Gleichstellung:Gesetz und Wirklichkeit

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Paare - Gemeinsames Girokonto

Frauen und Männer - und die Familienfreundlichkeit: In Behörden und Verwaltungen gibt es schon große Fortschritte. Aber im wissenschaftlichen Betrieb der Universität gibt es noch Nachholbedarf.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Frauenfeindliche Sprüche, starre Arbeitszeiten und Kollegen, die Geschlechterfragen für überflüssig halten. Trotz Fortschritten geht der Kampf um gleiche Chancen für Frauen und Männer weiter. Gleichstellungsbeauftragte von Behörden und Firmen im Landkreis berichten.

Von Daniela Bode, Neubiberg/Unterföhring

Irgendwann wollte es die Mitarbeiterin der Bundeswehruniversität in Neubiberg nicht mehr mit sich selbst ausmachen. Schon länger musste sie sich frauenfeindliche Sprüche und flapsige Witze von ihren männlichen Kollegen anhören. Gleichzeitig fühlte sie sich von der Führungskraft in ihrer Abteilung nicht unterstützt. Vor 30 Jahren wäre sie mit ihrem Problem noch ziemlich allein da gestanden. Nun konnte sie Pamela Koch um Hilfe bitten, die seit gut zwei Jahren Gleichstellungsbeauftragte an der Universität ist. "Der Schwerpunkt liegt noch immer bei der Frauenförderung", sagt Koch. Sie kämpfe stets auch darum, dass das Thema überhaupt erkannt werde.

An die Tatsache, dass eine Gleichberechtigung der Geschlechter in vielen Bereichen bis heute Wunschdenken ist, erinnert der Weltfrauentag an diesem Mittwoch, 8. März. In Garching greift die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen das in einem Diskussionsabend auf. Die Kunsthistorikerin und Autorin Karin Sagner zeigt in einer Lesung in Unterföhring, dass selbst das Spazierengehen für Frauen einst als unschicklich galt.

Dabei ist im Landkreis in den vergangenen 20 Jahren auch viel erreicht worden. An der Bundeswehruniversität gibt es seit 22 Jahren die Funktion des Gleichstellungsbeauftragten. 2001 war das einschlägige Bundesgleichstellungsgesetz als Nachfolger des Frauenfördergesetzes (1994) in Kraft getreten. Mit dem Bayerischen Gleichstellungsgesetz des Jahres 1996, das für den öffentlichen Dienst gilt, wurde im Landratsamt München ein Gleichstellungsbeauftragter installiert. Auch Kommunen im Landkreis haben solche Posten geschaffen, wobei sie nach dem Gesetz lediglich dazu angehalten, aber nicht verpflichtet sind. In vielen Firmen gibt es Ansprechpartner.

"Der größte Bereich sind Konflikte am Arbeitsplatz."

Wenn Gleichstellungsbeauftragte wie Pamela Koch an der Uni zur Hilfe gerufen werden, begeben sie sich oft auf vermintes Terrain. Sie müssen sich durchsetzen können, brauchen aber auch diplomatisches Geschick. Koch unterstützt einerseits die Universitätsleitung darin, die Vorgaben des Bundesgleichstellungsgesetztes umzusetzen. Dazu zählt beispielsweise, in Bereichen, in denen Frauen oder auch Männer unterrepräsentiert sind, ein Gleichgewicht herzustellen. Kochs zweite wichtige Aufgabe ist die Beratung von Mitarbeitern, etwa wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. "Der größte Bereich sind aber Konflikte am Arbeitsplatz", sagt sie. Zwei bis drei Anfragen in der Woche bekomme sie. Das meiste lasse sich in der Regel schnell lösen. "Oft reicht es schon, wenn sich die Mitarbeiter bei mir aussprechen können." Bei seelischen Problemen verweist Koch auch an die psychologische Beratungsstelle.

Teresa Howorka ist Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt. Für sie ist die Kommunikationsfähigkeit eine der Kernkompetenzen. Die Kunst bestehe darin, Schieflagen der Geschlechterverhältnisse aufzudecken und diese in der Praxis dann zu verändern. In einem so genannten Gleichstellungskonzept wird am Landratsamt etwa betrachtet, wie sich die Verteilung von Frauen und Männern in Führungspositionen darstellt. Die Soziologin berät Mitarbeiter zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ebenso konzipiert sie Projekte wie Fortbildungen für Führungskräfte, um sie für Gleichstellungsthemen zu sensibilisieren. Sie hat als kommunale Gleichstellungsbeauftragte auch den externen Auftrag, die Kommunen im Landkreis und ihre Bürger zu beraten. Kommendes Jahr will sie ein Netzwerktreffen der Gemeinden organisieren, bei dem diese sich über ihre Erfahrungen austauschen.

