Gotan Project:Immer auf Kontraste aus

SZ: Dann gibt es noch die nordamerikanischen Einflüsse: New-Orleans-Jazz, Mississippi-Blues, Nashville-Country. Wie passt das zum Tango?

Müller: Das kommt von Philipe, der ist großer Country-Fan. Und wir sind ja immer auf Kontraste aus, die auf den ersten Blick nicht funktionieren können. Haben Sie die Filmmusik gehört, die ich mit Eduardo zu El Goucho gemacht habe? Das ist Roadmovie-Musik, basierend auf argentinischen Folklore-Rhythmen. Sie sehen: In Argentinien gibt es diese Westernseite.

SZ: Ja, Rinderherden und Cowboys.

Müller: Eben, die Gauchos. Die haben Rodeo! Da ist also eine Brücke. Auch nach New Orleans: Tango ist der Blues von Buenos Aires. Die schwarzen Musikwurzeln sind gemeinsame. Das erste Stück auf der Platte ist ein Funeral March.

SZ: Bei einem Interview mit Louis Stazo neulich in München ...

Müller: Aha, die alte Garde!

SZ: Ja, 80 Jahre alt. Als ich ihn fragte, was er von Electrotango halte, rümpfte er nur verächtlich die Nase!

Müller: Ach ja. Aber es gibt andere, die reagieren nicht so abfällig. Wie Gustavo Betelmann, der lange Piazzolla begleitete, er ist auch ein begnadeter Pianist und Komponist für zeitgenössische E-Musik - und voilà: Er hat gern mit uns zusammengearbeitet! Betelmann musste 1976 als Präsident der Musikergewerkschaft vor der Diktatur fliehen. Ich glaube, die Exilmusiker sind offener und haben eine andere Vision von Tango.

SZ: Ihre Musik wurde anfangs von einflussreichen Club-DJs wie Peter Kruder oder Gilles Petersen bekannt gemacht. Heute hört man sie meist nur auf speziellen Tango-Fusion-Partys.

Müller: Mit der Zeit waren wir weniger interessiert an Clubmusik. Und die DJs weniger an uns. Einen Moment lang war das zusammen: Club und Home-Listening. Das hat sich wieder getrennt. Die jetzige Clubmusik ist sehr interessant, aber die kann man fast nicht zu Hause hören. Ich denke an diese Karibik-inspirierten Sachen aus Südamerika, da geht die Post ab, das sind nur Drums, Drums, Drums. Und das zu Hause? Meine Frau macht da nicht mehr mit.

SZ: Warum lassen Sie Ihre neuen Stücke immer sofort von Remixern auf den Kopf stellen, von der Band Calexico oder den New Yorker Rappern des Anti Pop Consortium?

Müller: Da geht es um die Konfrontation. Speziell diesmal, bei DJ Poiries Remix von "La Gloria", da kommt die Dancefloor-Seite rein - das ist wirklich kein Tango mehr, sondern Clubmusik.

Gotan Project tritt heute um 20.30 Uhr in der Münchner Tonhalle auf. Einlass ist um 19.30 Uhr und der Eintritt kostet 38 Euro.

© SZ vom 21.05.2010/rs
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