Fragen nach dem „Wie“ und „Warum“ sind, sobald sie in gewisse Tiefen vorstoßen, von zeitloser Essenz. Ob die Gretchenfrage aus dem „Faust“, Hamlets „Sein oder Nichtsein“ oder die vielleicht düsterste historische Variante einer Erkundungsreise in menschliche Abgründe: das Verhalten der Deutschen während der NS-Zeit, die Verabschiedung von moralischen Normen und Pervertierung der Werte, die nicht nur so viele hinzunehmen bereit waren, sondern auch mitgestalteten.
Wenn also Götz Aly Ende Januar nach Gräfelfing kommt und dort sein Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ vorstellt, dürfte diesem Vortrag des Historikers und Politikwissenschaftlers, der vor allem wegen seiner Forschung zum Antisemitismus bekannt ist, auch eine rein über das Geschichtliche hinausgehende Relevanz innewohnen, die das Menschliche, Allzumenschliche behandelt.
Aly, der das Thema vielschichtig angeht, eröffnet am 27. Januar das neue Programm der Literarischen Gesellschaft Gräfelfing. „Er ist ja nicht der Erste, der diese Frage stellt, aber er hat die Quellen und Forschungsergebnisse anders gelesen“, sagt Ulrich Rosenbaum, der erste Vorsitzende der 1921 gegründeten Literarischen Gesellschaft über Aly.
Dessen Herangehensweise, in der die Formung der deutschen Gesellschaft von der Volks- zur Verbrechensgemeinschaft nachgezeichnet und die Mitmachbereitschaft weniger auf weltanschauliche Gründe zurückgeführt als durch soziale Aufstiegsversprechen und Durchlässigkeit erklärt wird, hat mit ihrem Fokus etwa auf die instrumentelle Deutung des Judenmords auch Widerspruch hervorgerufen. Aly, dessen Thesen häufig zu Kontroversen anregten, wird am 27. Januar freilich nicht nur eine Abend-Lesung halten, sondern bereits vormittags im Kurt-Huber-Gymnasium sein Buch vorstellen – an der Schule, an der der gebürtige Heidelberger, der einige Jahre im Würmtal verbrachte, 1967 sein Abitur gemacht hat.
Nicht zuletzt diese biografische Verbindung erleichterte es, Aly für eine Lesung in Gräfelfing zu gewinnen, erklären Rosenbaum und sein Vorstandskollege Klaus Stadler. Generell gelte ohnehin: „Wir wundern uns immer wieder, dass fast alle Leute, die wir anfragen, auch gern kommen“, konstatiert Stadler. In der Tat ist auch heuer wieder die Liste angefüllt mit großen Namen, etwa dem Historiker Norbert Frei, der aus seinem Buch „Konrad Adenauer – Kanzler nach der Katastrophe“ liest oder Michael Krüger, der als Dichter, Übersetzer und langjähriger Geschäftsführer des Carl-Hanser-Verlags die Welt der Literatur durchstreift hat.
Zudem kommen im ersten Halbjahr unter anderem die Publizistin Ingeborg Gleichauf, die einen Abend über die vor 100 Jahren geborene Dichterin Ingeborg Bachmann gestalten wird, der Wissenschaftler Volker Strecke, der in die Antarktis entführt sowie SZ-Autor Jannis Brühl mit einem Vortrag über KI.
Rosenbaum, 72 und Stadler, 80, stellen beim Treffen in Gräfelfing Werke und Autoren eloquent vor und blicken trotz der stets aktuellen Frage nach der schwindenden Relevanz von Buch, Literatur und Lesen – gar nicht so kulturpessimistisch in die Zukunft.
Die Literarische Gesellschaft, die heuer ihr 105-Jähriges feiert, ist in ihrer Form etwas Besonderes im Umland und eine Institution im Würmtal. „Dass die Leute nach wie vor zu uns kommen, zeigt, dass wir das ganz ordentlich machen“, sagt Stadler, der selbst viele Jahre als Sachbuchlektor beim Piper Verlag in München arbeitete. Das Publikum sei durchaus gemischt, erklären die beiden, stets Kultiviertheit ausstrahlenden Herren.

