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Pullach:Geothermie-Branche strebt ans Licht

Grünwald, Laufzorn, Geothermie Laufzorn, Foto: Angelika Bardehle

Die Geothermie - hier die Anlage in Laufzorn - soll mehr beachtet werden.

(Foto: Angelika Bardehle)

Unternehmen im Landkreis stoßen Kampagne an, damit Politik und Forschung das Potenzial der Erdwärme erkennen.

Von Michael Morosow, Pullach

Die Feststellung "Vor der Harke des Bergmanns ist es finster" hatte lange auch in der Geothermiebranche ihre Richtigkeit, bis es vor wenigen Jahren gelang, mithilfe der neuentwickelten 3-D-Technik mehr als nur eine Ahnung von den geologischen Gegebenheiten tief unter der Erdoberfläche zu bekommen. Durch diese technische Innovation mag sich der Untergrund aufgehellt haben, die Geothermiebranche selbst aber steht weiterhin im Schatten anderer regenerativer Energiequellen wie Wind- und Sonnenenergie, Biomasse und Wasserkraft, zumindest was ihren Stellenwert in der Klima- und Energiepolitik der Bundesregierung anbelangt.

Mit diesem Nischendasein soll nun ein für alle Mal Schluss sein. Die deutsche Geothermiebranche will ans Licht treten, will endlich gesehen werden - nicht zuletzt von den Entscheidern in Berlin, die Fördergelder für den Ausbau erneuerbarer Energien verteilen. Die Keimzelle dieses Aufbegehrens liegt dabei im Landkreis München, namentlich in Grünwald, Pullach und Unterhaching. Von den Geschäftsführern der dort ansässigen Geothermie-Unternehmen sowie von den Stadtwerken München ist jedenfalls der Erstimpuls zur Gründung der deutschlandweiten Initiative "Wärmewende durch Geothermie" gekommen, zu der sich inzwischen 20 Unternehmen, Verbände und Forschungsinstitutionen zusammengeschlossen haben, darunter auch der Bundesverband Geothermie, dessen Vorsitzender der einstige Unterhachinger Bürgermeister und Geothermiepionier Erwin Knapek ist.

Ziel ist eine "nachhaltig angelegte deutschlandweite Kampagne gegenüber der Landes- und Bundespolitik, Städten, Landkreisen und Kommunen, Stadtwerken, Multiplikatoren der Energiebranche und Unternehmen aus Industrie- und Finanzbranche", wie es in einer gemeinsamen Presseerklärung der Mitglieder heißt. Am Donnerstag haben sie sich in der Waldwirtschaft in Pullach zu einer weiteren Besprechung getroffen. Diese konzentrierte Lobbyarbeit soll helfen, faire Rahmenbedingungen zu schaffen, insbesondere auf Ebene der Förderung von Geothermieprojekten und Wärmenetzen und der Unterstützung durch Wissenschaft und Forschung. "Ein ebenes Spielfeld muss her", sagt Helmut Mangold, Geschäftsführer der Pullacher Geothermiegesellschaft IEP. Bisher sei es so, dass sie selbst den Ball nach oben spielen müssten, die anderen, vor allem die Erdgas-Unternehmen, den Ball nach unten spielen könnten.

Nach Mangolds Überzeugung kommt die Geothermie nicht voran, weil Gas gefördert wird und somit billiger ist als Erdwärme. Er glaubt, dass das große Potenzial der Geothermie in Berlin niemand auf dem Schirm habe. Kaum jemand wisse, dass diese Energietechnik grundlastfähig sei und das Zeug für eine abdeckende Versorgung habe. Nicht einmal den Wirtschaftsweisen sei das Potenzial bewusst. Nach Darstellung von Erwin Knapek gehen außerdem viele fälschlicherweise davon aus, dass die Vorkommen heißen Tiefenwassers auf Bayern begrenzt seien, weil hier die meisten Anlagen stehen.

Dieses breite Unwissen sei der Grund dafür gewesen, mit der deutschlandweiten Initiative in die Offensive zu gehen, sagt Mangold, der mit am Tisch saß, als erste Gespräche dazu im Frühjahr 2019 in einem kleineren Kreis in Grünwald geführt wurden. Das sei eine Initialzündung gewesen, erinnert sich Andreas Lederle, Geschäftsführer der Erdwärme Grünwald und der Geothermie Unterhaching Produktions GmbH & Co. KG. Kurz darauf seien die Geschäftsführer der drei Geothermieunternehmen im Süden des Landkreises bei Hubert Aiwanger vorstellig geworden und hätten dem bayerischen Wirtschaftsminister einen Entwurf präsentiert. Zwei Stunden habe das Gespräch gedauert, an dem auch Ministerin Kerstin Schreyer teilgenommen habe. "Der Aiwanger steht zur Geothermie, er hat das erste bekennende Signal gesetzt", sagt Lederle, dem Aiwanger im Herbst 2019 die Auszeichnung "Goldenes Kraftwerk" für die Erfolgsgeschichte der Grünwalder Geothermie überreicht hat.

Jetzt aber streckt man die Hand nach mehr aus, will mit staatlicher Hilfe vor allem den Ausbau von geothermisch gespeisten Fernwärmenetzen beschleunigen. Und endlich aus dem Schatten von Gas, Wind und Wasser heraustreten. Seit Mittwoch ist die Website: www.waermewende-durch-geothermie.de" freigeschaltet, am Donnerstag gingen 2000 Briefe an Bundes- und Landesministerien, Instituten und Unternehmen aus Industrie- und Finanzbranche raus.

© SZ vom 17.07.2020/hilb

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