinerei unter, später der Bastelbedarf Köhler. Schließlich zogen die Künstler ein. Wo sie in Zukunft unterkommen, ist offen. Einen Ort mit vergleichbarem Flair gibt es nicht mehr in Gräfelfing. Zum letzten Mal öffnen sie ihre Türen, an diesem Freitag um 19 Uhr zur Vernissage und am Samstag und Sonntag von 14 bis 20 Uhr.

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