Wie schafft man es aber, eine fast antiquiert anmutende kulturelle Institution durch die digitale und von Aufmerksamkeitsökonomie dominierten Moderne zu steuern? Da ist zu einem die hohe und zuletzt sogar wieder gestiegene Mitgliederzahl – fast 450 – und damit zusammenhängend ein Stammpublikum. „Wir sind so lebendig wie noch nie zuvor“, freut sich Rosenbaum, der viele Jahre bei einem Reiseveranstalter für Studienreisen arbeitete. Er und Stadler orientieren sich zum anderen bei der Programmgestaltung aus Erfahrung an der Nachfrage. Konkret: mehr Angebote mit zeitgeschichtlich-politischen Themen – im Herbst 2025 war etwa der Politikwissenschaftler Herfried Münkler zu Gast – und spannende Sachbuch-Vorstellungen. Dagegen weniger rein literarische Lesungen. Obgleich Rosenbaum erklärt, Literatur habe „ihre frühere Bedeutung im gesellschaftlichen Diskurs verloren“, heißt das für ihn und seine ehrenamtlichen Mitstreiter nicht, dass man dieser Entwicklung mit einem Angebot zur Debattenkultur und intellektuellen Horizonterweiterung nicht entgegentreten könnte. „Wir leisten einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben hier“, sagt Stadler.
Viele Literaturgrößen waren im Lauf der mehr als 100 Jahre im Würmtal zu Gast
Die 1921 in Krailling gegründete und 1938 nach Gräfelfing umgezogene Gesellschaft ist wohl eine der traditionsreichsten literarischen Vereinigungen hierzulande, hat eine gut gepflegte Website mit News-Blog, ist auf literaturportal-bayern.de präsent und lebt auch durch Kooperationen mit Schulen. Zu den regelmäßigen Angeboten gehören die Auftritte von Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg unter dem Motto „Magie des Lesens“, bei der sie im Kurt-Huber-Gymnasium versucht, junge Leser zu gewinnen.
Die Finanzierung von Lesungen beruht auf drei Säulen: Eintritt, den (niedrigen) Mitgliedsbeiträgen und die Förderung durch die Gemeinde. Veranstaltungsort ist wegen der Sanierung des Bürgerhauses derzeit die Pausenhalle des Gymnasiums, eine Rückkehr ist geplant.
Nicht zuletzt dank guter Vernetzungen läuft die Programmgestaltung offenbar recht geschmeidig. Stadler hatte unter anderem in seiner Zeit beim Piper Verlag mit Karl Popper und Paul Watzlawick zu tun, und dürfte sogar sein Scherflein dazu beigetragen haben, dass dessen Bestseller „Anleitung zum Unglücklichsein“ diesen Titel bekam. Viele Literaturgrößen waren im Lauf der mehr als 100 Jahre im Würmtal zu Gast: von Erich Kästner über Elias Canetti und Ilse Aichinger bis zu Eugen Roth, Herta Müller und Martin Walser.
Die Zeit, über die Götz Aly am Dienstag, 27. Januar, (Beginn 19.30 Uhr) sprechen wird, hat die Literarische Gesellschaft wohl einigermaßen unbelastet überstanden, erklären Rosenbaum und Stadler. Der damalige Vorsitzende Theodor Engelmann war zwar NSDAP-Mitglied, schaffte es aber, die Veranstaltungen von 1933 bis 1945 weitgehend frei von ideologischer Thematik zu halten. Auch Kurt Huber, der damals in Gräfelfing lebte und als Widerstandskämpfer 1943 hingerichtet wurde, hat dort gesprochen.
Die im schönen Sinne Old-School-Institution, die in Gräfelfing einfach „die Literarische“ genannt wird, schöpft also aus langer Tradition und steuert wohl weiter erfolgreich durch die Zeiten. Und obgleich „New-Romance“-Lesungen nicht angedacht sind, werfen die Verantwortlichen auch künftig einen wachen Blick auf die junge Leserschaft.


