Erneuerbare Energie:Die EU gräbt der Geothermie das Wasser ab

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Erneuerbare Energie: Im Landkreis München stehen 13 der 42 Geothermie-Anlagen in Deutschland. Das Foto zeigt die in Kirchstockach.

Im Landkreis München stehen 13 der 42 Geothermie-Anlagen in Deutschland. Das Foto zeigt die in Kirchstockach.

(Foto: Claus Schunk)

Betreiber von Erdwärme-Anlagen im Landkreis München sind wütend über die Einstufung von Atomkraft und Erdgas als nachhaltig. In Pullach sieht man dadurch sogar die eigenen Ausbaupläne gefährdet.

Von Michael Morosow, Pullach/Unterschleißheim

Die Freude über die Aufnahme der Tiefenwärme in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung war kaum verklungen, als die kalte Dusche folgte. Die wohl kaum noch abwendbare Einstufung von Atomenergie und Erdgas als nachhaltige Energieform durch die EU wirft nach Überzeugung von Geothermiebetreibern die Branche wieder ein großes Stück zurück. Der langjährige Vorsitzende des Bundesverbandes Geothermie, Erwin Knapek, spricht offen von einer "Verarschung", der Geschäftsführer der Pullacher Geothermiegesellschaft, Helmut Mangold, befürchtet durch die Taxonomie bremsende Auswirkungen auf die gemeinsamen Pläne seiner IEP mit den Stadtwerken München (SWM) zur Erweiterung der Geothermieanlagen im Süden Pullachs. Es herrscht Alarmstimmung im Landkreis München, wo allein 13 von derzeit 42 geothermischen Anlagen im Bundesgebiet stehen.

"Diese Impertinenz der internationalen Öl- und Gaswirtschaft, der Menschheit alle neuen Infrastrukturen für Erdgas als Hydrogen-ready zu verkaufen, ist kaum auszuhalten. Sie wissen genau, dass sie lügen und dass nicht technisch bewanderte Politiker auf so etwas hereinfallen" - der Ärger über den Erfolg der Gas- und Atomlobby ist Erwin Knapek deutlich anzumerken. Seit 2013 sei die Elektrolyse als völlig ineffizient bekämpft und durch Abgaben auf den Elektrolysestrom verteuert worden, "und dann entdeckt diese Öl- und Gaswirtschaft, dass man mit dem Hinweis auf das Beste von morgen das Schlechte von gestern weitermachen sollte". Wasserstoff sei eine Nische für sehr ausgewählte Verfahren wie bei der Stahlproduktion oder Langstreckenmobilität, aber nicht für Kraftwerke, die Strom erzeugen sollen. "Hier kann man nur noch sagen: Verarschen können wir uns alle selber, da brauchen wir nicht die Öl- und Gaswirtschaft dazu."

Erneuerbare Energie: Der frühere Unterhachinger Bürgermeister Erwin Knapek war bis 2021 Vorsitzender des Bundesverbandes Geothermie.

Der frühere Unterhachinger Bürgermeister Erwin Knapek war bis 2021 Vorsitzender des Bundesverbandes Geothermie.

(Foto: Claus Schunk)

Das liebe Geld, um das es gehe, brauche strenge, einheitliche Regeln. Diese sollte die Taxonomie liefern, statt Greenwashing zu ermöglichen, sagt der Pullacher Helmut Mangold und erklärt die Auswirkungen auf das geothermische Geschäft, die der Laie auf den ersten Blick nicht erkennen kann. Fast alle großen Konzerne, Fonds und viele Verbraucher selbst verlangten, dass ihre Mittel nach sogenannten Corporate-Social-Responsibility-Richtlinien investiert werden. Und hier komme die EU-Taxonomie ins Spiel: Täglich müssten in Europa Milliardenbeträge an Versicherungsprämien, Altersvorsorgen und andere Liquidität neu veranlagt werden.

"Mit dieser Politik wird Europa zu einer Bad Bank von antiquierten und erwiesenermaßen schädlichen Technologien"

Fallen französische Atomkraftwerke und deutsche Gaskraftwerke nicht in die EU-Nachhaltigkeitskategorie, dürften große Kapitalanleger nicht in solche Unternehmen investieren. Die Expansion solcher Unternehmen wäre stark verteuert oder gar gestoppt. Weil aber der Ausbau der erneuerbaren Energie in den vergangenen 15 Jahren "verschnarcht" worden sei, so Mangold, stecke die Politik in einer Zwickmühle. Deshalb wiederum hänge sie Gas und Atom ein grünes Mäntelchen um, damit diese Anlagen in Frankreich und Deutschland günstig finanziert werden dürfen. "Mit dieser Politik wird Europa zu einer Bad Bank von antiquierten und erwiesenermaßen schädlichen Technologien und verschläft Zukunftstechnologien", kritisiert der Geschäftsführer der Pullacher Geothermiegesellschaft.

Konkret treibt ihn die Sorge um, dass sich wegen der subventionierten Erdgaskonkurrenz die Investition in den Ausbau der Geothermie im Süden Pullachs für die Stadtwerke München nicht mehr rechnet und sich das Joint Venture auf Jahre verzögern könnte, wenn die Bundesregierung nicht mit Programmen zur "echten" Wärmewende gegensteuere. Dabei geht es um sehr viel Geld. SWM und IEP wollen bis 2026 die größte Geothermieanlage Deutschlands errichten und rechnen mit Investitionen in Höhe von bis zu 150 Millionen Euro.

Die Stadtwerke München betreiben bereits drei Geothermieanlagen im Landkreis München, in Kirchstockach, Dürrnhaar und Sauerlach, und stecken außerdem mitten in Verhandlungen mit der Gemeinde Grünwald, die einen großen Claim besitzt, über einen ähnlichen Kraftakt wie in Pullach. Andreas Lederle, der Geschäftsführer der Erdwärme Grünwald GmbH, hat nach eigenen Worten zwar auch den Kopf geschüttelt, als er von den EU-Plänen hörte. Auf die Entwicklung der Kooperation seiner Gemeinde mit den SWM hat die Taxonomie seiner Meinung aber keine Auswirkungen. "Unsere Gespräche laufen gut", berichtet er.

Relativ gelassen reagiert Thomas Stockerl, der Vorstand der städtischen Projektgesellschaft Geothermie Unterschleißheim (GTU), auf die EU-Vorhaben. Auch er hält es für ein völlig falsches Signal, das nicht in die Landschaft passe. Negative Auswirkungen für die Zukunft der städtischen Geothermie befürchte er aber nicht. Die Nachfrage nach Fernwärme steige. "Wir können gar nicht alle Gebäude versorgen, so viel Geothermie haben wir nicht", sagt Stockerl.

Dass Gas-Kraftwerke unter bestimmten Umständen als nachhaltig eingestuft werden sollen, ist aus seiner Sicht selbst unter den bisher bekannten, strengen Kriterien fragwürdig, sagt Willie Stiehler, der Geschäftsführer der Energieagentur Ebersberg-München. Der Vorstoß der EU konterkariere den deutschen Atomausstieg, der als richtungsweisende, sinnvolle Entscheidung nicht rückgängig gemacht werden sollte. Atomstrom sei nur solange eine günstige Energiequelle, wie die Kosten für die Endlagerung nicht einkalkuliert werden. "Bereits heute zahlen wir alle für die Folgekosten des Braun- und Steinkohlebergbaus, die nicht ohne Grund auch als Ewigkeitskosten bezeichnet werden. Das sollte uns viel häufiger eine Lehre sein", sagt Stiehler.

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