Erneuerbare EnergieGräfelfing macht Ernst mit der Geothermie

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Landrat Christoph Göbel und Bürgermeister Peter Köster (Zweiter und Dritter von links) greifen zusammen mit  Markus Schmelz (links) und Christoph Banck von der Fernwärmenetz GmbH zum Spaten.
Landrat Christoph Göbel und Bürgermeister Peter Köster (Zweiter und Dritter von links) greifen zusammen mit  Markus Schmelz (links) und Christoph Banck von der Fernwärmenetz GmbH zum Spaten. (Foto: Catherina Hess)

Seit mehr als 15 Jahren gibt es in der Würmtal-Gemeinde Pläne für die Nutzung von Heißwasservorkommen zur Wärmeversorgung. Doch erst, nachdem die Kommune das Projekt selbst in die Hand genommen hat, kann jetzt endlich mit den Vorarbeiten für die Bohrung begonnen werden.

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Selten ist ein Spatenstich in Gräfelfing sehnlicher erwartet worden als jener, der den Start für das Geothermie-Projekt markiert. Von den ersten seismischen Messungen bis zur Einrichtung des Bohrplatzes, die gerade auf dem Gelände des Reitvereins am Neurieder Weg erfolgt, hat es gut 16 Jahre gedauert. Das mag auch daran liegen, dass die Gewinnung der Erdwärme ein Mega-Projekt ist, das aktuell mit rund 125 Millionen Euro Investitionskosten kalkuliert ist. Jetzt wurde der Weg frei für den Baubeginn, weil die Gemeinde sich im Juni von ihrem Kooperationspartner trennte, um das Projekt zu 100 Prozent kommunal zu schultern. Nach langem Ringen war klar geworden, dass dies der wirtschaftlichere Weg werden würde. Im kommenden Jahr soll endlich gebohrt werden.

Eine Fläche von 18 500 Quadratmetern Erdreich im Bereich der ehemaligen Pferdekoppeln ist bereits abgeschoben, das letzte Häufchen schaufelten am Freitag Bürgermeister Peter Köstler (CSU), Landrat Christoph Göbel (CSU) sowie Thomas Banck, Geschäftsführer der Fernwärmenetz GmbH, sowie deren technischer Leiter Markus Schmelz symbolisch zur Seite. Der Landrat ist eng verbunden mit dem Projekt: Als er noch Bürgermeister von Gräfelfing war, gab es bereits erste Überlegungen, in der Tiefe nach heißem Wasser zu bohren.

Damals gehörte der Claim, das Schürfrecht, noch der Kraillinger Firma Trinkl, die das Projekt jedoch nie umsetzte. Ende 2016 konnte die Gemeinde den Claim dann selbst übernehmen. Das Geothermie-Vorhaben wird heute über zwei Firmen abgewickelt: Die Geothermie Gräfelfing GmbH, die zur Fernwärmenetz GmbH gehört – beide sind hundertprozentige Töchter der Gemeinde Gräfelfing.

Der Spatenstich war eine sichtbare Antwort auf die vielen Fragen aus der Bevölkerung, die immer wieder an den Bürgermeister gerichtet werden, wie dieser am Freitag in seiner Ansprache berichtete. „Wann geht’s endlich los?“, sei ein Dauerbrenner. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn schon 2017 wurde bei Hauseigentümern abgefragt, ob Bedarf an der Erdwärme bestehe. Viele warten darauf, endlich mit der CO₂-neutralen und regenerativen Energiequelle heizen zu können. Es gab schon mehrere anvisierte Termine für die erste Bohrung, die jedoch immer wieder verworfen werden mussten. Zuletzt kam das Projekt vor allem deshalb nicht voran, weil die Gemeinde mit ihrem Kooperationspartner Silenos Energy zwar die erste Phase des Projekts erfolgreich umgesetzt hatte – die Machbarkeitsstudie samt Genehmigung des Bohrplatzes und der Tiefenbohrung, sowie die Zusicherung einer finanziellen Förderung – sich für die zweite Phase, in der nun konkret gebohrt werden soll und die gewonnene Wärme zu vermarkten ist, die Verbindung aber als ungünstig erwies.

Die Geothermie ist ein Baustein im Energiekonzept des Landkreises München, das zunehmend CO₂-neutral und regional ausgerichtet werden soll. Laut Landrat werden aktuell etwa 30 Prozent des gesamten Energiebedarfs über regenerative Quellen gedeckt. „Wir haben im Landkreis München das Glück, auf einem Molassebecken zu sitzen“, sagte er beim Spatenstich. In den Tiefen der Erde gebe es Wassertemperaturen von um die 80 bis 90 Grad im Norden des Landkreises, in Richtung Süden werde es immer heißer, bis zu 150 Grad. In Gräfelfing erwartet der technische Leiter Markus Schmelzer Temperaturen von etwa 90 bis 95 Grad. In anderen Landkreis-Kommunen wird die Geothermie bereits genutzt, etwa in Unterschleißheim, in Pullach und Sauerlach. In Sauerlach etwa werden laut Göbel bereits 56 Prozent der Haushalt über Geothermie mit Wärme versorgt.

Die Gemeinde hat genügend Geld, um die Kosten zu stemmen

Zur Finanzierung des Geothermie-Vorhabens kann sich die Gemeinde auf einen Zuschuss von 40 Prozent der Gesamtkosten, maximal 50 Millionen Euro, aus Bundesmitteln stützen. Den Rest muss sie selbst aufbringen. Die Gemeinde kann sich das leisten, sie gehört zu den wohlhabenderen in der ohnehin reichen Region München. Köstler geht zudem davon aus, das Projekt kostengünstiger umsetzen zu können als es bisher kalkuliert ist, wie er der SZ sagte.

Ende März oder Anfang April 2026 soll die erste Bohrung erfolgen, die etwa vier bis sechs Monate dauern wird. Bis in drei Kilometer Tiefe wird sich der Bohrer laut Schmelz langsam vorarbeiten. Dann erfolgt eine zweite Bohrung. Über das eine Erdloch wird das Wasser aus der Tiefe nach oben gepumpt, über das andere wieder zurück in die Erde geleitet. Bis die Wärme jedoch in Gräfelfinger Gebäuden ankommt, vergehen noch mehr als zwei Jahre. In dieser Zeit wird das Fernwärmenetz weiter ausgebaut. In der ersten Ausbaustufe werden Gebäude entlang der Würmtal- und Bahnhofstraße, der Rottenbucher Straße samt Schulcampus und der nördlichen Lochhamer Straße sowie das Gewerbegebiet von der Geothermie profitieren.

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