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Geschichte:Vom Kumpf bis zur Kleiderfabrik

Ortschronist Wolfgang Christoph erzählt in einer Ausstellung die Geschichte der Unterschleißheimer Hauptstraße. Dabei zeigt er auch ein Gefäß aus der Bronzezeit, das er selbst vor Baggern gerettet hat

Von Gudrun Passarge, Unterschleißheim

Vermutlich können nicht viele Menschen mit einem Kumpf im Haus aufwarten. Wolfgang Christoph kann. Der Unterschleißheimer Ortschronist und Hobbyarchäologe hatte die Scherben aus der Bronzezeit bei einer privaten Suche in allerletzter Minute aus dem Boden gezogen, bevor die Bagger auf dem Grundstück westlich der Landshuter Straße vollendete Tatsachen schufen und die Zeugnisse der Vergangenheit unter Gewerbegebäuden verborgen blieben. Das war in den Neunzigerjahren. Dieser Kumpf, ein großes Aufbewahrungsgefäß, wird eines der Stücke in Christophs neuestem Projekt sein, der Ausstellung "Die Hauptstraße in Unterschleißheim". Sie wird den geschichtlichen Bogen von der Bronzezeit um circa 1400 vor Christus bis heute spannen.

Die Geschichte des Kumpfs ist durchaus spannend. Christoph erzählt, wie er seinerzeit angerufen wurde, weil die Bagger schon auf dem Grundstück rollten - ungefähr da, wo heute Business Campus und Koryfeum aneinandergrenzen, sagt der 88-Jährige. Er ist sofort losgefahren und bat die Baggerfahrer, eine kurze Pause zu machen, damit er den Boden untersuchen konnte. "Ich allein gegen drei Bagger", erinnert er sich an die Situation. Einer von ihnen hatte nur eine Frage: "Sind Sie von den Grünen?" Nachdem der damalige CSU-Stadatrat das verneinte, machte er sich an die Arbeit und wurde sogleich fündig.

Die Scherben hielt er zunächst für Überreste der Urnenfelderzeit um 1100 vor Christus. So wurden sie auch in einer Ausstellung in Unterschleißheim präsentiert, wie Christoph erzählt. Erst später, als er sie dem Archäologie-Professor Karl-Heinz Rieder vorlegte, kam das wirkliche Alter heraus. "Er sagte auf Anhieb: Da bringst du mir ja Bronzezeitscherben." Da im Heimatmuseum kein Platz für die Relikte waren, lagerte sie Christoph in seinem Keller. Sie tauchten erst wieder nach einem Rohrbruch in seinem Bewusstsein auf. Danach gab er sie einem Fachmann, der aus den Scherben den Kumpf rekonstruierte.

Die alte Postkarte zeigt die Hauptstraße in Unterschleißheim mit der Kirche St. Ulrich. Die Ausstellung wird die geschichtliche Entwicklung beleuchten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Christoph wundert es nicht, dass 2019 bei der archäologischen Untersuchung der Koryfeum-Baustelle, also ganz in der Nähe von seinem Fundort, wieder Relikte aus der früheren Siedlungsgeschichte Unterschleißheims entdeckt wurden. So haben die Archäologen der Ausgrabungsfirma Planateam dort den bisher ältesten nachrömischen Brunnen der Stadt ausgegraben. Er ist in Schlitzpfostentechnik gebaut und stammt aus der Zeit um 511 nach Christus. Das haben dendrologische Untersuchungen, also Untersuchungen der Baumringe, und Radiocarbon-Tests ergeben, wie der Archäologe Ulrich Schlitzer berichtet. Insgesamt hat das Team drei Brunnen - der letzte wurde etwa noch im zehnten Jahrhundert nach Christus genutzt - und 28 Hausgrundrisse gefunden. Darunter auch solche von sogenannten Grubenhäusern, die tiefer in die Erde gegraben waren. "Sie sind sehr oft für die Textilverarbeitung genutzt worden", erläutert Schlitzer. Denn in Grubenhäusern war es feuchter, die Kettfäden blieben dabei geschmeidiger.

