Süddeutsche Zeitung

IHK zu Gewerbeflächen:Firmen fürchten um ihre Zukunft

Lesezeit: 3 min

Der IHK-Regionalausschuss warnt vor einer Deckelung beim Flächenverbrauch und beklagt fehlende Angebote im Landkreis München. Dieser sei eh schon grün, weil 80 Prozent der Flächen Natur oder Felder sind.

Von Sophie Kobel, Kirchheim

Es wird eng im Landkreis. Und die Unternehmer schlagen Alarm.

Sie befürchten falsche Weichenstellungen angesichts der aktuell laufenden Debatte über Flächenfraß und dem von Naturschützern und Grünen erfolgreich betriebenen Volksbegehren unter dem Titel "Betonflut eindämmen - damit Bayern Heimat bleibt". Der Sprecher des IHK-Regionalausschusses, Christoph Leicher, warnte am Dienstag in einer Presserunde in Kirchheim vor den Folgen einer Deckelung beim Flächenverbrauch. Schon jetzt sei die Lage schwierig für Betriebe.

Leicher beklagt gerade im boomenden Landkreis München einen verzerrten Blick auf die Wirklichkeit. In seinen Augen gibt es mehr als Autobahnen, Bundesstraßen, verdichtete Wohngebiete und Gewerbeflächen. "Unser Landkreis ist grün", sagt Leicher und verweist auf Zahlen des Statistischen Landesamts. Demnach seien knapp 80 Prozent der Flächen entweder Natur oder würden landwirtschaftlich genutzt, sagte er. Industrie, Gewerbe, Handel und Dienstleistungen beanspruchten Ende 2016 zusammen 2,3 Prozent. Von einem "Flächenfraß" könne nicht die Rede sein, sagte er. Die Unternehmen gingen sorgsam mit Flächen um. Die Produktivität je Hektar sei sogar gestiegen, sagte Leicher.

Längst ist mit dem Mangel an Fachkräften die knappe Ressource freier Flächen für Unternehmen zu einem Wachstumshemmnis geworden. Im Landkreis München gehen langsam die Flächen aus, auf denen Kommunen in ihrer Bauleitplanung Gewerbegebiete vorsehen. Zwischen 2011 und 2016 ist laut IHK das sofortige Ansiedlungspotential - also Erwerb und Baurecht binnen einen Jahres - um 28,6 Prozent gesunken. Aktuell seien in Gemeinden nur noch sechs nicht bebaute, allenfalls teilerschlossene Gewerbegebiete vorhanden. Leicher warnte davor, die Bedürfnisse von Wohnen, Gewerbe, Verkehr und Freizeit gegeneinander in Konkurrenz zu bringen.

Flächen dürften nicht künstlich verknappt werden. Leicher nannte als Beispiel die Flächengemeinde Aying, ohne näher darauf einzugehen. Dort wehrt sich im Ortsteil Großhelfendorf eine Bürgerinitiative dagegen, dass ein Mischgebiet ausgewiesen wird, in dem Betriebe sich ansiedeln.

Es gibt genügend Platz für alle

Aus Leichers Sicht ist genug Platz für alle, wenn verantwortlich mit Flächen umgegangen wird. Die Unternehmer seien da ein gutes Beispiel, sagte er. "Denn obwohl die Wirtschaftsleistung und die Zahl der Beschäftigten konstant zugenommen haben, hat sich der Anteil von Gewerbe und Industrieflächen an der Gebietsfläche zwischen 2011 und 2015 sogar leicht verringert." Als vorbildlich bezeichnete Leicher die Bemühungen der Gemeinde Kirchheim, die seit 2014 den Leerstand in Gewerbebauten um 40 000 Quadratmeter reduziert habe. Das Bauen auf der grünen Wiese dürfe "nicht der Königsweg" sein, sagte er. "Vielmehr müssen auch die Wiederbelebung von Brachflächen und Verdichtungspotenzial geprüft werden."

Vorrangig fordert die IHK, aktives Flächenmanagement in den Rathäusern zu etablieren. Das leisteten sich jedoch kleine Kommunen kaum, bedauerte Leicher. Dabei sei es so wichtig, flächeneffizient zu arbeiten und sich dabei sowohl am Angebot als auch am voraussichtlichen Bedarf zu orientieren. Flächenmanagement, das bedeutet für die IHK, vor allem auch innerorts die Möglichkeiten auszuschöpfen. Beispielsweise sollte man schauen, wo Gebäude anders genutzt werden könnten. Baulücken sollten geschlossen werden und brach liegende Flächen belebt werden.

Zudem sprach sich der Vertreter der Unternehmer im Landkreis dafür aus, bei vorhandenen oder geplanten Bebauungsplänen das Baurecht zu erhöhen. So könnten zusätzliche Geschosse eingeplant werden. Die Abschaffung von Mindestgrößen für Grundstücke in Wohngebieten würde zu einer höheren Bewohnerdichte führen. Außerdem forderte Leicher Schritte gegen den Hang von Grundstückseigentümern, Flächen in spekulativer Absicht zurückzuhalten. Das Instrument des "Baugebots" müsse stärker eingesetzt werden.

Interkommunale Zusammenarbeit

Die IHK setzt Hoffnung auf die Planungshoheit der Rathäuser. Eine gute Sache wären "interkommunale Kooperationen", sagte Leicher. "Kommunen dürfen sich nicht länger als ,Inseln' betrachten, sondern müssen gemeinsam mit den Nachbargemeinden in Funktionsräumen denken. Kirchturmdenken hilft niemandem." So könnten "gemeinsame Flächennutzungspläne" entwickelt werden.

Ein regional abgestimmtes Infrastruktur- und Standortmanagement und Verbundlösungen bei der Suche nach Ausgleichsflächen könnten helfen. Unternehmen abwandern zu lassen, ist für die IHK keine Option. "80 Prozent der Betriebe auf Suche nach neuen Standorten sind bestehende, lokale Unternehmen, die wachsen möchten."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3886762
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 01.03.2018/belo
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.