In den Kommunen sind die Strukturen unterschiedlich. So haben größere Gemeinden wie Neubiberg, Ismaning und Unterschleißheim Gleichstellungsbeauftragte benannt. Es sind in der Regel Mitarbeiter der Verwaltung, die zusätzlich dieses Aufgabengebiet betreuen. In Neubiberg ist Marina Prüller, in der Gemeindeverwaltung zuständig für Öffentlichkeitsarbeit, die Gleichstellungsbeauftragte, ihre Vertreterin die Kulturamtsleiterin Andrea Braun. In Unterschleißheim sind die Stadträtinnen Antje Kolbe (SPD) und Lorena Allwein (CSU) benannt worden.

Im Amt für Soziales der Stadt sitzt eine Mitarbeiterin, die dort Ansprechpartnerin für die beiden ist. In Ismaning bekleidet die kaufmännische Leiterin der Gemeindewerke zusätzlich das Amt. Genauso gibt es kleinere Gemeinden wie Straßlach-Dingharting, die keinen Gleichstellungsbeauftragten und sich auch mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt haben, "da wir mit Verwaltung, Kindergarten und Bauhof nur 50 Mitarbeiter beschäftigen", sagt Geschäftsleiter Franz Gröbmair. Gäbe es Anliegen in dem Bereich, würde sich der Personalrat mit darum kümmern, sagt er.

Die Frage der Gleichberechtigung wird im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) auch in den Firmen thematisiert. "Eine rechtliche Verpflichtung für die Privatwirtschaft, einen Gleichstellungsbeauftragten zu benennen oder einzustellen, gibt es nicht", sagt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. So ist bei der Airbus Group am Standort Ottobrunn/Taufkirchen eine Mitarbeiterin im Personalbereich Beschwerdestelle nach dem AGG, an die sich Mitarbeiter wenden können, wenn sie sich benachteiligt fühlen. Veranstaltungen zum Thema Frauenförderung und Gleichstellung setzt derweil die Leiterin der Abteilung Diversity (Vielfalt) und Inclusion um.

Nachholbedarf bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Auch bei der Allianz am Standort Unterföhring treibt die Leiterin des Bereichs Diversity und Arbeitsbedingungen, Cornelia Schmidt, Themen wie flexible Arbeitszeiten und Frauenförderung voran. So gibt es etwa eine Stellengarantie für Frauen, wenn sie sechs Monate nach der Geburt des Kindes zurückkehren. "Früher lag die Zahl derer, die auf die Stelle zurückkamen, bei 40 Prozent, heute liegt sie bei 90 Prozent", sagt Schmidt. Ebenso gibt es ein Training für Führungskräfte, um unbewussten Stereotypen und Vorurteilen entgegenzuwirken.

Das Thema Gleichberechtigung ist also präsent, dennoch gibt es noch viel Handlungsbedarf. Zumal es laut Koch und Howorka auch immer noch belächelt und von einigen als überflüssig angesehen wird. Koch sagt, dass der öffentliche Dienst flexible Arbeitszeiten biete und Teilzeitmodelle jedenfalls in der Verwaltung der Universität unproblematisch möglich seien. Im wissenschaftlichen Betrieb, der noch männerdominiert sei, sieht sie hingegen Nachholbedarf bei der Familienfreundlichkeit. "Das Selbstverständnis ist hier noch nicht gegeben", sagt sie. Howorka verweist auf die bereits flexiblen Arbeitszeiten im Landratsamt und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. "Eine verbesserte Vereinbarkeit wird bereits angestrebt, es bleibt aber weiterhin Ziel, strukturelle Hürden abzubauen", sagt sie.

Bei dem Treffen mit den Gemeinden kommendes Jahr will sie auch das Thema "gender budgeting" zur Diskussion stellen. Dabei geht es um die Überprüfung der öffentlichen Haushalte, inwieweit öffentliche Gelder den Interessen und Bedürfnissen von Frauen und Männern zugute kommen. Andrea Braun aus Neubiberg sieht noch Nachholbedarf bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Immer wieder erlebe sie Kommentare zu Bewerberinnen, sie wegen einer möglicherweise bald eintretenden Schwangerschaft lieber nicht einzustellen. "Da muss ich einschreiten", sagt sie.

Für die Mitarbeiterin an der Bundeswehruniversität ging indes alles gut aus. Parallel bat auch die Führungskraft Koch um Rat. "Wir haben dann gemeinsam eine gute Lösung gefunden", sagt Koch. Sie setzten sich zu dritt an einen Tisch. Die Mitarbeiterin bekam so das Gefühl, ernst genommen zu werden mit ihrem Anliegen. Zudem führte die Abteilungsleiterin einen jour fixe ein, bei dem die Mitarbeiter regelmäßig ihre Anliegen vorbringen konnten.

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