Gemeindliches Altenheim Reizgas-Attacke überschattet Betriebsratswahl

In dem Seniorenheim "Wohnen am Schlossanger" in Höhenkirchen-Siegertsbrunn ist das Betriebsklima offensichtlich vergiftet.

(Foto: Angelika Bardehle)

Mitarbeiter des Altenheims am Schlossanger in Höhenkirchen beklagen systematische Behinderungen durch den Betreiber und Übergriffe von Unbekannten. Die Heimleiterin weist die Vorwürfe zurück und distanziert sich.

Von Bernhard Lohr

Das Ringen um die Gründung eines Betriebsrats vergiftet im Seniorenzentrum "Wohnen am Schlossanger" in Höhenkirchen-Siegertsbrunn das Klima. Die Gewerkschaft Verdi wirft der Heimleitung vor, die Belegschaft systematisch in ihren Bestrebungen zu behindern. Die Heimleitung weist den Vorwurf zurück. Die verfahrene Situation überschatten zudem Übergriffe auf Mitglieder des Wahlvorstands, der für die Betriebsratswahl eingerichtet wurde. Das Auto einer Altenpflegerin wurde beschmiert, ebenso die Briefkästen zweier Pfleger. Einer wurde zudem nach eigener Aussage am Sonntag von einem Maskierten mit Pfefferspray attackiert.

Robert Strobl, der als treibende Kraft hinter der Betriebsratswahl gilt, hat den Angriff nach eigenen Worten mit einem Schlag mit seiner Hand abgewehrt und dem Täter selbst einen Schlag verpasst. Er sei am Auge verletzt worden und habe im Klinikum rechts der Isar behandelt werden müssen.

Ob die Angriffe mit dem aufgeheizten Konflikt zu tun haben, ist offen. Die Polizei jedenfalls ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung. Strobl selbst ist vom Zusammenhang mit seinem Engagement im Seniorenheim überzeugt. Auch Verdi-Gewerkschaftssekretär Christian Reischl ist der Ansicht: "Das war kein Zufall." Heimleiterin Irmgard Kaleve nennt eine Verbindung "schwer vorstellbar". Sie sei betroffen und unterstütze die Polizei bei ihren Ermittlungen.

Solchen Beistand haben die Mitarbeiter, die den Betriebsrat einrichten wollen, nach Schilderung mehrerer Beteiligter vermisst. Unbestritten ist, dass Altenpfleger Robert Strobl, kaum dass er als Wahlvorstand für eine anstehende Betriebsratswahl bestellt war, Ende Oktober fristlos gekündigt wurde. Heimleiterin Kaleve begründet das rückblickend mit dessen mangelhafter Arbeit und mit Klagen von Bewohnern über den Mitarbeiter. Sie müsse ihre Hausbewohner schützen, sagt sie.

Die Bürgermeisterin nennt den Angriff "grenzwertig"

Strobl sieht sich dagegen bewusst diskreditiert und beklagt, die Heimleitung wolle einen Betriebsrat verhindern. Diese Ansicht teilt seine Kollegin Doris Fassio, deren Auto in der Tiefgarage mit einem obszönen Wort beschmiert wurde. Sie erinnert sich an eine Mitarbeiterversammlung, bei der die Heimleiterin auf eine Frage, was sie gegen einen Betriebsrat habe, öffentlich gesagt haben soll: "Weil ich keinen will." Altenpfleger Thomas Scheck bekräftigt, das so auch schon gehört zu haben.

Auch wurde Fassio zufolge zuletzt versucht, Mitarbeitern im Haus das Ansinnen auszureden. Dass es Wochen dauerte, bis die Heimleitung dem Wahlvorstand Schreibmaterialien und einen Raum zur Verfügung stellte, in dem er sich treffen kann, bezeichnen Strobl, Fassio, Scheck und Reischl als Hinhaltetaktik. Die Heimleitung wiederum sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. "Das stimmt nicht, wirklich nicht", sagt Kaleve, die seit vielen Jahren das Haus führt. Sie habe versucht, die teils extrem knapp gesetzten Fristen zu erfüllen.

Dass in dem Seniorenheim mit seinen 72 Plätzen so erbittert miteinander gerungen wird, ist für die Beteiligten selbst schwer zu verstehen. Doris Fassio fing als 450-Euro-Kraft an und fand Gefallen an der Tätigkeit. Sie bildete sich zur Palliativ-Fachkraft weiter und sagt: "Das war mal das beste Haus in der Umgebung." Dass es das nicht mehr sein soll, führt sie weniger auf Interna zurück. Die Bewohner würden vielmehr älter und kränker, damit verdichte sich die Arbeit. Strobl bemängelt eine oft als ungerecht empfundene, willkürliche Bezahlung. Wegen des Fachkräftemangels musste das Haus 2018 teure Mitarbeiter über Zeitarbeitsfirmen engagieren. Die Gemeinde, die alleiniger Gesellschafter der Betreiber-GmbH ist, stockte den Defizitausgleich zuletzt auf 330 000 Euro auf.

Die Forderung nach einem Betriebsrat wird von einem Großteil der Mitarbeiter getragen. 20 von 74 Beschäftigten stehen auf drei Wahllisten, aus allen Bereichen des Hauses: aus der Pflege, der Verwaltung und der Küche. Die Wahl ist für 4. Februar anberaumt und wird - wie alle Seiten trotz der Querelen beteuern - selbstverständlich stattfinden.

Etwas anderes ist aus Sicht von Gewerkschaftssekretär Reischl für ein kommunales Haus gar nicht vorstellbar. Bürgermeisterin Ursula Mayer (CSU) zeigt sich demonstrativ gelassen: "Da wird nächste Woche gewählt, dann haben die einen Betriebsrat. Das ist eine vollkommen normale Sache." Dass ein Wahlvorstand angegriffen wurde, hält sie für "grenzwertig", sie warnt aber zugleich vor voreiligen Anschuldigungen.

Auch wenn ein Arbeitsgericht Strobls fristlose Kündigung für unwirksam erklärte, will er wie Doris Fassio die Einrichtung nach der Wahl des Betriebsrats verlassen. Dessen Aufgabe wird dann sein, Ruhe ins Haus zu bringen. Die Gemeinde möchte, wie Zweite Bürgermeisterin Mindy Konwitschny (SPD) sagt, einen Mediator von außen berufen und die Konfliktparteien an einen Tisch bringen. Denn am Ende, sagt sie, seien die Bewohner die Leidtragenden.