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Gastronomie:Döner geht immer

Selim und Esra Demircan haben in Unterföhring einen bayerisch-türkischen Imbiss eröffnet

Von Sabine Wejsada, Unterföhring

Essen geht immer. Das sagt Selim Demircan an diesem Vormittag auf die Frage, ob es für die Eröffnung eines Gastro-Betriebes mitten in der Corona-Krise nicht besonders viel Mut braucht. Vorne im Laden dreht sich der Dönerspieß und Demircans Frau Esra ist mit weiteren Kollegen gerade dabei, Oliven, Pasten und andere Leckereien in der Auslage appetitlich herzurichten. Die Beigaben für den Döner sind geschnippelt und liegen bereit fürs Mittagsgeschäft. In der kleinen Backstube nebenan werden Fladenbrot, Pide, türkische Pizza und Burgersemmeln in den Ofen geschoben.

Der 41-jährige Ismaninger und seine 29-jährige Frau haben Mitte April einen Döner-Imbiss in Unterföhring eröffnet - und die Leute rennen ihnen die Bude ein. Weil pandemiebedingt nur maximal drei Kunden gleichzeitig im Geschäft sein dürfen, bilden sich draußen lange Schlangen. "Das freut uns natürlich", sagt Demircan ein bisschen stolz. Dass der Andrang so groß sein würde, hätten sie zwar gehofft, aber nicht wirklich erwartet.

"Drah di" heißt das kleine Lokal in den ehemaligen Räumen der vor 133 Jahren gegründeten Bäckerei Deck an der Münchner Straße, also "dreh dich" auf Bairisch. Und das tut so ein Dönerspieß ja den lieben langen Tag. Der Name passe einfach gut, sagt Selim Demircan, der nach eigenen Angaben in seinem Heimatort Ismaning nur als der "boarische Türk" bekannt ist. Dort hat er bis 2012 in Bahnhofsnähe den Feinkostladen "Olivium" betrieben, ehe das Gebäude abgerissen wurde.

Die Zusage für das neue Geschäft haben die Demircans rund um Silvester erhalten, zwölf Wochen lang war das Ladenlokal eine Baustelle, investiert hat das Paar einen sechsstelligen Betrag, um die in die Jahre gekommenen Räumlichkeiten auf Vordermann zu bringen. Das ist gelungen. Wer das "Drah di" betritt, den erinnert nichts mehr an die frühere Bäckerei mit ihrer kleinen Kaffeeecke.

Auch Demircan hat ein paar Tische links neben der Theke und in dem Nebenraum aufgestellt, an denen derzeit freilich wegen Corona niemand seinen Imbiss genießen kann. Und der kleine Garten hinter dem Geschäft ist ebenfalls verwaist. Den wollen er und seine Frau erst im nächsten Jahr herrichten und in Betrieb nehmen. Nun gelte es erst einmal, den Laden mit bayerisch-türkischem Konzept und einer eben solchen Speisekarte am Laufen zu halten, sagt Demircan.

Das Weißkraut für den Döner stammt natürlich aus Ismaning, die Karotten auch, und wenn auf den nahen Feldern wieder alles mögliche Gemüse wächst und gedeiht, dann kommt es im Unterföhringer "Drah di" aufs Brett. Nicht nur als Beilage, sondern auch als Hauptbestandteil der vegetarischen und veganen Speisen, die ebenfalls auf der Karte stehen und von dem fünfköpfigem Team zubereitet werden.

Eine typische Gastro-Ausbildung hat Selim Demircan nicht. Gelernt hat der 41-Jährige Buchbinder, wie er erzählt. Über Freunde sei er in die Branche gekommen, als sich einer seiner Spezln vor vielen Jahren die Hand gebrochen habe und er für ihn eingesprungen sei. Weitere Einsätze folgten. "Das hat mir immer Spaß gemacht", sagt Demircan, der nach dem Ende des Oliviums eine Anstellung im Textilbereich fand. Feinkost und Gastronomie haben ihn aber nie losgelassen, die Eröffnung eines eigenen Ladens lag seinen Worten zufolge auf der Hand. Sorge, dass das coronabedingte Mitnahme-Geschäft sich nicht lohnen könnte, hat er nicht. "Wir haben uns seit Beginn der Pandemie dauernd was geholt", sagt der Ismaninger. Hunger hat man schließlich immer, selbst wenn das Essen und Trinken vor Ort im Lokal womöglich noch eine ganze Weile lang nicht erlaubt sein dürfte.

© SZ vom 23.04.2021
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