Die Funde stammen nach Angaben des Archäologen aus einer Übergangsphase. Es herrschten damals die Ostgoten, Mitte des sechsten Jahrhunderts begannen die verschiedenen Zweige der Bajuwaren sich zu einem Stamm zu formieren. Gräber wurden auf dem Koryfeum-Areal keine entdeckt, obwohl Bestattungen normalerweise nahe an der Besiedlung erfolgten, wie Schlitzer sagt. Vielleicht seien die Begräbnisstätten im Laufe der Jahrhunderte zerstört worden, vielleicht finde man noch etwas bei anderen Grabungen.

In Christophs Ausstellung werden die neuen Funde auf jeden Fall auch gewürdigt. Der virtuelle geschichtliche Spaziergang soll bei der ehemaligen Kapuzinerklause des Herzogs Wilhelm des Frommen (um 1600) beginnen, führt dann an der Hauptstraße in Unterschleißheim entlang und wieder zurück nach Mittenheim zum ehemaligen Franziskanerkloster, dessen Grundstein Kurfürst Max Emmanuel 1716 legte.

Christoph wird auf die Entwicklung eingehen, von einer bronzezeitlichen Ansiedlung, über hallstattzeitliche, keltische und germanisch-bajuwarische Funde bis zur Neuzeit. Wer im Geiste mitwandert, erfährt beispielsweise, dass Unterschleißheim in dem 1913 errichteten Pumpenhaus die damals modernste elektrische Pumpe besaß. Sie versorgte den alten Ortskern mit Wasser, war jedoch wohl nicht ganz so effektiv, denn Christoph berichtet von einem Wasserverlust um die 80 Prozent, weshalb sie später erneuert wurde. Interessant auch, dass diese Pumpe jeden Morgen um 5 Uhr angeschaltet wurde, von dem gegenüber wohnenden Limonadenfabrikanten Josef Drexler. Abends um 23 Uhr hat er sie wieder abgeschaltet.

Der Kumpf, der in der Ausstellung gezeigt wird, wurde aus den Scherben rekonstruiert, die Wolfgang Christoph gefunden hat.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Ortschronist hat viele alte Fotografien zusammengetragen. Dazu erzählt er die Geschichten der Bauernhöfe und kleinen Häuschen. Viele der früheren Bauernhöfe gab es bereits seit dem 15. oder 16. Jahrhundert, wenn auch mit wechselnden Besitzern. Auch dort, wo früher die alte Schule stand, führt der Weg vorbei, sie wurde 1860 "unter großem wirtschaftlichem Einsatz von Bürgermeister Jakob Ullmann und den Bauern errichtet", wie Christoph im Begleitheft zur Ausstellung schreibt. Um das Geld aufzutreiben, haben die Unterschleißheimer eine eigene Biersteuer erfunden, so der Ortschronist. Diese mussten die Wirte erheben und abführen, damit die Darlehen bezahlt werden konnten.

In Reih und Glied stehen und sitzen sie da, Schüler im Jahr 1920, mit dem Pfarrer rechts und dem Lehrer links: Christoph hat auch Fotos der Jahrgänge 1937 und 1950, muntere junge Gesichter, teils skeptisch dreinblickend, viele in Lederhosen, viele barfuß. Die letztgenannten gingen schon in die sogenannte Neue Schule, die 1931 errichtet wurde. Daneben eröffnete in den Sechzigerjahren eine Kleiderfabrik, die die ersten türkischen Gastarbeiter im Ort beschäftigte, wie Christoph schreibt. Es gäbe noch viel zu berichten und Christoph, ein Quell an Wissen, nicht nur was Ortsgeschichte anbelangt, wird in seiner launigen Art die Besucher bei einer Führung sicherlich fesseln und so manches Mal überraschen.

Die Ausstellung "Die Hauptstraße in Unterschleißheim" hat Wolfgang Christoph mit finanzieller Unterstützung der Raiffeisenbank umgesetzt. Sie findet in der Galerie der Bank, Bezirksstraße 46 statt. Falls Corona ihm keinen Strich durch die Rechnung macht, so Christoph, startet sie am 25. Oktober.

© SZ vom 04.09.2020

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